Zwei Persönlichkeiten, zwei Bücher, zwei völlig unterschiedliche Veranstaltungen und das in einer Woche. Irgendwie lassen mich die Veranstaltungen nicht so einfach los. Denn trotz der Unterschiede gab es einen gemeinsamen Nenner: die Migration.
Das sozialliberale Form SLF, das sich als offene Organisation versteht, stellt relevante, auch umstrittene Themen zur Diskussion. Zur Dezember-Veranstaltung lud es den international renommierten Forensischer Psychiater Prof. Dr. med. Frank Urbaniok (63) ein, der als Autor aber gleichzeitig äusserst umstrittenen ist. Sein Buch «SCHATTENSEITEN DER MIGRATION»* fand nur schwer einen Verleger, der das Risiko mit der Veröffentlichung des Buches eingehen wollte. Und in Basel musste eine Vorstellung des Buches abgesagt werden, weil Proteste angesagt waren. Anders in Zürich. Im Forum stiess er auf eine sehr interessierte Zuhörerschaft. Vor allem seine mit Akribie vorgetragenen Zahlen sind nicht zu leugnen. In einem grossen Gefängnis in der Schweiz sitzen beispielsweise 320 Personen ein. Davon sind 224 Ausländer. Von den 96 Schweizern haben 47 einen Migrationshintergrund. Und aus seinen Statistiken, die er für sein Buch sorgfältig er- und aufgearbeitet hat, gehen die Länder hervor, aus denen die meisten Gewalttäter stammen: Algerien, Marokko, Tunesien, Rumänien, Afghanistan und Somalia.
Tatsächlich: Die Fakten sind zur Kenntnis zu nehmen. Hinter jeder Zahl steckt aber ein Mensch. Und für alle in unserer Rechtsordnung gilt: «Die Würde des Menschen ist unantastbar.» In diesem Dilemma stehen wir, stehen die Behörden, steht die Politik, jeden Tag. Urbanioks ultimatives Darlegen der unwiderlegbaren Fakten, seiner Zahlen und insbesondere die harte Kritik an Experten, Professoren, die seine Argumente nicht teilen, hinterliess den Eindruck, dass seine Kenntnisse über die Migration allen andern weit überlegen sind. Diese so vorgetragene Argumentation vermittelte den Hang zum Missionarischen. Konfrontationen führen aber nicht zum Ziel. Urbanioks Zahlen zu negieren, aber auch nicht. Der Weg führt nur über ein gegenseitiges Verständnis und über das Eingehen auf die Sicht des jeweils andern. Dies ist besonders wichtig in den so heiklen Fragen der Migration.
Szenewechsel: Im Zürcher Volkshaus wurde mit dem Buch «Der 68er im Aussendienst»** einem Migranten gedacht, einem Architekten ETH, einem Politiker, einem Intellektuellen: Andreas Herczog (1947-2021). Mit seiner Mutter stolperte er 1956 über ein abgemähtes Kornfeld an der Grenze, von Ungarn nach Oesterreich, wie Tausende aus Ungarn. Ziel war New Xork. In Liestal landeten die beiden, fanden Aufnahme und eine neue Heimat. Ich erinnere mich gut: Meine Mutter strickte damals Socken für die ungarischen Flüchtlinge, ich verkaufte beherzt Schoggi Taler. Andi, wie ihn seine Freunde nannten, integrierte sich sehr schnell, lernte sofort Deutsch, schaffte die Matur, studierte an der ETH erfolgreich Architektur und mischte sich ein in die Politik, trat in die SP ein. Weil sich die Partei zu wenig mit dem 68er-Aufbruch auseinandersetzte, gründete er mit Freundinnen und Freunden die Progressiven Organisationen POCH Schweiz , die damals marxistisch ausgerichtet waren. Für sie wurde er 1974 in den Gemeinderat Zürich gewählt, 1975 in den Kantonsrat, 1979 in den Nationalrat, wo er, während 20 Jahren, höchst aktiv politisierte. 1991, nach der Auflösung der POCH, kehrte er zur SP zurück. Eine steile, aber doch eine sehr eidgenössische Karriere von unten nach oben. Dennoch: erstaunlich für einen Migranten. Im Nationalrat verschaffte er sich wegen seines Fachwissens sehr schnell eine hohe Reputation, insbesondere in der Verkehrspolitik. Mit seiner Initiative im Rat für den «Zwischenruf» belebte er die parlamentarische Debatte. Er wusste sich auch zu wehren, in Szene zu setzen. Moritz Leuenberger (79) erinnert sich im Buch: Es gab eine CVP-Motion, die ohne Diskussion überwiesen wurde. Später wurde eine gleichlautende Motion von Andi haushoch abgelehnt. Andi ging ans Rednerpult für eine persönliche Erklärung: «Dieser Entscheid kränkt mich doch sehr.» Er stellte einen Rückkommensantrag. Der Rat stimmte zu und überwies die Motion.
Zwei Veranstaltungen, zwei Bücher, zwei Migranten, wenn man Frank Urbaniok, aus Deutschland eingewandert, auch als Migrant bezeichnen will. Beide haben Wegweisendes geleistet. Andi ist 2021 an Corona überraschend und schnell gestorben. Die jeweiligen Debatten mit ihm, der in der Zwischenzeit mein Nachbar geworden war, fehlen mir. Sein Intellekt, seine Belesenheit waren eindrücklich. Mit Frank Urbaniok und seinen Ansichten reibe ich mich. Dennoch: Sein Buch sei zum Lesen bestens empfohlen. Wir müssen uns mit der Migration auseinandersetzen. Andi hat es auch getan.
*Frank Urbaniok: «SCHATTEN DER MIGTATION – Zahlen, Fakten, Lösungen», erschienen im VOIMA Verlag
** Urs Buess: «Der 68er im Aussendienst – Andreas Herczog (1947-2021) und der linke Aufbruch», erschienen im CHRONOS-Verlag

