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Schülerrecht auf Auswendiglernen

Auf dem Titelbild des Magazins des Tagesanzeigers vom 25. Oktober ist ein springender Knabe zu sehen und dabei steht geschrieben: «Bitte nicht so schnell.» Der Pädagogikprofessor Roland Reichenbach beantwortet in einem Interview Fragen zum heutigen Schulbetriebt. Wenn die Welt sich sehr ändere, sollte sich nicht auch die Schule radikal verändern? Reichenbach antwortet: «Im Gegenteil, wenn alles schneller wird, sollte die Schule langsamer werden.» Diese Antwort hatte ich eigentlich erwartet. Während des Interviews zitierte der Professor ein Gedicht und wird gefragt, ob er Gedichte auswendig lerne. «Ich bin ein Verfechter des Auswendiglernens».

Das war für mich eine Bestätigung, denn ich hatte schon vor über vierzig Jahren ein «Schülerrecht auf Auswendiglernen» postuliert und darüber Artikel geschrieben, die Echos ausgelöst haben. Als ich Jahre später vor der Lehrerschaft einer Schulgemeinde einen Vortrag halten sollte, wählte ich das Thema meines damaligen Postulats. Ich kam damit bei der jüngeren Lehrerschaft nicht gut an.

Gute, gelungene Gedichte sind sprachschöpferische Höchstleistungen. Sie bereichern das kindliche Sprachgefühl und festigen und formen es zugleich. Sie wecken das Denken, weil sie meist mit Metaphern sprechen, die mit der Lehrerin zusammen gedeutet und eingeordnet werden. Wovon handelt der Dichter: «Das gelbe Laub erzittert, / Es fallen die Blätter herab; / Ach, alles, was hold und lieblich, / Verwelkt und sinkt ins Grab.»

Die Schüler sollen erraten, in welcher Jahreszeit all dies geschieht. Was meint der Dichter mit «erzittern»? In welches Grab sinken die Blätter? Ist «sinken ins Grab» das richtige Wort? Nein, aber der Dichter sucht ein Bild, das sich mit «herab» reimt. Darf er das? Mit dieser ersten von vier Strophen lässt sich schon eine Lektion halten. Heines Gedicht wirft Fragen auf und um dieses Fragen geht es. Es ist nicht das flüchtige Darüber Hinwegrauschen, an das sich Kinder leicht gewöhnen. Und der Lohn des Lernens und Übens ist ein Bhaltis, das unter Umständen ein Leben lang zum Besitz wird.

Das Zappen am Handy ist üblich geworden und Google ist jederzeit bereit, Fragen zu beantworten. Was soll man sich also abquälen mit Auswendiglernen? Das Handy liefert sofort alle gewünschten Informationen. Lehrer und Lehrerinnen wissen, dass Informationen nicht zu Bildung führen. Bildung hat erlangt, wer Fragen stellen kann. Weiss man nichts, kann man keine Fragen stellen. Daraus folgert der Pädagoge, dass die Schule in erster Linie Wissen vermitteln muss. Reichenbach betont dies ausdrücklich und begründet, was Schule ist. Ein langer und langsamer Lernvorgang, der ohne Übung nicht fruchtet. Üben, Üben und nochmals Üben ist ihr Auftrag. Das sollte ihr Anti-Ideal zur Subito-Gesellschaft von heute sein.

Vieles, was man in der Schule lerne, vergesse man wieder. Reichenbach zitiert einen klugen Mann, der einmal gesagt habe: «Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn man vergessen hat, was man in der Schule gelernt hat». Auswendig gelernte Gedichte aber verharren hartnäckig. Ich würde noch hinzufügen, Bildung sei im Minimum ein Wissen, das mir sagt, in welcher Epoche Ereignisse stattfanden und bedeutende Persönlichkeiten lebten, von denen geredet wird. Wer war Heine und wann lebte er? Vor oder nach der Französischen Revolution?

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2 Kommentare

  1. Ja, die alten Werte, ich verstehe Sie lieber Herr Iten. Aber die Schule ist heute ein gänzlich anderer Ort als derjenige, den wir Alten erlebt haben und noch erinnern. Ich habe drei Enkelkinder, 12, 14, 14 Jahre alt. Ich staune immer wieder, was für tolle Themen und Lernweisen die Jugendlichen in ihrem Schulalltag erleben dürfen.
    Sie lernen in kleinen Gruppen und entwickeln gemeinsam oder einzeln und selbständig verschiedene Projekte. Meine 14-jährige Enkelin, die sehr gerne liest, recherchiert z.Zt. in einem selbst gewählten Einzelprojekt über Piratinnen in der Geschichte, das sie am Ende in einem Vortrag anhand verschiedener begleitender Zeugnisse der Klasse vorstellt. Bei all diesen Vorhaben werden selbstverständlich die neuen Medien wie das Internet oder das Sprachmodell ChatGPT und andere als Unterstützung beigezogen.

    Auswendiglernen ist vor allem in Form von aktuellen Songs z.B. mit Mundart-Rap, eine Art Sprechgesang, sehr beliebt; auch nicht wenige versuchen Lieder zu komponieren, um diese mit einem eigenen Musikinstrument und/oder mit Gesang stolz vorzutragen. Auch die am Mischpult selbst erzeugte elektronische Musik ist besonders bei den Jungen sehr beliebt.
    Fast an allen Schulen finden Theateraufführungen statt. Hier kommen die Schüler:innen auch mit alten Stücken in Berührung und diese werden mit Hilfe der Lehrer:in oder einer ausgebildeten Fachkraft oft in die heutige Zeit übersetzt und in Mundart vorgetragen. Sicher gibt es Schüler:innen, die gerne lesen und Gedichte auswendig lernen, doch es gibt heutzutage so viele attraktive und neuzeitliche Alternativen, sich in der Grundschule mit Sprache auseinander zu setzen, dass das Auswendiglernen wie früher nicht mehr den selben Stellenwert hat und das finde ich gut so.

  2. Wer war Heine..
    Novemberstammtisch in der Bar de l’Hôtel de Ville, ein gutes Dutzende Französinnen und Franzosen und Zugewandte, die irgendwann Deutsch unterrichteten oder im deutschen Sprachgebiet tätig waren und sich seit zehn Jahren monatlich treffen, um die Sprache nicht zu verlieren. Lieber Andreas Iten, Auswendiggelerntes ist auch mit Erinnerungen verbunden. Colette, 81, ehemalige professeur du lycée rezitierte die “Loreley” ohne zu stocken, Michel, 78, einst Physiker an deutschen Unis schob mit Versen von Morgenstern nach und ich, 82, erinnerte an Heines “Nach Frankreich zogen zwei Grenadier’”. Ob das nun lächerlich klingt? Vielleicht, aber wir haben uns mächtig amüsiert. Noch nicht alles vergessen!

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