StartseiteMagazinKolumnenBlütenlese zum Jahresende

Blütenlese zum Jahresende

Sprache lebt und verändert sich. Wörter, die vor zehn oder mehr Jahren noch unbekannt waren, werden heute ganz selbstverständlich verwendet und verstanden. Wir liken, zoomen und whatsappen, raven und relaxen. Neuerdings trenden wir auch. Kann das konjugiert werden? Ich trende, du trendest …»? Anglizismen boomen.

Wer das als Konkurrenz zu unserem guten alten Deutsch anprangert, der vergisst, dass das polyglotte Sprachgewirr seit altersher Teil einer lebendigen Sprache ist. Der Anorak, die Spaghetti, Joghurt, Diwan, Sauna – die Liste lässt sich beliebig verlängern – gehören heute zum deutschen Sprachgebrauch.

Meine Grossmutter ist in Biel aufgewachsen, wo sich Französisch und Deutsch ganz selbstverständlich vermengen. Sie suchte in der Küchenschublade den Tirebouchon, wenn sie eine Flache Wein öffnen wollte, brachte Poveerli auf den Mittagstisch – grüne Erbsen, Pois vert – und bedauerte ein kleines Mädchen, das nach einem Unfall zu einer Orpheline, einer Waise, wurde.

Manchmal verlieren die eingebürgerten Wörter sogar ihre ursprüngliche Bedeutung. Bekannt ist das Public Viewing, das im Sommer auf Plätzen für grosses Vergnügen sorgt. Und im angloamerikanischen Raum (auch) die öffentliche Aufbahrung Verstorbener bedeutet.

Sehr gelungen finde ich den Ausdruck Food, fooden. Wer diesem Vergnügen frönt, ist ein Foodie. Erinnert im Dialekt doch irgendwie an die Stelle, wo das Essen den Körper wieder verlässt.

Ein lange verschollenes Bild wurde, nicht kürzlich, wieder aufgefunden und ins Museum zurückgebracht. Natürlich waren da auch TV-Teams dabei, die ihre Aufsagen machten. «Sami Niggi Näggi» oder, weil es um Jesusbild mit Dornenkrone ging, «Roti Rösli im Garte»? Wenn es um Aufnahmen oder Aufzeichnungen ginge, würde man den Satz ja verstehen. Aber Aufsagen?

Bild-Text-Schere ist jedem Journalist ein Begriff. Ein vollkommen leerer Spielplatz unter dem Titel «Dichtestress schon bei den Kleinen» oder ein Bild aus einer Ausstellung, das mir ein lieber Kollege weitergeleitet hat, mit einer sympatisch lächelnden Frau im Vordergrund. Bildlegende: Die Tochter Marianne … traf an der Vernissage ihren an der Wand hängenden Vater. Also soo lustig ist das ja nicht, zumal in der Schweiz die Todesstrafe verboten ist.

Apropos hängen: Die Sportlerin hängte an einer Hürde an. Tönt schlüssig und ist doch sprachlich falsch. Anhängen kann man einen zusätzlichen Bahnwagen, oder einer Person einen schlechten Ruf. An einen Garderobenhaken könnte man seine Schuhe aufhängen – sie würden dann dort baumeln. Aber die Sportlerin, die blieb ganz einfach hängen.

Die schrecklichen Bilder der brennenden Hochhäuser in Hongkong sind noch nicht vergessen. Die Schlagzeile kurz darauf gibt allerdings Rätsel auf – oder ist zumindest zweideutig: Suche nach Grossbrand geht weiter. Erster Gedanke: Brände müssen doch nicht gesucht werden. Die sieht man doch. Sollen doch froh sein, dass es nicht mehr brennt. Jetzt kann nach der Brandursache geforscht werden. Dann das Aha-Erlebnis: Gesucht wird nach weiteren Opfern. Auch Titelzeilen können nicht beliebig gekürzt werden.

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