Spiritual Care

Wenn das Ende des Lebens naht, treten neben der medizinischen Begleitung oft spirituelle Fragen in den Vordergrund. Seniorweb führte ein Interview mit Simon Peng-Keller, Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich.

 

Seniorweb: Was verstehen Sie unter Spiritual Care im Unterschied zur Seelsorge?

Simon Peng-Keller: Gemeinhin wird Seelsorge verbunden mit einem religiösen Angebot, einem Angebot von Glaubensgemeinschaften, wobei es schon eine längere Tradition philosophischer und ärztlicher Seelsorge gibt. Spiritual Care hat sich im deutschsprachigen Raum eingespielt als Begriff für eine interdisziplinäre Aufgabe in Gesundheitsinstitutionen, die sowohl von Seelsorgenden als auch von Gesundheitsfachpersonen wahrgenommen wird. Wenn Ärzt:innen, Psycholog:innen und Pflegefachpersonen diese Dimension in ihr berufliches Handeln einbeziehen, spricht man von generalistischer Spiritual Care, im Falle der Seelsorge von spezialisierter Spiritual Care.

Sie bilden an der Uni Zürich angehende Ärzt:innen aus in Spiritual Care. Es gibt Weiterbildungsangebote für Generalist:innen. Sind das die gleichen Angebote wie für Seelsorgende aus kirchlichen Institutionen?

Wir arbeiten in der Aus- und Weiterbildung ganz bewusst interprofessionell, um die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Berufsgruppen im Bereich Spiritual Care einzuüben. Spiritual Care sollte nicht ein zusätzliches Angebot, sondern ein integraler Bestandteil der Unterstützung von Patient:innen sein, etwa wenn eine psychosoziale Anamnese aufgenommen wird oder wenn es um eine Therapieplanung geht.

Sind diese Kurse in Spiritual Care obligatorisch oder fakultativ?

Im Moment gehören sie an der Universität Zürich zum Wahlpflichtteil. Es gibt leider derzeit noch nicht an allen schweizerischen Universitäten Angebote in Spiritual Care, obwohl es im Lernzielkatalog für das Medizinstudium aufgeführt ist. Ein Arzt oder eine Ärztin sollte erkennen, wenn ein Patient unter einer spirituellen Belastung leidet oder spirituelle Bedürfnisse vorhanden sind. In der Theorie wird dies gefordert, in der Praxis noch nicht obligatorisch vermittelt.

Simon Peng-Keller, Prof. für Spiritual Care an der Universität Zürich (Foto@Caroline Krajcir)

Gibt es zwischen Psychologen und Seelsorgern unterschiedliche Auffassungen über die Zuständigkeiten?

Spirituelle Bedürfnisse sind oft schwer abgrenzbar von psychosozialen Bedürfnissen und es kann Rivalitäten zwischen diesen beiden Berufsgruppen geben. Aber es gibt genug Arbeit für alle. Es ist sehr erfreulich, dass Psycholog:innen immer mehr auch auf spirituelle Bedürfnisse achten.

Wie wird bestimmt, wer spirituelle Bedürfnisse anspricht?

Im Idealfall wird in einem interprofessionellen Rapport über spirituelle Anliegen eines Patienten von einer Kontaktperson, oft von einer Pflegefachperson berichtet. Dies ermöglicht dann eine gemeinsame weitere Planung. Manchmal braucht es eine externe Fachperson, doch nicht immer. Das setzt natürlich voraus, dass die Teammitglieder für Spiritual Care sensibilisiert sind. Wir sind im Moment, was Seelsorge und Spiritual Care betrifft, in einer Übergangsphase, in der noch viele Fragen offen sind. Soll sich beispielsweise die bisher mehrheitlich konfessionell organisierte Seelsorge in eine spezialisierte Spiritual Care wandeln, die interprofessionell arbeitet? Dies wird intensiv diskutiert.

Ist die spirituelle Begleitung im stationären und im ambulanten Bereich der Pflege und Begleitung ähnlich?

Als Aufgabe findet sie sich grundsätzlich in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung. In der ambulanten oder stationären Palliativersorgung ist sie gegenwärtig am stärksten implementiert.

Gemäss einer repräsentativen Umfrage von 2023 verstehen sich 41.4% der Schweizer Bevölkerung als spirituell, doch nicht als religiös, 12.6% als religiös, doch nicht spirituell, 21.8% als sowohl religiös als auch spirituell und 24.2% als weder noch. Inwiefern ist eine religiöse Begleitung in der stationären und ambulanten Begleitung von Hochaltrigen trotzdem gefragt?

Spiritual Care muss in einer pluralistischen Gesellschaft sehr individualisiert vorgehen, da die spirituelle, religiöse Landschaft in den letzten Jahren viel bunter geworden ist. Professionelle Begleitpersonen sollten sich hüten, Spiritualität und Religiosität mit Religionszugehörigkeit zu verwechseln. Wie die spirituelle Dimension ausgebildet ist, ist sehr individuell und kann nicht aus einer allfälligen Religionszugehörigkeit erschlossen werden. Etwa die Hälfte der Schweizer Bevölkerung möchte in einer kritischen Lebenssituation wie Krankheit oder Sterben spirituelle Unterstützung. Das ist eine beachtliche Zahl. Aber man findet die Leute nur, wenn man sie anspricht. Und das ist der Knackpunkt, da viele Gesundheitsfachpersonen sich scheuen, dieses Thema überhaupt aufzubringen.

Ausschnitt aus dem Titelbild der Informationsbroschüre «Spiritual Care in Palliative Care»  (Foto bs)

Können dem Sterben geweihte Personen noch einen spirituellen Durchbruch erleben? Braucht es nicht eine Offenheit für spirituelle Dimensionen ein Leben lang, um sich im Alter spirituell geborgen zu fühlen?

Es gibt unterschiedliche Verläufe. Manchmal wächst eine spirituelle Haltung über eine längere Zeit und festigt sich durch regelmässige Praxis, mit der sich dann auch bestimmte Erfahrungen verbinden. Doch gibt es auch spirituelle Erfahrungen, die unvermittelt einbrechen. Ich nenne das emergente Spiritualität. Die Nahtoderfahrungsforschung zeigt, dass das sogar häufig auftritt.

Inwiefern ist Spiritual Care aus Ihrer Sicht beim Sterben besonders wertvoll.

Spirituelle Themen und Fragen drängen in der Sterbephase oft intensiv in den Vordergrund. Spiritual Care gibt diesen Fragen Raum und unterstützt Menschen in ihrer Auseinandersetzung damit. In unseren Versorgungsstrukturen gibt es leider einen hohen Zeitdruck, so dass die Unterstützung und Begleitung in dieser Hinsicht oft nicht so berücksichtigt werden kann, wie es wünschenswert wäre.

Könnten nicht Angehörige und Leute, die Zeit haben, in Spiritual Care ausgebildet werden?

Unbedingt. Neben professionellen Gestalten von Spiritual Care gibt es auch ehrenamtliche und semiprofessionelle Formen. Doch es braucht eine professionelle Begleitung von ehrenamtlichen Personen, damit ethische Standards eingehalten werden. Für hochsensible Lebensphasen braucht es entsprechend sensibilisierte Menschen.

Wer finanziert Spiritual Care im Moment und wer sollte Spiritual Care in Zukunft finanzieren?

Bei der gesundheitsberuflichen Care sollte Spiritual Care zu einer Best Care dazugehören. Die abrechenbaren Gesprächszeiten von Professionellen sollten so bemessen sein, dass auch spirituelle Aspekte angesprochen werden können.

Bei der seelsorglichen Spiritual Care ist es komplizierter. Aufgrund des Schweizer Föderalismus gibt es je nach Kanton unterschiedliche Modelle. Generell sind drei mögliche Geldgeber im Spiel: Die Glaubensgemeinschaften, der Staat, d.h. die Kantone, und Gesundheitsinstitutionen selbst. Eine Mischfinanzierung mit einem allseits akzeptierten Finanzierungsschlüssel wäre meines Erachtens ideal.

Welche drei Wünsche haben Sie zur besseren Verankerung der Spiritual Care im Gesundheitswesen?

  1. Eine Integration interdisziplinärer Spiritual Care in allen Bereichen des Gesundheitswesens
  2. Eine solide Finanzierung.
  3. Von Seiten der Gesundheitsberufe braucht es eine konsequentere Schulung in Spiritual Care im Rahmen eines erweiterten biopsychosozialen Gesundheitsmodells.

Gibt es internationale Modelle, in denen Spiritual Care besser integriert ist als in der Schweiz?

Ja, in Holland gibt es beispielsweise einen rechtlichen Anspruch auf Spiritual Care in stationären Settings.

Simon Peng-Keller, besten Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Simon Peng-Keller (geb.1969) ist seit 2015 Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich, Exerzitienbegleiter und Leiter der Arbeitsgruppe Spiritual Care von palliative.ch

Informationsbroschüre: Spiritual Care in Palliative Care: Impulse für Spiritual Care in der Langzeitpflege

Titelbild: Ausschnitt aus dem Deckenfresco «Die Erschaffung Adams» von Michelangelo Buonaroti in der Sixtinischen Kapelle in Rom, geschaffen 1508 -1512 (Bild von Wikimedia Commons)

(Eine Kurzfassung des Interviews ist im Magazin 3/2025 von Gerontologie.ch erschienen.)

 

 

 

 

 

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