Das ist eine Weihnachtsgeschichte, eine wirkliche. Wie alle wirklichen Geschichten endet sie nicht für alle gut. Für die eingebildeten Brunsli, Zimtsterne, Chräbeli und Pfeffernüsse schlägt das letzte Stündlein. Nur das Mailänderli, dem ein Zacken fehlt, darf hoffen.
Diese Geschichte erscheint am 23. Dezember auf Seniorweb. Das ist ein ganz besonderes Datum. Es ist nämlich der letzte Tag bevor die Rauhnächte beginnen. Ganz besonders besonders ist dieser Tag für die Weihnachtsguetzli. Denn in der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember unterhalten sich alle Weihnachtsstückli auf der ganzen Welt miteinander: in Madrid die Galletas navideñas, in London die Christmas cookies und in Thailand கிறிஸ்துமஸ் குக்கீகள்.
Wir können hier nicht über alles berichten, was auf der Welt in den Guetzlibüchsen gschnädderet wird. Wir beschränken uns auf das, was bei der Familie Kellenberger zu hören ist. Kellenbergers, Vater, Mutter, die drei Kinder Mira, Muso und Max, haben schon fleissig zugegriffen. Jetzt warten bloss noch je ein Chräbeli, ein Brunsli, ein Zimtstern, eine Pfeffernuss und ein lädiertes Mailänderli auf ihr letztes Stündlein.
„Hört genau zu, ihr Chrüsimüsi-Leckerli“, sagt als erstes der Zimtstern. „Zimt kommt vor allem aus China, aber nicht als China-Päckli oder sonstwas zum Ghüderen. Nein, Zimt ist ein edles Gewürz. Es wird auch für Medikamente verwendet. Und, psst, Zimt gilt als Aphro… Aphrodi… Aphrodisia…“
Da fällt dem Zimtstern das Chräbeli ins gestotterte Wort. „Hohler Dummkopf,“, lästert das Anis-Guetzli über das Zimtstückli. Dummkopf? Eine solche Beleidigung ist typisch fürs üble Verhalten der Chräbeli. Es muss hier gesagt sein: In Bäckerkreisen ist bekannt, dass die meisten Chräbeli eingebildet sind, sehr eingebildet. Das gilt leider auch für unser Exemplar. „Mein Anis kommt aus Griechenland, aus Ἑλλάς“, verkündete das hochnäsige Ding. Um seine Bildung zu beweisen, fuhr es auf Altgriechisch fort: „Ἐγὼ μόνον ὑπὸ τῶν Ἀρχαίων Ἑλληνικῶν καθηγητῶν ἀναλίσκομαι.“ *
„Du eingebildeter Daigaff,“ ereifert sich jetzt das Brunsli in urigem Baseldytsch. „Bei uns am Rheinknie wissen alle, dass wir hochwohlgeborenen Brunsli ursprünglich aus Basel kommen. Das sieht auch Betty Bossi so. „Es hat noch Schoggi und Mandeln, Rohrzucker, und Eiweiss drin.» Aber am wichtigsten ist eben der gesamte Daig. Und dann setzt das aufgeblasene Stückli noch einen drauf: „Jo, mir Brunsli hän halt Dampf uf dr Drummle.“
„Kennt ihr überhaupt das Land, wo der Pfeffer wächst? mischt sich jetzt die Pfeffernuss ein. „Südindien“, ergänzt sie streberhaft. Und fährt fort: „Betty Bossi empfiehlt übrigens den Teig mit eingeölten Händen zu Kugeln zu formen. Das ist feinste Massage, von der ihr ungschpürigen Guetzli nur träumen könnt.“
Unterdessen ist es 24. Dezember geworden. Bei Kellenbergers ist es üblich, vor dem Heiligabend die Guetzlibüchse auszuräumen. Viel war ja nicht mehr drin, nur noch fünf Guetzli. Nach einem gar nicht weihnächtlichen Geschubse kann sich Muso als erster durchsetzen. „Ich nehm die Pfeffernuss“, verkündet er. Max holt als Zweiter das Brunsli. Mira greift nach dem Chräbeli, der Vater nach dem Zimtstern.
Jesses, nei, wen sehen wir da noch? Das Mailänderli ganz allein in der Büchse. Einsam und traurig liegt es da. Gelitten hatte es schon vorher. „Hey, du Mailänder Tschinggeli mit dem abgebrochenen Zacken„ verspotteten Brunsli & Co. das Unglücksding.
Und, ebenfalls fast vergessen: die Mutter. Wir müssen hier einschieben, dass diese Geschichte schon alt ist, sechzig oder siebzig Jahre alt. Damals waren die Frauen noch, wie soll man sagen, anders. Mehr so bescheiden, mehr so hilfreich. Ob das gut oder schlecht ist, wollen wir hier gar nicht entscheiden. Jedenfalls greift Mutter Kellenberger nach dem übriggebliebenen Mailänderli, beachtet auch den abgefallenen Zacken und sagt: „Du armes Ding, du hast es schwer. Aber hier bei uns bekommst du den Gnadenteig und darfst so lange bei uns bleiben, wie du willst.“
So kommt es, dass der aufgeblasene Zimtstern, das stolze Brunsli, die eingebildete Pfeffernuss und das hochnäsige Chräbeli im menschlichen Stoffwechsel enden und nur das Mailänderli, dem ein Zacken fehlt, die nächsten Weihnachten erleben wird.
* An die Altgriechisch-Kennerinnen und -Kenner: Was hat das bornierte Akademiker-Chräbeli auf Altgriechisch gesagt? Der Autor hat keine Ahnung.
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So lieb…
Achtung, sie ist meine Ehepartnerin. Also Filz. Trotzdem Merci Dodie.
Sinnige Geschichte.👍
Vielen Dank für diese Geschichte.
Die Schrift für das thailändische Gutzi ist keine thailändische Schrift. Es gibt hier keine Weihnachtsgutzis, die Leute feiern nicht Weihnachten.
Frohes Fest
Jacqueline Hutter, Pak Chong,Thailand
Danke Frau Hutter. Ich habe beim Google-Uebersetzer gefragt, was Weihnachtsgebäck auf tamilisch heisst und diese Antwort erhalten. Hänu, auch Google kann sich irren. Ich wünsche Ihnen in Pak Chong schöne Feiertage.
„Ἐγὼ μόνον ὑπὸ τῶν Ἀρχαίων Ἑλληνικῶν καθηγητῶν ἀναλίσκομαι.“ *
«* An die Altgriechisch-Kennerinnen und -Kenner: Was hat das bornierte Akademiker-Chräbeli auf Altgriechisch gesagt? Der Autor hat keine Ahnung.»
Microsoft Word weiss (fast) alles und macht (fast) alles möglich:
«Ich werde nur von den antiken griechischen Professoren analysiert.»
Hm, Herr Haller, «Ich werde nur von den antiken…» heisst das also. Da habe ich allerdings beim¨Googeln eine nicht sehr schlaue Eingabe gemacht. Oder streitet Microsoft mit Google?