Die deutsche Wochenzeitung ‘Die Zeit’ empfiehlt in ihrem Literaturnewsletter, als Vorbereitung für das Fest ein Weihnachtsgedicht auswendig zu lernen. Konkret, «So im Dezember» von Mascha Kaléko. Und die Anweisungen, wie das zu bewerkstelligen sei, sieben Strophen à vier Zeilen in den Kopf zu kriegen, sind auch sehr konkret. Jede Woche zwei Strophen, immer wieder repetieren und laut aufsagen, Lückentexte ausfüllen, nicht aufgeben, geduldig sein mit seinem eigenen, vielleicht wackeligen Gedächtnis.
Gelingt es Ihnen noch immer, ein Gedicht auswendig zu lernen? Können Sie es noch? Es muss nicht zwingend ein Weihnachtsgedicht sein, denn viel Zeit bleibt ja nicht mehr, bis es so weit ist. Aber vielleicht geistern in Ihrem Kopf als ferne Erinnerung noch einzelne Zeilen herum an die vor dem geschmückten Lichterbaum aufgesagten Gedichte. Vielleicht die Zeile «Markt und Strassen stehn verlassen» und irgendwas mit Gassen. Google macht es uns sehr einfach und befördert mit zwei drei Klicks das ganze Gedicht inklusive Name des Autors auf den Bildschirm. Erinnern Sie seinen Namen?
Ich habe dieses Gedicht wieder gelesen, laut und mehrmals. Bald ist Zeile für Zeile wieder aufgetaucht im Gedächtnis. Aber nicht nur das. Bald sind längst vergessene Bilder angeschwemmt worden: Mandarinen, in denen echte Kerzen steckten. Die Stunde, die wir jüngsten Geschwister bei Vater im Stall verbringen mussten, ganz hinten, bei den kleinen Kälbchen. Damit die Mutter alles vorbereiten konnte in der schönen Stube, die bis zur Fastnacht die Weihnachtsstube geheissen hatte und der geschmückte Tannenbaum auch oft so lange dort bleiben durfte.
Die Inschrift «In Gedanken versunken'» stammt von der Künstlerin Andrea Wolfensberger und befindet sich am Alpenquai beim Schiffsteg Bahnhof in Zug. (Bild: trh)
Ja, ein bisschen Nostalgie soll für einmal erlaubt sein, obwohl ich den Titel dieser Kolumne eigentlich nur bedingt unterstütze. (Die Zeile «oh, wär es noch so wie einst!» stammt auch aus einem Weihnachtsgedicht, es heisst schlicht «Weihnacht», verfasst hat es Rilke.) Eigentlich lebe ich gerne in der Gegenwart. Vielleicht aber eignen sich die kurzen Wintertage besonders gut fürs Erinnern und Erzählen. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie in solchen Momenten zugewandte Zuhörerinnen und Zuhörer haben. Und dass Sie in anderen Momenten vorsichtig und geistesgegenwärtig zugleich sind, in denen Sie mehr oder weniger sinnend durch die Gassen wandern (auf der Pirsch nach letzten Geschenken) durch die mehr oder weniger weite und stille Welt (der Einkaufsstrassen) und wie ich dann Gedichtzeilen durcheinanderbringen und dabei beinahe ein Auto übersehen beziehungsweise überhören: Oh, ihr stillen Elektrofahrzeuge.

Ich bin ja so froh Gedichte in Erinnerung zu haben, auch wenn die Enkel grösser sind; hören sie zu, staunen. Denn sie haben keine bleibenden Gedichte, Lieder mehr. Immer wieder kommt was Neues. An was erinnern sie sich wohl noch mit 90zig Jahren.
Wer hilft ihnen wieder zurück in die Erinnerung!