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Liebe! Ein Aufruf

Daniel Schreiber verarbeitet seit einigen Jahren kollektive Stimmungen in Langessays. Sein neuestes Werk ist nicht ein Essay, sondern ein Aufruf, ein Aufruf zu einer Politik der Liebe gegen Hass und Zerstörung.

Nach Nüchtern (2014) über das Trinken und das Glück folgte 2017 Zuhause über die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen. In Allein (2021) geht es um Einsamkeit und was wir dagegen tun können und in Die Zeit der Verluste (2023) wird der Tod von Daniel Schreibers Vater zum Anlass, über die Unbeständigkeit der Welt nachzudenken und über unsere Fähigkeit zu trauern.

Daniel Schreiber nimmt in Liebe! Ein Aufruf  bei sich wie bei andern ein Gefühl der Lähmung, der Desillusionierung wahr und stellt mit Bestürzung fest, dass er die Welt nicht mehr lieben kann. Nachrichten aus aller Welt schlagen aufs Gemüt. Der auf Kosten zukünftiger Generationen ausgeplünderte Planet, die Klimakatastrophen, Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und anderswo sind Ausdruck einer gravierenden Weltunordnung. Mit Militarismus und Finanzmacht Ordnung schaffen zu wollen, wirkt zynisch. Tech-Oligarchen befeuern den Rechtsdrall und verdrehen Begriffe. Was fake und was fact ist, wird vernebelt. Autokraten und Despoten machen Angst. Nur noch 6,6% der Menschen leben in vollständigen Demokratien. «Eine Reihe von Ländern, die bis vor Kurzen als solche galten, etwa die Vereinigten Staaten, entsprachen nicht mehr dieser Definition.» Schreiber konstatiert: Wiederkehr imperialer Politik, weltweiter Siegeszug von Faschismus und Rechtsextremismus.

Gegen das Gefühl der Lähmung stürzte sich Daniel Schreiber in die Arbeit und «machte Yoga, ging laufen und zu meinem Training, absolvierte meine Therapiestunden, versuchte viel Zeit mit meinen Freundinnen und Freunden zu verbringen.» Doch diese Bewältigungsstrategien kamen an ihre Grenzen: «Jeden Morgen las ich die Nachrichten aus den USA (…). Die autoritäre Machtübernahme, die dort vonstattenging, machte mich fassungslos. Jeden Morgen verfolgte ich das Kriegsgeschehen in der Ukraine und im Nahen Osten.»

Daniel Schreiber (geb. 1977), Schriftsteller

Auf die Frage «Welche Haltung bleibt uns, um politisch aktiv zu werden?» findet er die Antwort in der Liebe, «die Liebe im Allgemeinen und die Weltliebe im Besonderen.» Für seine Antwort durchsucht er Texte aus der Philosophie der Antike und des Mittelalters. Im Alten und Neuen Testament und in Schriften anderer Religionen findet er verschiedene Formulierungen der Goldenen Regel. Er lässt sich inspirieren von Hannah Arendt, Erich Fromm, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, Martha Nussbaum, um nur einige zu nennen.

«Angesichts der immer weiter voranschreitenden autoritären Übernahme der Welt» ruft Daniel Schreiber auf den letzten Seiten des Buches dazu auf, «die Welt und das Leben zu lieben», «dem derzeitigen Verfall unseres Miteinanders mit klarem Blick zu begegnen». Denn «Nicht nur Hass ist ansteckend, auch Nächstenliebe, Anstand und Empathie.» Schreiber ruft auf, «Gemeinschaften zu gründen und Begegnungsräume zu schaffen, in denen man sich mit Respekt gegenübertritt und in denen sich Formen der Liebe entfalten können.» Er ruft auf, «sich nicht hinter unseren Bildschirmen und in den sozialen Netzwerken zu verstecken, sondern, wo immer es geht, persönliche Gespräche zu initiieren, mit Nachbarinnen, Freunden, Kolleginnen und Familienmitgliedern, und sich Bewegungen anzuschliessen, in denen wir unsere politischen Überzeugungen verwirklichen können.» Er ruft dazu auf, «ein Gespür für die omnipräsente Täter-Opfer-Umkehr zu entwickeln und genau hinzuhören, wenn sich rechtsextreme Akteurinnen und Akteure zynisch als Geschädigte einer gesellschaftlichen Intoleranz inszenieren.» Er ruft dazu auf, «gegen die eskalierende Ungleichheit anzugehen, die unsere Demokratie und unsere Zivilisation bedroht.»  Sein Schlusssatz lautet: «Ich möchte dazu aufrufen, leidenschaftlich für Gemeinsinn zu kämpfen, für Verbundenheit und ja, immer wieder und unbedingt, für eine Politik der Liebe.»

Wer hört Schreibers Aufruf zur Liebe? Rechtsextreme und Neoliberale, die nur dem persönlichen Gewinn auf Kosten anderer nachhecheln, hören ihn vielleicht, aber verspotten ihn als Ausdruck von Gutmenschentum und Moralapostelgetue. Egomane Geldsäcke und Tech-Milliardäre hören den Aufruf zur Liebe wohl kaum.  Für die 673 Millionen chronisch hungernden Menschen (UNO-Welternährungsbericht 2024) und die 117,3 Millionen Menschen, die vor Verfolgung, Konflikten, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen auf der Flucht sind (Schätzung UNHCR, Juni 2025) ist der Aufruf zur Liebe wohl längst ungehört verhallt. Klimaflüchtlinge, also Menschen, die rechtlich keinen Flüchtlingsstatus haben, aber wegen Extremwetterereignissen wie Dürren, Überschwemmungen oder Stürmen fliehen müssen, hoffen auf liebevolle Aufnahme irgendwo.

Daniel Schreiber bettet seine Ausführungen in die Rahmenhandlung einer Schreibwerkstatt ein, wo die Teilnehmenden Fragen hinter den Fragen nachspüren, sich untereinander austauschen, einander zuhören und wertschätzen. Eine Idylle, die kontrastiert zu einem aktuellen Weltgeschehen, das wie Geschichte erscheint, da darüber in der Vergangenheitsform erzählt wird. Lesenden wird klar, dass Trumpismus, Putinismus, Militarisierung, Autokratie und Diktaturen, Rechtsdrall und Egomanie Formen politischen Wahnsinns einer hoffentlich bald vergangenen Epoche sind. Lokal und zwischenmenschlich ist Liebe möglich. Aber schafft eine Weltbevölkerung auf einem bedrohten Planeten die Transformation in eine Weltgemeinschaft, wo Friede und eine liebende Verbundenheit untereinander und zur Natur gelebt wird?

Titelbild: Daniel Schreiber liest im Kaufleuten, Zürich,  am 1. Dezember 2025. Moderation: Salomé Meier (Fotos bs)

Buch: Daniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf. Berlin 2025. ISBN: 978-3-446-28593-4

 

 

 

 

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