Der Autor Joël Broekaert schaut durch die Bohne auf die Geschichte und stellt dieses uralte und unterschätzte Gewächs ins Zentrum seiner «Weltgeschichte in zwölf Bohnen». Das informative, unterhaltsam geschriebene und hübsch illustrierte Buch eignet sich als kurzfristiges Weihnachtsgeschenk.
Dass sie einmal Protagonistin wird, «das hätte der Hülsenfrucht niemand zugetraut!», schreibt der niederländische Historiker Joël Broekaert auf der Rückseite Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen. Und doch ist sein Buch «keine Geschichte der Bohnen, sondern eine Weltgeschichte anhand von Bohnen», betont er. Die dreizehn Kapitel handeln von der kleinen Erbse in der Steinzeit, über die Linsen und Ackerbohnen in der Antike bis zu den Lupinen von heute. Obgleich sie nicht zu den Hülsenfrüchten gehören, bezieht der Autor auch die Kaffee- und Kakao-Bohnen mit ein, die in der Geschichte eine bedeutende Rolle spielen.
Der Historiker Joël Broekaert (*1982, den Haag) schreibt neben Büchern kulinarische Kolumnen, Restaurantkritiken und moderiert Radio- und Fernsehshows zum Thema Essen.
Bohnen standen nie im Ruf «besonders sexy zu sein», galten sie doch stets als Armeleuteessen, schreibt der Autor. Wer gut gestellt ist, isst Fleisch, um seinen Eiweissbedarf zu decken. Erst wenn das nicht möglich ist, greifen wir auf die bescheidene Bohne zurück.
Aus Nomaden der Steinzeit werden Bauern
Linsen und Erbsen gehören zu den ersten Pflanzen, die von Menschen domestiziert wurden, vermutlich um 8000 vor Christus im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Hier begannen Jäger- und Sammler sesshaft zu werden und bewirtschafteten den Boden. Bohnen lassen sich gut trocknen und lagern. Zudem sind sie getrocknet nahezu unverwüstlich und ein hervorragender Eiweisslieferant und Fleischersatz, besonders in Zeiten des Hungers. Im ältesten bekannten Hülsenfrüchterezept, einem akkadischen Text aus dem Jahr 1600 vor Christus, werden gemahlene Linsen in Bier zu einer Art Brei gekocht.
Der Historiker bettet die Kapitel über die unterschiedlichen Bohnensorten in die jeweilige kulturelle und soziale Geschichte ein. So förderten in der frühen Übergangszeit, der sogenannten neolithischen Revolution, Mythen und Religionen durch ihre Regeln den Gemeinschaftssinn und ermöglichten die Entwicklung komplexer Zivilisationen.
Bohnen machen Wind
Bohnen enthalten eine Reihe von Zuckerarten, die wir nicht verdauen können und zu Blähungen führen. Deshalb widmet der Autor der Flatulenz ein Kapitel. Offenbar diskutierten bereits die Philosophen im alten Griechenland über dieses Phänomen. Pythagoras wollte das Bohnenessen gar verbieten. Dennoch gehörten Hülsenfrüchte in der Antike zum festen Bestandteil der Ernährung. Aus Quellen der Zeit Homers geht hervor, dass Linsen- und Bohnensuppe als festliche Delikatesse galt.
Bohnen retten die Zivilisation
Eindrücklich wird beschrieben, wie die westliche Zivilisation nach dem Untergang des Römischen Reichs im Jahr 476 dank der Ackerbohne wieder auf die Beine kam. Viele römische Errungenschaften waren verschwunden, Städte leerten sich, landwirtschaftliche Anbauflächen verwilderten, die Menschen verarmten und dezimierten sich.
Das änderte sich erst in der Karolingerzeit, als der fränkische Herrscher Karl der Grosse (747/8-814) Europa zu einem grossen Reich vereinte und seine Reformideen aktiv umsetzte: Klöster mussten Schulen einrichten, für Gärten gab es eine Liste obligatorischer Gewächse, wie sechzehn verschiedene Obstbäume oder dreiundsiebzig Pflanzen, Heilpflanzen, Kräuter und Gemüse, darunter auch die Ackerbohne, die angepflanzt werden mussten. Damit wollte Karl der Grosse die Gesundheit seiner Untertanen aktiv verbessern.
In der Landwirtschaft wurden neue Fruchtfolgeschemata eingeführt. Dabei spielten Hülsenfrüchte eine entscheidende Rolle. Da auf ihren Wurzeln Bakterien leben, die Stickstoff aus der Luft im Boden binden, düngen sie ihn, gleichzeitig wachsen darauf Ackerbohnen als Nahrungsmittel. Dies hatte zur Folge, dass auch die arme Bevölkerung mit den nötigen Eiweissen versorgt und gesünder wurde und sich vermehrte.
Bohnen aus der Neuen Welt erobern Europa
Ein weiteres Kapitel befasst sich neben Sojabohnen, Erdnüssen, Kichererbsen, Schwarzaugen- und Dosenbohnen auch mit den Bohnen im präkolumbischen Amerika. Dort wurden seit frühester Zeit neben Mais besonders viele Bohnensorten kultiviert. Man liess die Bohnen an den stabilen langen Maisstängeln hochkletterten und der Boden blieb durch die Wurzeln stets fruchtbar. In Mittelamerika war die Bohne als Fleischersatz besonders wichtig, denn ausser Lamas und Alpakas gab es kein Grossvieh. Nach der Entdeckung Amerikas wurden in Europa die Bohnen – im Gegensatz zu Kartoffeln, Mais und Tomaten – sofort akzeptiert. Sie waren eine Variante von etwas Bekanntem.
Kakao und die Sklaverei
Kakaobohnen gehörten in Mittelamerika ursprünglich zum Wertvollsten. Sie galten im heutigen Honduras, wo Kolumbus 1502 landete, als Geld. Der cacaoatl, eine Art Grütze aus Wasser, Kakao und Maismehl war ein zeremonielles Getränk, das nur dem aztekischen Adel und siegreichen Kriegern vorbehalten war. Die Idee Schokolade zu süssen, stammte von den Spaniern, die Zuckerrohr aus Asien mitbrachten. Dieses süsse Schokoladengetränk wurde in Europa schnell populär.
Heisse Getränke waren aber nicht das Einzige, das zwischen der Neuen Welt und der Alten ausgetauscht wurde. Während die Eroberer Syphilis zurückbrachten, steckten sie die indigene Bevölkerung mit Pocken, Masern und Cholera an, was zu einem dramatischen Bevölkerungsrückgang führte. Die nun fehlenden Arbeitskräfte auf den Plantagen wurden durch Millionen versklavter Afrikaner ersetzt. Durch die industrielle Verarbeitung vergrösserte sich noch der Appetit auf Schokolade. Neue Kakaoproduzenten wurden in Westafrika gefunden, wo bis heute Kindersklaven arbeiten.
Lupinen für die Zukunft
Das letzte Kapitel widmet der Autor der besonders geschmähten Lupinenbohne. Die Inkas mahlten sie zu Mehl und reicherten ihre Brote und Sossen damit an. Für die Römer war sie Viehfutter. Auch heute wird sie in Australien als Viehfutter produziert und weltweit gehandelt. Dabei soll sie die nahrhafteste Bohne der Welt sein, denn sie besteht zu etwa 40 Prozent aus Eiweiss. Als einzelne Bohne ist sie ungeniessbar. Doch die Lupine könnte dereinst unsere Zivilisation retten, denn diese Bohne hätte das Potenzial für Fleisch- und Milchersatz, ist Joël Broekaert überzeugt.
Titelbild: Gartenbohne mit unreifen Früchten. Foto: Wikimedia Commons
Joël Broekaert «Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen», Illustrationen von Céline Kesselring, Übersetzung aus dem Niederländischen, Diogenes Verlag, Zürich 2025
ISBN 978 3 257 07340 9

Danke, auch bei uns in Mali ist die trockene Bohne ganz wichtig. Sie wird «sho» genannt, als Festmahl gekocht, oft mit etwas Zucker oder Honig gesüsst und mit heisser Karité butter und Zwiebeln gegessen. Sehr lecker und sättigend.