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Leiko Ikemuras Felsentor

Alles ist ein Werden und Vergehen, alles fliesst. Das Kunstmuseum Chur zeigt mit der Ausstellung «Das Meer in den Bergen» wie sich Leiko Ikemura dank eines Aufenthalts in den Bündner Alpen künstlerisch neu fokussiert hat.

Ein Steingarten strahlt Ruhe aus, zwittrige Bronzefiguren auf Kieshügeln oder Hohlformen von Frauenkörpern beunruhigen und faszinieren zugleich. Manchmal liegen da auch Felsbrocken aus der Gegend. Das war der Künstlerin wichtig. Sie sollen nachher wieder der Natur übergeben werden. Rundherum ist ein Meer der Farben, es sind wandfüllende Projektionen von Malerei, grossformatige Bilder, Tempera auf Jute, die den Menschen in der Natur thematisieren und sich auf eine zeitlose Umwelt in den Alpen beziehen.

Ausstellungsansicht mit Papagei-Usagi (2020-2024) und Alpenindianer (1989)

1989 hat die Japanschweizerin Leiko Ikemura (*1951), eine der grossen Künstlerinnen der Gegenwart, rund ein Jahr in Sarn am Heinzenberg gelebt und im Dachgeschoss des Schlosses Fürstenau gearbeitet. Das nachdem sie in der Zürcher Kunstszene der 80er Jahre eine der aktivsten gewesen war, mit all den damals Berühmten von Martin Disler über Urs Lüthi bis Agnes Barmettler zusammen gearbeitet und gefeiert hatte und bei Ausstellungen bekannt wurde.

Skizze ohne Titel (1989)

Nun also der Rückzug in die Berge, in ein kleines Dorf auf rund 1200 Meter über Meer mit einer reformierten Kirche, einem grossen Dorfbrunnen, etlichen Bauernhöfen sowie einer Sägerei als prägende Elemente. Zu ihrem Atelier waren es 600 Höhenmeter abwärts, die sie regelmässig unter die Füsse nahm. Dort auf dem Dachboden des Schlosses war es winters kalt, aber Ikemura war in einer Arbeitsphase, bei der es zugleich um Rückzug und meditative Neubesinnung ging. Kurator Damian Jurt hat zusammen mit der Künstlerin, die heute in Berlin lebt, Arbeiten mit Bezug auf diese Zeit der Isolation fern vom hektischen Kunstbetrieb ausgewählt. Einige Bilder sind für die Ausstellung entstanden.

Waves (2025)

Statt einfach weiter Kunst machen, konfrontiert sich Leiko Ikemura mit der Berglandschaft und deren Spiritualität, erfährt, dass der Raum mehr als eine von Wänden abgeschlossene Dimension ist. Deshalb ist diese Ausstellung nicht eine mehr oder minder gelungene Präsentation von Einzelwerken, sondern ein Gesamtkunstwerk, das sie in enger Zusammenarbeit mit den Leuten vom Museum eingerichtet hat.

Das Meer in den Bergen (2025)

Begonnen hat die Künstlerin in der für sie fremden Umgebung – kein Meer, keine Grossstadt – aber ein traditionelles Bergdorf, auch wenn in jeder Stube längst ein Fernsehgerät steht, mit Zeichnungen ihrer Umwelt: Die schroffen Berge – sie mag auf das Lenzerhorn und ins Albulatal mit dem Piz Kesch und dem Piz Ela geblickt haben – sie zeichnet Tiere, auch das Ungefähre zwischen Himmel und Fels.

Lying Girl (2021)

Hinter der Symbolfigur Papagei-Usagi, einem Mischwesen aus Hase und Schutzmantelmadonna, entstanden nach dem Fukushima-Unglück, hängt eine der frühen Malereien aus der Bündner Zeit: Alpenindianer von 1989. Wie Skifahrer am Malojasee sind menschliche Figuren in Landschaftsformationen integriert, Symbiose von Mensch und Natur im ewigen Fluss von Werden und Vergehen.

Ausstellungsansicht mit Papagei-Usagi (2020-2024), Lying Girl (2021), Double Figure (2021), im Hintergrund Genesis III (2014), Genesis II (2014), Zarathustra III (2021)

Den Kreislauf des Lebens thematisiert die Künstlerin Jahre auch in den drei grossen Gemälden Genesis II und Genesis III sowie Zarathustra III: Schemenhafte Figuren scheinen in einer sanften Landschaft aufzugehen. Aufschlussreich ist die Begleitpublikation «Das Meer in den Bergen» mit einem mehrteiligen Gespräch von Leiko Ikemura und dem Kurator Damian Jurt.

Memento Mori (20213-2018). Videoaufnahme: Cornelia Metzler

Obwohl das Licht im Ausstellungsraum gedämpft ist, vermittelt er mit dem endlosen Lauf der Filmprojektionen von Malerei auf Jute an den nirgendwo kantigen Wänden, die auf einem unaufdringlich-sanften Tonteppich wandern, Zuversicht und Energie einer kraftvollen Frau. Raum, Figuren und Projektion gehen fliessend ineinander über, symbolisieren den Weg in neue Dimensionen der Wahrnehmung, die sich die Künstlerin nach ihrer rohen, wilden Zeit  dank der Berge eröffnet hat.

Titelbild: Ausstellungsansicht mit Skulpturen und der Videoinstallation «Nocturno Vivo» (2022)
Fotos: Cornelia Metzler und Eva Caflisch
Nur noch bis 23. November!
Informationen für den Besuch

Info: In der Wiener Albertina beginnt die umfassende Leiko-Ikemura-Ausstellung «Motherscape» (ab 14. November)

 

 

 

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