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Wenn es an Wahrheit fehlt

Der bekannte Satz von Dostojewski: «Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.» Diesem Wort kann ich nicht zustimmen. Auch Menschen, die nicht an Gott glauben, können sich nicht alles erlauben. Jede demokratische Verfassung spricht von Freiheiten und Pflichten. Im Zivilgesetzbuch sind die Personenrechte aufgeführt. Was nicht rechtlich geregelt ist, wird von Sitten und Bräuchen gesteuert und diese haben oft einen religiösen Ursprung. Human verhielten sich Menschen schon in Gruppen, bevor es Religionen und Kirchen gab. Religionen entstanden nicht von oben nach unten. Vielmehr hatten sie ihren Ursprung in Geschichten, die von grossen Menschen erzählt werden. Das Christentum stützt sich auf die Evangelien. Der Islam auf die Erzählungen von Mohamed. Der Islamische Gott ist ein anderer als jener der russisch-orthodoxen Kirche.

Wenn wir zusehen müssen, wie turbulent es in der Welt zu- und hergeht, dann können wir Gott aus dem Spiel lassen. Wollen wir etwas verbessern, müssen wir Dostojewskis Wort ändern: «Wenn es keine Wahrheit gibt, ist alles erlaubt.» Nicht die Wahrheit in der Einzahl, sondern die Tatsachenwahrheit ist gemeint. Wäre es nicht so, würde alles beliebig und Menschen könnten sich nicht mehr verstehen. Friedrich Dürrenmatt würde von einem Durcheinandertal sprechen.

Aber leben wir wirklich in einem grossen Durcheinander? Bei Esswaren oder Produkten wird noch nach der guten Handwerkspraxis gearbeitet: Etwa bei Brot, bei Werkzeugen oder Dienstleistungen. Sie sind überprüfbare Tatsachen. Da schauen Menschen genau hin. Beim Denken hingegen fehlt oft der Bezug zum Objekt und so wird das Denken zur Spekulation. Es werden Theorien entwickelt, die mit Tatsachen nicht belegt sind. Es handelt sich dabei um persönliche Meinungen oder Behauptungen, die oft den Test der Wahrheit nicht bestehen. Das hat erhebliche Folgen. Einerseits kommt es zu Meinungsstreit, andererseits werden Autoritäten der Forschung und Fachleute vieler Berufsgattungen desavouiert. Woran soll man sich dann noch halten?

Während der Pandemie erlebten wir den Höhepunkt einer Verwirrung, weil Verschwörungstheorien die Menschen verunsicherten. Diese Art der Beeinflussung wird mit den virtuellen Mitteln weitergeführt. Lug und Betrug schwirren durch den Äther und es werden Fake News konstruiert, bei denen Wahrheit und Lüge nicht erkennbar sind. Ein virtuelles Gestrüpp breitet sich wie ein Urwald aus. In ihm finden sich viele Menschen nicht mehr zurecht. Zudem verhärten sich die Fronten. Es wird von Gräben gesprochen, die gar keine echten sind. Es fehlt der Dialog.

So wird ein Graben zwischen Stadt und Land konstruiert. Das erlaubt alt Bundesrat Ueli Maurer, einen Hintertreppenwitz zu lancieren, dass es Sonderbund der konservativen ländlichen Kantone brauche. Den hatten wir schon beim Sonderbundskrieg zwischen den katholischen und den evangelischen Orten 1847. Die Verfassung von 1848 beschloss den ewigen Frieden.

Ich nehme an, dass Toni Brunner in der Sonne, im Haus der Freiheit, zwar mit Ueli mitmacht, aber dann doch ironisch sagt: «Wir nehmen noch Eins!» Der bodenständige Bauer und Wirt wird dem weitreisenden Ueli ironisch gesagt haben: «Wir sind etwas zu spät mit dem 1.April-Scherz.» Da er selber gerne Sprüche gemacht hatte, liess er Uelis neue Schweiz leichten Fusses in die Medien gelangen.  Warum sollte er das nicht tun: «Wer nicht an die Wahrheit von der Tatsache glaubt, dem ist alles erlaubt zu sagen.»

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