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Brauchen wir Senioren wirklich noch Rabatte?

Hand auf Herz, freuen Sie sich, wenn Sie als Seniorin im Kino einen Zweifränkler sparen? Oder wenn Sie als Senior bei der Bergbahn für fünf Franken billiger in die Höhe fahren? Die wohlhabende Frau links und der mittellose Mann rechts profitieren von identischen Vergünstigungen. Sind Rabatte für alle über 65 wirklich schlaue Sozialhilfe? Wir befragten eine Expertin der Caritas.

Olivia Wohlgemuth, 69, Namen geändert, ist auf dem Weg zum Wintersportort im Berner Oberland. Zusammen mit ihrer Schwester besitzt sie dort ein geerbtes Chalet. Seit einigen Jahren ist sie Witwe. Ihr Gatte hat ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlassen.

Skifahren mag Frau Wohlgemuth  nicht mehr. Trotzdem benützt sie bei schönem Wetter gerne die Seilbahn, um in der Höhe die Sonne und die Aussicht zu geniessen. Das Retourticket kostet 35 Franken. Sie bekommt es für 30 Franken. Ist dieser Seniorenrabatt gerechtfertigt?

 

 

 

 

 

 

 

Wir wechseln die Szene. Eigentlich wechseln wir alles. Häuser statt Berge, Brocki-Kleider statt Luxus-Klamotten, ein klappriger Fiat 124 statt der Nobelkarrosse. Im Caritas Laden in Zürich Oerlikon hat Ruedi Niederberger, 71, Teigwaren, Käse und Salat eingekauft, gute Ware zu deutlich herabgesetzten Preisen.

Diese Reduktionen werden durch Lieferanten und Stiftungen ermöglicht. Einkaufen darf nur, wer wie Ruedi Niederberger eine Caritas-Markt-Karte oder eine Kultur Legi* hat und damit beweist, dass er knapp bei Kasse ist. Die Caritas betreibt in der ganzen Schweiz 22 Caritas-Märkte für Lebensmittel, Haushalt und Hygiene. Darüber hinaus gibt es landesweit zahlreiche Secondhand-Kleiderläden und Brockenhäuser. 

 

 

 

 

Armut hat viele Gesichter, Reichtum und üppige Finanzen erkennt man auf den ersten Blick ebenfalls nicht. Unsere Beispiele zeigen das Problem: Heute profitieren Menschen von Altersrabatten, die diese Hilfe nicht mehr brauchen.

In den letzten Jahren beendeten manche Unternehmen ihre Seniorenvergünstigungen. Genaue Zahlen fehlen. Festmachen lässt sich diese Tendenz bei der Migros Aare. Bis Ende 2024 gewährte die Regionalgenossenschaft einmal monatlich der älteren Käuferschaft einen Rabatt von zehn Prozent. Anfangs Jahr hat die Migros dieses Angebot zurückgezogen.


Rabatte für alle Senioren sind ein alter Zopf

Aline Masé, Leiterin Sozialpolitik bei Caritas Schweiz, glaubt, dass Senioren-Rabatte nicht mehr zeitgemäss sind. Sie unterstützt Vergünstigungen, die dort ankommen, wo sie wirklich gebraucht werden.

Seniorweb: Wenn Sie dereinst in Rente gehen, Frau Masé, werden Sie dann Seniorinnen-Rabatte nutzen?

Aline Masé: Das dauert noch eine Weile. Ich weiss noch nicht einmal, mit welchem Alter ich dann regulär pensioniert werde. Ich vermute aber, dass klassische Senioren-Rabatte dann eher eine Ausnahme sein werden. Ich habe das Gefühl, dass es bereits heute weniger gibt als vor dreissig Jahren, als meine Grosseltern ins Rentenalter kamen.

Sind Senioren-Rabatte heute noch zu vertreten?

Nein, nicht mehr. Diese Ermässigungen gehen auf eine Zeit zurück, als Personen im Rentenalter zu einem sehr grossen Teil deutlich weniger Geld zur Verfügung hatten, als während der Erwerbsphase. Da hatten die Reduktionen eindeutig auch ihre Berechtigung. Heute haben wir eine andere Realität.

Also keine Reduktionen mehr für Rentner, weil es denen meist gut geht?

Es gibt nicht wenige Menschen, die im Rentenalter über mehr Geld verfügen als in der Phase, als ihre Kinder zu Hause lebten. Einige können das Vermögen im Rentenalter gar vermehren. Häufig zahlen diese Personen auch weniger fürs Wohnen, weil sie bspw. die Hypothek bereits abgezahlt haben.

Sie verallgemeinern.

Nein. Selbstverständlich gilt dieser Alterswohlstand längst nicht für alle. Es gibt auch heute viele Menschen, die im Alter sehr wenig Geld haben, weniger als in der Erwerbsphase. Die Ungleichheit steigt im Rentenalter noch an: Zwischen jenen, die ihr Vermögen noch vermehren können, und jenen, die kein Erspartes und nur eine Minimalrente und EL haben.

Ihr Vorschlag?



Sozialtarife, also Rabatte für Menschen mit wenig Geld, egal welchen Alters, wären zielgerichteter als Rabatte für Personen im Rentenalter, die viele gar nicht brauchen.

Senioren zu identifizieren ist einfach. Die Identitätskarte genügt. Wie würden Sie klarstellen, welche Menschen berechtigt sind, Sozialrabatte zu erhalten?

Es müsste sichergestellt sein, dass nicht nur jene Menschen profitieren, die staatliche Bedarfsleistungen (zum Beispiel Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen) erhalten. Diese Gruppe ist einfach zu identifizieren. Sondern auch jene, die ohne staatliche Hilfe am Existenzminimum leben, beispielsweise Working Poor. Hier könnten Ausweise wie die KulturLegi* von Caritas zu Rabatten berechtigen. Die Bedarfsprüfung wird bei der KulturLegi jährlich gemacht.

Rabatte gehören zu unserem Wirtschaftssystem. Niemand kann sie verbieten, niemand kann sie erzwingen.

Natürlich. Ich kenne den Ursprung der vielen Seniorenrabatte nicht im Detail. Ich vermute aber, dass mit der Einführung der AHV 1948 überhaupt erst ein Bewusstsein für den Lebensabschnitt als Rentner/in entstand. Vorher arbeiteten die meisten Menschen ja einfach bis zum Tod. 1968 führten die SBB erstmals ein vergünstigtes Halbtax-Abo für Senior/innen ein. Andere Branchen zogen nach, man entdeckte die Rentner/innen als Konsument/innen. Und das ist vielleicht auch der Unterschied zu Menschen mit tiefen Einkommen: Diese Gruppe ist nicht gleich spannend für die Wirtschaft, da sie im Schnitt deutlich weniger konsumieren kann.

Ist die Situation zwischen den Seniorinnen und Senioren und den Jüngeren nicht mehr in der Balance?



Ja, allgemein kann man sagen, dass aktuell ein gewisses Ungleichgewicht zwischen den Generationen besteht: Während ältere Menschen dank Ergänzungsleistungen eine würdige Existenzsicherung erhalten und auch politische Entscheide eher zu ihren Gunsten ausfallen, werden Familien mit minderjährigen Kindern sehr wenig unterstützt.

Familien mit Kindern und mässigem Einkommen sind die neuen Armen?

Heute kann man generell sagen, dass die finanzielle Situation im Schnitt wohl am prekärsten ist, wenn die Kinder klein sind. Das zeigen Befragungen zur finanziellen Situation der Haushalte, die nach Alter und Haushaltstyp unterschieden. Besonders prekär ist die Situation vor allem für Alleinerziehende.



Die Illustrationen im ersten Teil des Artikels sind KI-generiert. 

Der Autor glaubt, dass Seniorenrabatte nicht mehr zeitgemäss sind. Die Mitglieder der Gesamtredaktion können, müssen aber nicht gleicher Meinung sein.

* Die KulturLegi verbilligt Kultur-, Bildungs- und Sportangebote. Die Legi erhalten Menschen, die ein geringes Einkommen dokumentieren können. Die Legi ist in den meisten Kantonen erhältlich. KulturLegi der Caritas

Seniorweb-Artikel über Altersrabatte

 

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8 Kommentare

  1. Ich frage mich, auf welchem Planeten Frau Mase lebt. Es kann doch nicht sein, dass sie tatsächlich glaubt, Familien würden nicht unterstützt!

    Z.B. zahlen Familien keine oder nur geringe Steuern.
    Sie können einen beträchtlichen Betrag pro Kind an den Steuern abiehen
    In fast allen Hotels gibt es Kinderrabatte oder gar Gratisaufenthalte für den Nachwuchs – egal, wie der sich dann aufführt…
    Wer bezahlt einen Teil der Kita Kosten, die dann erst noch von den Steuern abgezogen werden können?
    In fast allen Austellungen und Freizeitvergnügen gibt es spezielle Familienpreise
    Bei Lebensmitteln können Familien von Grosspackungen profitieren, während Alleinstehende einen Kleinmengenzuschlag bezahlen müssen
    Beim GA gibt es Familienrabatt usw.

    Diese Aufzählung ist vermutlich nicht einmal vollständig , und trotzdem gibt es tatsächlich immer noch und immer wieder Leute, die nach «noch mehr» schreien. Auch hier ist die Giesskanne genauso wenig am Platz wie beim Seniorenrabatt. Vielleicht könnten die cüplischlürfenden Doppelverdiener in der Freizeit ja auch ein wenig kürzer treten. Nur vorübergehend, nur, bis sie nicht mehr mit Steuergeldern finanzierte Vergünstigungen für den Nachwuchs beanspruchen müssen um zu überleben – die Ärmsten…

  2. also ich finde das ja sehr frech, stimme da lamar zu! ich bekomme z.b. eine kleine prämienvergünstigung weil ich eine sehr hohe krankenkassenprämie habe. ich habe weder haus noch eigentumswohnung, sondern eine mietwohnung und die kostet seit 1993 auch 1200 franken mehr im jahr!!!. in der stadt zürich ist alles viel viel teurer. miete, krankenkasse etc. und die aussage, man sieht ja, wer rentner ist – ist ja wohl sehr kurzsichtig gedacht! einzig die steuerklärung sagt aus, wer wieviel hat!

  3. Der grösste Senioren-Rabatt ist wohl der für das GA: Es kostet unsereinen fast 1000 Franken pro Jahr weniger.
    Ich habe dem dafür zuständigen VöV-Direktor Ueli Stückelberger mal gesagt, es sei ja unsinnig, Politikbereiche zu vermischen, indem der öffentliche Verkehr bedürftige Rentner subventionieren müsse (erst recht, wo doch viele gar nicht bedürftig sind). Er antwortete: «Das Senioren-GA ist nicht vergünstigt, um Bedürftige zu unterstützen. Sondern weil Senior:innen mit dem GA im Schnitt viel weniger herumfahren als berufstätige GA-Inhaber (Pendler).»
    Ok, das hat mir eingeleuchtet!

  4. Ich finde die Senioren-Rabatte nach wie vor gerechtfertigt. Ja, es gibt die einen, die diese nicht brauche, und vielleicht die AHV auch nicht. Diese könnten aber sehr viel mehr bei den Steuern zur Kasse gebeten werden. Wenn nur die Ärmsten der Armen Rabatte bekommen, dann bezahlt wieder der Mittelstand und den unteren Mittelstand trifft das unter Umständen schwer, sie können sich dann nichts mehr leisten, was Freude, Spass und Geselligkeit betrifft. Da ist dann die Einsamkeit vorprogrammiert und damit die abnehmende Gesundheit. Grossen Dank also an alle, die den SeniorInnen Rabatte geben.

  5. In meinem Umfeld sind sehr gut ausgebildete alte Frauen, auch Akademikerinnen, die «Familienzeit» kannten und lebten, sozial noch immer engagiert sind, aber ihre Renten sind dadurch um
    zehn bis zwanzig Jahre «geschrumpft», es reicht jeweils knapp.
    Meine Generation würde nie die Hand aufhalten, den Staat belasten oder den Freundes- und den Bekanntenkreis angehen, aber die kleinen «Verbilligungen» sind jeweils willkommen.
    Und spannend sind die Gespräche immer, und der geistige Horizont ein lebendiger…

  6. Viel schlimmer als Seniorenrabatte ist die 13.AHV, deren Finanzierung noch immer ungewiss ist und die unabhängig vom Bedarf an alle ausbezahlt werden soll statt nur an solche die sie wirklich nötig hätten!

  7. Die Geschichte ist doch ganz anders: Witwe Olivia Wohlgemuth, geschiedene Niederberger hat nach einer erfolgreichen Scheidung von Ruedi den betuchten «Scheidungsgrund» Johann-Jakob Wohlgemuth geheiratet. Der durch die Scheidung finanziell und persönlich abgestürzte Ruedi Niederberger hat sich davon nie erholt. Eine Geschichte, die nicht einmal selten ist.
    Und Frau Doris: 1200 im Monat weniger, weil wir uns nach 57 Jahren partout nicht scheiden lassen wollen sind ein guter Grund, mich auf die 13. AHV zu freuen.

  8. Ich muss mich zum Glück nicht um Rabatte streiten….Ich hab so wenig Geld zum Leben,dass ich meinen Rabatt am Skilift gar nicht beanspruchen könnte..
    Da fehlt mir schon das Geld für den Zug,für den Skianzug,geschweige für das teure Essen in der Skihütte…

    Die Kultur Legi meint es gut,aber sorry …auch wenn ich nur 50 Prozent der Massage bezahlen müsste,wüsste nicht woher die 70 Fr.dann nehmen?
    vom Essensgeld? (wo ich nur 400 Fr.pro Monat habe?)

    ein tolles Büchlein,aber es ist nur für die Reichen

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