1 KommentarZwei Restauratoren am Werk - Seniorweb Schweiz
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Zwei Restauratoren am Werk

Die beiden Restauratoren Michael Kaufmann und Matthias Läuchli haben die Aufgabe, zwei grosse Bildtapeten aus dem frühen 18. Jahrhundert zu konservieren. Diese stammen aus dem Landhaus Kapf bei Aristau, dem ehemaligen Wohnhaus der Dichterin Erika Burkart. Ein Besuch im Aargauer Restaurierungsatelier in Muri.

Das Restaurierungsatelier von Michael Kaufmann befindet sich am Rande von Muri mitten im Industriegebiet. Ich werde mit dem Auto abgeholt, denn eine Busverbindung gibt es nicht, zu Fuss wären es 30 Minuten. Beim Eintreten fallen als erstes die riesigen Rollen an der Wand auf. Sie reichen bis zur Decke. Sichtbar sind darauf grüne Zweige mit reichem Blätterwerk und blauer Himmel mit Wolken. Das müssen die historischen Tapeten sein, von denen mir Matthias Läuchli berichtet hat.

Die drei Meter hohen Landschaftstapeten werden auf Rollen aufbewahrt

Die Landschaftstapeten stammen aus zwei Räumen aus dem Landhaus Kapf bei Aristau. Wegen der aktuellen Gebäude-Renovation wurden sie demontiert. Das Landhaus war vom Abt des Klosters Muri 1736 als Sommerresidenz umgebaut worden. Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in Besitz der Familie Burkart. Die Schriftstellerin und Lyrikerin Erika Burkart (1922-2010) verbrachte praktisch ihr ganzes Leben in diesem Haus und erwähnt in ihrer Dichtung die «handbemalten alten Leinwandtapeten». Ihr Mann, der Schriftsteller und Publizist Ernst Halter (*1938), übergab das Gebäude unlängst der Josef Müller Stiftung Muri.

Flusslandschaft mit Gebirge, Bäumen und «Jesus am Brunnen mit der Samariterin» aus dem Johannesevangelium (rechte Seite). Foto: ©
Romeo Polcan

Die Bilder waren für Erika als Kind beunruhigend, zumal hinter den Tapeten Mäuse herumrannten. Im Roman Der Weg zu den Schafen von 1979 erinnert sie sich: «Die Motive, Bäume, Wolken, Schlösser und Hütten gingen ineinander über». Und zur Szene von Jesus mit der Samariterin am Brunnen schrieb sie: «Christus sass neben dem Brunnen auf einem Stein. Er trug ein blaues Kleid und einen roten Mantel…Das Bild war stark verblasst. Zwei graue Ovale anstelle der Gesichter. Dort, wo vermutlich Christi Mund gewesen war, konnte man ein Loch bemerken. Jemand hatte dort, wer weiss wann, einen Nagel eingetrieben, um ein Kleidungsstück oder ein Bild aufzuhängen. Der Nagel war schon längst herausgefallen, und nun hatte Christus einen offenen Mund, eine nagelkopfgrosse Höhle, aus der das Wasser des Lebens rann, immerzu, immerzu.»

Burkarts Hinweis auf das «rinnende Wasser», die Wasserflecken, und das «Loch im Kopf von Jesus» schafft einen historischen Wert. Denn durch diese Erwähnung müssen die Fehlstellen sichtbar bleiben und dürfen nicht einfach wegretuschiert werden, erklärt mir der Gemälderestaurator Matthias Läuchli.

Detailaufnahme «Jesus am Brunnen mit der Samariterin»

Die Bildtapeten waren auf einer Rolle eingelagert, als Michael Kaufmann vor einem Jahr die Anfrage der Stiftung erhielt. Für diese Aufgabe holte er seinen Compagnon, den Gemälderestauratoren Matthias Läuchli aus Wallisellen dazu. Die grossen Bildformate waren eine logistische Herausforderung. Die Restauratoren kreierten passende Rollen aus plastifiziertem Karton, auf denen sie jeden Bildabschnitt einzeln auf- und abrollen konnten, auch über dem Arbeitstisch. Dieser wurde ebenfalls neu entwickelt mit Platten aus Chromstahlblech. Durch eine gelochte Platte lässt sich zudem mittels zwei seitlichen Saugen Unterdruck erzeugen, um die Malschicht zu festigen und die Gemäldestruktur zu planieren.

Die Tapeten lassen sich von der oberen Rolle auf dem Tisch auslegen und hinterher gereinigt und konserviert über die untere Rolle wieder aufrollen. Foto: © Atelier Kaufmann

Die Malerei besteht nicht aus Ölfarbe, sondern aus proteinischer Leimfarbe auf weiss grundierter Leinwand. Dabei bleibt die Farbe matt und die textile Leinwandstruktur sichtbar, was an gewirkte Tapisserien erinnert. Deshalb spricht man von «Gobelinmalerei». Hergestellt wurde sie vermutlich anlässlich des Umbaus im Jahr 1736 oder etwas später von einem unbekannten Dekorationsmaler. Da das Landhaus Kapf mit dem Kloster Muri verbunden war, könnte es sich um einen Klosterbruder handeln oder um einen Wandermaler. Für die Figuren fand Matthias Läuchli französische Vorlagen, die als Drucke international verbreitet waren und die Dekorationsmaler inspirierten.

Was auf den Bildern auffällt, sind die prägnanten Vogeldarstellungen über den Türen und in den Bäumen. Diese erscheinen in gleicher Weise auf einer Täfermalerei der Sommerresidenz des Klosters Wettingen und tragen die Inschrift: «SCVTVM PICTORUM» mit den Initialen «HS – IGM» und der Jahreszahl 1729. Diese Sommerresidenz befand sich auf dem Sennenberg oberhalb von Killwangen und wurde 1919 abgebrochen. Die Täferbilder werden im Historischen Museum Baden aufbewahrt.

Landschaftstapeten im Landhaus Kapf bei Aristau. Auffallend sind die Vogeldarstellungen in der Malerei. Foto:© Romeo Polcan

Es wäre wünschenswert, die Landschaftstapeten vertiefter zu erforschen. Weitere Beispiele von «Gobelinmalereien» aus den 1760er Jahren sind in Rheinfelden, Basel und noch in Solothurn erhalten. Im Aargau sind ölgemalte Tapeten von Maximilian Neustück (1756-1834) in Zofingen im Sennenhof sowie im Schloss Lenzburg bekannt und von Caspar Wolf im Schloss Horben, dies ebenso eine Sommerresidenz des Klosters Muri.

Wann die Tapeten wieder an ihren originalen Standort zurückkehren, ist noch offen. Bislang wurden sie konserviert, das heisst gereinigt, gefestigt und Löcher und Risse auf der Rückseite mit feinem Polyestergewebe gesichert. Retuschen könnten erst in einem zweiten Schritt vor Ort gemacht werden, wenn die Bildfläche gesamthaft einsehbar ist. Die zahlreichen Flecken, Wasserläufe und Fehlstellen würden dann diskret retuschiert, um die Bildflächen zu beruhigen und die Szenen geschlossener erscheinen zu lassen.

Michael Kaufmann neben einem der Reliefs aus dem Chorgestühl von Muri, das er früher restaurierte.

Michael Kaufmann (*1961) stammt aus Lungern in Obwalden. Als gelernter Holzbildhauer meldete er sich für die Mitarbeit an der Restaurierung des Schnitzwerks im Kloster Muri. Danach absolvierte er den Studiengang Restaurierung von Gemälden und polychromierter Skulptur an der Hochschule der Künste in Bern HKB. Er blieb in Muri und übernahm 2001 die Werkstatt seines Vorgängers Josef Brühlmann. Matthias Läuchli lernte er auf einer Baustelle kennen.

Matthias Läuchli bei der Arbeit im Restaurierungsatelier Kaufmann in Muri.

Matthias Läuchli (*1971) aus Horn am Bodensee hatte anfänglich künstlerische Ambitionen und besuchte nach der Maturität die Kunstgewerbeschule in St. Gallen. Nach der Ausbildung zum Restaurator/Konservator an der HKB begegnete er dem Restaurator Michael Kaufmann, der ihn als Mitarbeiter für sein Atelier gewinnen konnte. Fortan arbeiteten sie zusammen unter anderem am Chorgestühl für das Kloster Muri. Vor zehn Jahren machte er sich mit einem eigenen Restaurierungsatelier in Wallisellen selbständig und ist noch mit 30 Prozent für das Kunstmuseum Bern tätig. Bei grossen Aufträgen arbeiten Michael Kaufmann und Matthias Läuchli immer wieder zusammen.

Fotos: rv

Atelier Kaufmann GmbH, Konservierung und Restaurierung, 5603 Muri AG
Läuchli Konservierung Restaurierung GmbH, 8304 Wallisellen.

 

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1 Kommentar

  1. Mit grossem Interesse habe ich diesen Artikel, auf den mich Frau Ruth Vuilleumier persönlich aufmerksam gemacht hat, gelesen. Herzliche Gratulation den beiden Restauratoren für Ihr grosses Engagement zur Erhaltung der den Klöstern 1841 geraubten Güter. Herzlichen Dank auch Frau Vuilleumier für die ausgezeichnete Berichterstattung!
    Der Hinweis auf die Täfermalereien des klösterlichen Erholungsheims ob Killwangen hat mich hellhörig gemacht, da ich seit einem guten Jahr das ehemalige Abtzimmer im Dachgeschoss des heute noch bestehenden Gebäudes in annähernd dreitausend Arbeitsstunden rekonstruiert habe und gegenwärtig mit Feinarbeiten beschäftigt bin. Die Vernissage mit Ansprache von Regierungsrat Dr. Markus Dieth ist am Sonntag, 26. April 2026 um 10.30 in der Lindehofscheune Oberrohrdorf. Interessenten wenden sich bitte an
    Hubert (Hubi) Spörri
    hubertspoerri@hotmail.com
    077 402 31 12

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