Das open art museum in St. Gallen zeigt Zeichnungen und Gemälde von Adelheid Duvanel, die bisher vor allem mit ihren verdichteten Erzählungen über Randexistenzen für Aufsehen gesorgt hat. 63 ausgewählte Objekte geben Einblick in ihr bildnerisches Schaffen.
Die 1936 in Pratteln geborene Adelheid Feigenwinter wuchs in einem autoritär-katholischen Elternhaus als ältestes von drei Geschwistern auf. Schon früh begann sie Gedichte und Theaterstücke zu schreiben, zeichnete und malte und galt als «Wunderkind». Mit 14 verbrachte sie nach dem Abbruch des Gymnasiums ein Jahr im katholischen Mädcheninternat Sacré-Coeur am Neuenburgersee. Mit 17 wurde sie nach einem Suizidversuch in die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) eingewiesen und dort mit Insulinspritzen und Elektroschocks «behandelt». Nach ihrer Entlassung besuchte sie die Kunstgewerbeschule und begann eine Lehre als Textilzeichnerin und Werbegrafikerin, was sie aber abbrach. Stattdessen widmete sie sich dem Schreiben und Malen.

Adelheid Duvanel (Ende 1970er/Anfang 1980er Jahre. Ausschnitt (Foto bs)
1962 heiratete sie den Kunstmaler Joe Duvanel, der ihre Malerei nicht duldete, so dass sie sich vermehrt dem Schreiben zuwandte. 1964 wurde die Tochter Adelheid geboren, die auf Wunsch des Vaters denselben Vornamen wie die Mutter tragen sollte. Nach einem einjährigen Familienaufenthalt in Formentera (1968/69) kehrten sie nach Basel zurück. Zeitweise wohnten sie mit einer Freundin von Joe Duvanel zusammen, die von ihm ein Kind erwartete.
1981 wurde die Ehe mit Joe Duvanel geschieden und Adelheid begann wieder mit dem Malen. Im gleichen Jahr nahm sie in Klagenfurt am Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis teil. Ab 1981 kam es zu wiederholten Aufenthalten in der UPK, ein «Schutzraum», wo viele ihrer Zeichnungen und Bilder in ihren späteren Jahren entstanden.
1985 wurde ihre drogenabhängige Tochter aidskrank, welche sie zeitweise bei sich in ihrer Wohnung aufnahm, wodurch sie dem Drogenelend und der Erpressung durch Drogendealer ausgesetzt war. 1986 nahm sich Joe Duvanel das Leben. 1987 gewann Adelheid Duvanel den Literaturpreis der Stadt Basel, 1988 den Gesamtwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung, 1995 den Gastpreis der Kantons Bern. 1996 starb sie unter Medikamenteneinfluss durch Unterkühlung in einer kalten Julinacht im stadtnahen Wald.
Das tragische Leben von Adelheid Duvanel wird sichtbar in ihrem bildnerischen Werk: gebrochene Frauenfiguren, geflüchtete Kinder, Angst, Einsamkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit. Aus den insgesamt 217 Arbeiten der Museumssammlung des open art museums geben 57 ausgewählte Werke Einblick in das Schaffen der Künstlerin. Dazu kommen sechs Leihgaben aus der Serie der UPK aus der späten Werkphase der Künstlerin.
Die Ausstellung wird kuratiert von Isabelle Zürcher, welche an der Vernissage vom 9. November eine eindrückliche Einführung in Leben und Werk von Adelheid Duvanel gab. In einem Gespräch zwischen Karin Dammann von der Sammlung Karin und Gerhard Dammann und der Museumsleiterin Monika Jagfeld wurden weitere Aspekte von outsider Kunst erörtert und ein Blick in die gleichzeitige Ausstellung «Ein Traum von einem Ballkleid» mit Werken aus den Universitären psychiatrischen Kliniken Basel geworfen. In dieser Ausstellung wird auch der Film «Selbstbildnis Béatrice S.» von 1974 gezeigt, in welchem Beatrice Schweizer ihre Drogensucht und ihren Umgang mit der Psychiatrie thematisiert, die sie «Bewahranstalten» nennt, wo «wir seltsamen Menschen, die nicht in die Norm der Leistungsgesellschaft passen», ruhiggestellt werden. In diesem Film gibt es auch eine kurze Szene, in der Joe Duvanel Beatrice Schweizer porträtiert. Beatrice Schweizer und Adelheid Duvanel begegneten einander in und ausserhalb der UPK.
Adelheid Duvanel. «Resignierter Engel, weil an Ast gefangen», 1958, Bleistift und Farbstift auf Papier, 29.9 x 21.2 cm, © open art museum
Adelheid Duvanel, Ohne Titel ( Mutter und Kind ), 1960. Kreide auf Karton, 29.7 x 21 cm, © open art museum
Adelheid Duvanel. Ohne Titel ( Frau und Kind getrennt durch Zaun / Mutter im Feuer), 1960, Kreide auf Karton, 29.7 x 21 cm, © open art museum
Adelheid Duvanel. Ohne Titel ( Schwebende / fallende Frau ) 1984, Filzstift auf Papier, 29.6 x 21 cm, © open art museum
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Titelbild: Adelheid Duvanel. Ohne Titel ( Drei weibliche Figuren ) 1987, Filzstift auf Papier, 21 x 29.7 cm, © open art museum.
Ausstellung: Adelheid Duvanel, 9.11. 2025 – 18.10. 2026
Ausstellung: Ein Traum von einem Ballkleid. Werke aus den Universitäteren Psychiatrischen Kliniken Basel, bis 22. 2. 2026
Weitere Veranstaltungen auf der Website des open art museums
Schon 2009 gab es eine Ausstellung «Wände dünn wie Haut» mit Zeichnungen und Gemälden von Adelheid Duvanel im Museum im Lagerhaus St. Gallen, das nun open art museum heisst. Die Museumsleiterin Monika Jagfeld erstellte damals einen Katalog zur Ausstellung, der auch für die gegenwärtige Ausstellung wertvolle Hintergrundinformationen bietet.
Zum schriftstellerischen Werk von Adelheid Duvanel siehe den Artikel in Seniorweb von Maja Petzold

