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Klamauk-Komödie mit Tiefgang

Mani Matter liess Schillers Tell im «Löie z Nottiswil» aufführen. Die Tell-Spiele Interlaken inszenieren den Klassiker auf der bekannten Waldbühne. Als Klamauk-Komödie hat man das Schweizer Nationalepos noch nie gesehen. Das Berner Effingertheater schliesst diese Lücke mit einer Uraufführung, die beim Publikum polarisiert.

Selbstverständlich habe auch ich in der Sekundarschule Schillers Tell im Original gelesen. Und mich gelangweilt. Die schulische Pflichtlektüre war ein Murks, freudlos und zum Vergessen: Unverständliche Sprache in Versform, verstaubte Protagonisten-Namen, eine antiquiert-schleppende Handlung, fast nur Männer als Darsteller. Bereits vor sechzig Jahren fanden wir Jugendlichen Schillers Tell nicht mehr zeitgemäss.

So stellte sich Friedrich Schiller «seinen» Tell vor. Gezeichnet von Friedrich Pecht und Arthur von Ramberg/ Wikipedia.

Ganz anders kommt Gornayas neue Gesellschaftskomödie daher, die vor zwei Wochen am Effingertheater in Bern uraufgeführt wurde. Statt auf dem Rütli findet der Aufstand gegen ausländische Tyrannen in der Waschküche eines Mehrfamilienhauses statt. Weisse Leintücher symbolisieren die verschneiten Berge. Dazwischen erkennt man eine Gämse.

Ein Bügelbrett wird zum Regietisch. Kaugummikauen ist erlaubt. Der Waschplan entpuppt sich als «Bibel der Schweizer». Kurz gesagt: Die pathetische Rütli-Wiese kommt zu den Leuten, auf Augenhöhe mit den Protagonistinnen und Protagonisten. Tell ist kein übermenschlicher Held mehr, sondern ein  junger Nachwuchsschauspieler, der Hunger und menschliche Bedürfnisse hat.

Gornayas Tell möchte lieber Hamlet spielen.

Die Handlung

Krampfhaft versucht die pensionierte Lehrerin Liselotte (gespielt von Heidi Maria Glössner) mit Laienschauspielenden «den Tell» zu inszenieren. Doch so richtig will ihr dies nicht gelingen: Leo, der eine Hauptrolle spielen sollte, erscheint nicht zur Probe. Bauernsohn Enzo (Jonin Herzig) träumt davon, als Nachwuchsschauspieler in Berlin Karriere zu machen und geht mit seinen Hamlet-Zitaten allen auf den Keks.

Die feministische Maxi (Mariananda Schempp) bricht laute  Grundsatzdiskussionen über die Diskriminierung der Frauen vom Zaun. Mit ihrer blauen Perücke verkörpert sie die heutige Jugend, benutzt Anglizismen wie «open minded» oder «fuck» und gebärdet sich als Revolutionärin.

Eine Hausbewohnerin (Marianne Tschirren) stört die Proben. Sie bringt und holt ihre Wäsche aus der Waschküche. Als ihr das Ganze zuviel wird, wechselt sie das Türschloss aus. Doch die Massnahme hindert die Theatertruppe nicht am Proben.

Die deutsche Yogalehrerin Jasmine (Kornelia Lüdorff) hat nur ein Ziel: Sie will endlich den Einbürgerungstest bestehen, um Vorzeigeschweizerin zu werden. In ihrer rosa Trainingshose biedert sie sich bei allen an, unterwirft sich der strengen Regisseurin bedingungslos und tritt dabei andauernd in Fettnäpfchen. Ihr komödiantisches Verhalten ist dermassen peinlich, dass es schon wieder gut ist.

Und dann platzt noch Enzos Mutter Antonella (Grazia Pergoletti), eine eingewanderte Italienerin, in die Proben: Die gestandene Bäuerin mit Kuhmist an den Stiefeln hält nichts von den Theaterambitionen ihres Sohnes. Lieber soll dieser die Schweinezucht seines Vaters übernehmen. Doch dann findet auch sie Gefallen am ausgepflippten Theaterspiel und übernimmt die unbesetzte Rolle des Gesslers. Dank ihrer Intervention erhält das entgleisende Spiel eine neue Wende.

Jasmine (links) möchte unter allen Umständen Schweizerin werden.

Zitatenflut auf Kosten der Geschichte

Die Proben pendeln hin und her, zwischen xenophoben Ausbrüchen (Maxi) und vaterlandsliebender Tradition (Liselotte). Schillers Originalzitate in Versform werden mit Pathos eingeübt, diskutiert und wieder verworfen. Neue Sprüche kommen hinzu: Aus «Sein oder nicht sein» wird «Schwein oder Nicht-Schwein». Unter die Haut geht auch der rassistische Satz «Lawinen sind immer noch besser als Fremde.»

Regisseurin Liselotte gibt zu bedenken: «Die Berge müssen weg, der Mensch ist Abgrund genug.» Und Antonella, an Enzo zweifelnd, fragt: «Mein Sohn soll den Apfelschuss machen? Er kann einen Boskoop nicht von einem Gala unterscheiden.» Da der Apfel abhanden gekommen ist, holt Jasmine als Ersatz eine Banane aus ihrer Tasche. Was für eine Provokation für Patrioten!

Die vielen Zitate – original oder von Gornaya neu erfunden – sind zwar witzig. Sie bilden einen verbalen Fleckenteppich, der unterhält. Aber die Sprüche sorgen auch dafür, dass der rote Faden streckenweise verloren geht. Was ist wichtiger: Viele gute Sprüche oder eine in sich geschlossene Parabel? Dieser Umstand irritiert und sorgt beim Publikum für eine Polarisierung. Nach der Pause sind leere Plätze unübersehbar. Und die Theaterleitung sieht sich mit erbosten Kommentaren konfrontiert. Tell in einer Waschküche? Was für eine Frechheit!

Geprobt wird die Hut-Szene, in der Tell angewiesen wird, Gesslers Hut auf der Stange grüssen.

Mag sein, dass einigen Zuschauenden die klamaukartigen Szenen zuviel des Lustigen sind, weil sie als unterhaltender Selbstzweck daherkommen. Doch wer genau hinhört und das Gesagte reflektiert, entdeckt in den angeblich absurden Zitaten auch Tiefgang und Aktualität. Die für das Effinger ungewöhnliche Inszenierung löst nicht nur Irritationen aus, sondern stösst beim überwiegenden Teil des Publikums auf Begeisterung. Der Applaus am Schluss der von Seniorweb besuchten Aufführung war stürmisch und lang.

Vergangenheit – Zukunft

Unsere Gesellschaft schwankt zwischen Altbewährtem und experimenteller Veränderungslust. Liselottes Tell-Interpretation basiert auf der bewährten Vergangenheit, auf Freiheit und Unabhängigkeit. Maxis Blick dagegen ist auf die Zukunft gerichtet. Sie kämpft gegen Unterdrückung und Umweltzerstörung, für eine lebenswerte, gerechte Welt.

Zentral in Gornayas Komödie ist auch der Begriff «Heimat»: Selbstverständlich ist es wichtig zu wissen, woher man kommt, aber die Schweiz gehört längst nicht mehr nur den Schweizern. Der Begriff «Heimat» hat mit der Migration eine neue Bedeutung bekommen. Fragen zur Zugehörigkeit, zur individuellen Freiheit beschäftigen die heutige Generation mehr als Neutralität und Unabhängigkeit von fremden Herrschern.

Ein Feuerwerk an Verortung im Hier und Jetzt

Mit Gornayas Feuerwerk bricht das Effingertheater mit seiner bisherigen Tradition des braven Bildungsbürger-Theaters. Lauthals geisselt das junge Ensemble Männerdominanz, Frauenunterdrückung, Sklavenwirtschaft, Umweltkatastrophe, die fleischlastige Landwirtschaftspolitik, den latenten Fremdenhass. Selbst das Traditionstheater bekommt sein Fett ab: Klassische Stoffe sind out, woke Stoffe, unkonformistische Stücke und verzerrte Wirklichkeiten in.

Gornayas Auftragswerk für das Theater an der Effingerstrasse ist eine liebevoll parodistische Tell-Hommage, eine fein beobachtete Gesellschaftskomödie, ein Kritikstück, das die historischen Erzählungen der Schweizerinnen und Schweizer über sich selbst auf die Schippe nimmt. Wer von «Verhunzung» spricht, der möge bedenken: Theater ist nicht nur für die Unterhaltung da. Es darf, ja MUSS provozieren, uns einen Spiegel vorhalten, zum Nachdenken anregen. Heilige Kühe, die geschont werden müssen, gibt es keine mehr.

An künftige Publika denken

Wenn ein provokatives Stück junge Leute ins Theater bringt, ist ein weiteres Ziel erreicht. Schulklassen holt man nicht mit klassischen Inszenierungen in den Zuschauerraum. Es braucht die jungen Themen, eine junge Sprache, junge, queere Spielende, eine Theaterwelt, mit der sich Jugendliche identifizieren können, in der sie träumen dürfen (sagt Liselotte). All diese Ansprüche erfüllt Gorayas «Tell» voll und ganz: Laut der Theaterleitung haben sich bisher Schulklassen der Gymnasien Lerbermatt, Kirchenfeld und Interlaken mit über 400 Schülerinnen und Schülern für einen Theaterbesuch am Effinger angemeldet.

Spielt die Rolle der Laien-Regisseurin Liselotte (links) überzeugend: Heidi Maria Glössner, hier zusammen mit Profi-Regisseur Jochen Strodhhoff.

Der Beweis ist erbracht: Dank Jugendthemen und Jugendsprache  ist Jochen Strodthoffs Inzenierung  (Ausstattung: Angela Loewen, Licht Volker Dübener) geeignet, neue, junge Publika ins Theater zu bringen. Der Wechsel vom Hochdeutschen ins Berndeutsche und die Berner Schauspielprominenz auf der Bühne sorgen zusätzlich für die erwünschte Verortung des Tell-Dramas in der Bundesstadt. Damit sich die heutigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten bei der Lektüre des Tell-Dramas nicht mehr langweilen.

Tells Geschoss tut in diesem Fall weh, aber es trifft ins Schwarze.

Titelbild: Während den Theaterproben suchen die Spielenden Zugehörigkeit und Anerkennung. Alle Fotos: Severin Nowacki.

LINKS

Homepage von Gornaya   

Theater an der Effingerstrasse

 

 

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