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Toggenburger Tech- und Traumwelt

Seine Maschinen tanzen und träumen. Sie bilden in einem alten Gaden unweit von Wildhaus im Toggenburg einen einzigartigen Kosmos. Aus technischem Abfallmaterial stellt Urs Lendi virtuos Objekte her, die er Figuren nennt und denen er ein Eigenleben zuschreibt.

Der Bus von Buchs kommend hält am Dorfplatz in Wildhaus. Von dort sind es 20 Minuten an der Talstation der Gamplüt Kabinenbahn vorbei bis zum idyllischen Schönenbodensee. Kurz davor steht auf der linken Seite der Strasse ein alter Gaden mit der Anschrift GADExPO. Ich war schon mehrmals zu Besuch und jedes Mal hat Urs Lendi wieder neue Figuren erschaffen. Sein Gaden ist auf allen Etagen von unten bis oben voll.

Urs Lendi in der GADExPO

Woher denn sein Interesse komme, so einzigartige Maschinen zu bauen, frage ich Urs. Schon als Bub habe er aus Altmaterial einfache Maschinen hergestellt. Handwerker hätten ihm geeignetes Material geschenkt. Er habe jeweils lange warten müssen, bis der Dorfschmied ihm zwei Löcher bohrte. Er selbst habe nur wenige Werkzeuge besessen. Während der Wartezeit habe er interessiert zugeschaut und dabei handwerkliche Fertigkeiten kennen gelernt.

Teilansicht von Rotobo: Die Räder laufen koordiniert in gegenseitiger Richtung. Sie wechseln ständig ihre Drehung. 

Was ihn dazu gebracht habe, solche Maschinen nicht nur zu bauen, sondern ihnen ein surreales Leben zu geben? Seine Antwort: Schon immer hätten ihn Materialqualitäten sowie Möglichkeiten und Grenzen der technischen Machbarkeit interessiert. Doch ebenso wichtig sei ihm, dass seine Maschinen geheimnisvolle und erratische Bewegungen ausführen könnten, ergänzt er. Zudem müssten sie schön sein.

Glaucopis, die Helläugige, die durch alles hindurchschauen kann das Verborgene erkennt: meine Lieblingsfigur.

In der Tat, seine Maschinen träumen, leben ihren eigenen Rhythmus. Sie pulsieren, drehen und rotieren: ein technisches Konzert. Sie kennen kein funktionelles Mass sondern nur Möglichkeiten. Urs – ein unbeirrbarer Tüftler und beeindruckender Gestalter. Beide seiner Begabungen ergänzen sich nicht nur, sondern verstärken sich, verschmelzen ineinander. Und der Meister gibt seinen Gesellen auch Namen. Sie sind treffend und originell.

Fascinom oder Observator, der mit seinen Augen komplexes Geschehen durchdringt und unter Forschern an einem soziologischen Kongress der Weltgesellschaft seinen Auftritt hatte.

Besucherinnen und Besucher sehen in den Kreationen menschenähnliche Gestalten oder Figuren zu bestimmten Themen. Sie rattern, wippen und klingeln – und sie bringen uns zum Lachen. Sie sind eben keine kalten Apparate sondern begeisternde Konstrukte aus gebrauchten Materialien, die andere wegwerfen. Sie werden in einem kreativen Prozess veredelt und bekommen durch einfallsreiche Umdeutungen einen neuen Sinn.

Traumschleuder. Die Figur verwirrt durch die ständigen Rotation und den Tanz der Drähte.

Dem Erbauer ist wichtig, dass sie schlicht und schön sind, jede Figur ein Unikat. «Das macht mich frei – ich muss keine wiederholen und keine verkaufen», sagt Urs. Sie erinnern daran, dass Schönheit nicht nur aus dem Bemühen nach Perfektion entsteht, sondern auch aus dem Spiel mit Möglichkeiten, aus Träumen, manchmal auch aus einer ironischen Idee.

Bürstendrohne

«Meine Maschinen fabrizieren nichts. Sie sind offen, zeigen wie sie laufen. Ganz im Gegensatz zu modernen Maschinen, ist ihre Funktionsweise sichtbar. Heute sind Maschinen in der Regel ummantelt und durch Design verhüllt. So verbergen sie ihre technischen Abläufe», erklärt er weiter, «ihre Offenheit macht einen Teil der Faszination aus. Sie zeigen ja gerade, wie sie funktionieren. Sie sind Bewegung ohne Ziel, Routinen ohne Nutzen».

Drei rote Rosen

Die Figuren können galant sein, verschenken auch einmal einen Strauss Blumen. Eine Ästhetik der Zweckfreiheit, die an Dada erinnert: «Das Staunen vor einer verwirrenden Figur, das ist mein Lohn», ergänzt Urs, die strahlenden Kinderaugen und die Frage, wie denn das gehe.

Der Hubar zeigt bei schneller Rotation die Farben des Regenbogens. Wenn die Stäbchen schlaff herunterhängen, ahnt man nichts von diesem witzigen Spiel.

Die Poesie des Materials vermag aus Metallfedern Magie zu machen. Die Maschine wird zum Cluster der technischen Welt im Zeitalter des Homo mechanicus. Und sie möchte Schmunzeln hervorlocken. Viele Werke sind absichtlich albern. Sie wackeln wie betrunkene Tänzer, machen eigenartige Geräusche, schnarren und schnurren, sirren und flirren, rasseln und klappern im Selbstlauf. Einige kann man als ironische Monumente des Industriezeitalters sehen – im Übergang von der mechanischen Welt ins Zeitalter der Informationstechnologie.

Rotationswandler: Wo eines sich dreht, geht das andere mit oder umgekehrt: Geht eines schnell, so ruht sein Gesell.

Die Figuren sind poetische Gestaltungen aus Antrieben und Achsen, Federn und Flanschen, Ketten und Kabeln. Sie zittern, stottern, lachen. Sie parodieren das Mass – und feiern das Übermass. «Meine Maschinen sind lebendige Wesen. Sie sterben, sie tanzen, sie lügen», sagte Jean Tinguely. Darum faszinieren sie uns. In einer Welt der Effizienz ist Staunen ein Akt der Rebellion. Wenn im Gaden von Urs Lendi einige Maschinen ihre Routine gleichzeitig abspielen, sind wir weit entfernt vom musealen Schweigen in vornehmen Kunsttempeln. Im Gegenteil, die Figuren rattern und rütteln, tanzen und taumeln wild durcheinander.

Börsometer

Beim Börsometer zeigen die sich verändernden blauen Säulen imaginäre Aktienkurse an. Die Bewegungen gehen nach oben und nach unten, sind schnell oder langsam – passend zur aktuellen volatilen Situation.

Ist das Kunst? Mit dieser Frage gerät man schnell auf ein Stolperfeld mit vielen, auch sich widersprechenden Definitionen. Eine pragmatische ist die Zuschreibung, Kunst sollte einen Überschuss an Bedeutung haben. Das meint, über die Zeit hinaus soll sie ihre Qualität bewahren und Assoziationen wecken – man sollte sich also nicht schnell daran sattsehen. Das trifft auf die Werke von Urs Lendi zu. Und noch einmal Jean Tinguely: «Die Maschine ist nicht das Gegenteil der Kunst – sie ist ihr Komplize».

GADExPO – der Gaden mit der Ausstellung im oberen Toggenburg

Und weil er so gediegen in die Jahreszeit passt als letzte Figur, der Kerzar. Wenn die Drähte sich rasch drehen, züngeln sie wie Flammen empor.

Kerzar

Titelbild: Urs Lendi taufte diese Figur Strubel
Fotos: Justin Koller

Für einen Besuch der GADExPO melden Sie sich bitte mit folgender E-Mail an: hulendi@bluewin.ch

 

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1 Kommentar

  1. Lieber Urs,

    ich finde deine Arbeit fantastisch und gratuliere dir herzlichst zu deinen tollen Werken.

    Ich werde mich bei dir melden – Doré Walther KunstWerkerin

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