Mich freut immer wieder, wie viele Menschen sich recht sozial und friedlich verhalten. Trotz Geld und Konkurrenz getriebenen Verhältnissen. Das kommt mir beim Rückblick auf 2025 zuerst in den Sinn. Und daran lässt sich hoffentlich im 2026 anknüpfen.
Nebst viel Erfreulichem sind allerdings auch die wiederum steigenden Opfer militärischer Übergriffe unübersehbar. Sei es im Gaza oder in der Ukraine. An sie erinnerten wir uns am Sonntag, 16. November 2025 im Gemeindehaus Grenzach-Wyhlen. Die Volkshochschule lud den CDU-Bürgermeister und mich ein, etwas zum Deutschen Volkstrauertag zu sagen.
Zunächst erinnerten wir an nahe Verstorbene und an Unbekannte, die für uns, oft kaum beachtet, Wege geebnet und Brücken gebaut hatten. Dann gedachten wir, der Tradition des Gedenktages folgend, der Toten beider Weltkriege und vor allem des Holocaust.
Der Begriff Holocaust bezog sich im 19. Jahrhunderts zunächst auf Massaker an der armenischen Bevölkerung. Inzwischen bezieht er sich überwiegend auf den Völkermord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Diese grauenvolle Untat dürfen wir niemals vergessen! Sie bleibt zentral, auch wenn wir, wie am Gedenktag ganz bewusst, ebenfalls um Sinti, Roma, palästinensische, kommunistische und weitere Opfer trauerten.
Unser Erinnern ist stets selektiv und hierarchisch geprägt. Deshalb regt Charlotte Widemann in ihrem Buch «Den Schmerz der andern begreifen» (Berlin 2022) an, blinde Flecken aufzudecken. Dazu gehörten insbesondere das koloniale Aufteilen und Beherrschen der Welt, das viel Leid sowie aktuelle Rohstoff- und Grenzkriege mit verursacht, wie beispielsweise die kriegerischen Konflikte im Sudan, im Kongo oder im Nahen Osten.
Beispielhaft beschreibt die Publizistin auch, wie beim Einfall der Wehrmacht im Norden von Frankreich rund vierzig Prozent der französischen Truppen aus dem Maghreb stammten. Von ihnen starben Abertausende, auch in deutscher Kriegsgefangenschaft. Das ist fast vergessen. Und als die Alliierten 1944 in Südfrankreich landeten, kämpften 120.000 kolonisierte Soldaten aus Mali, Senegal und dem Maghreb mit. Von jenen, die überlebten, wurden die meisten vor den späteren Triumphmärschen ausgemustert. Da passten keine Schwarzen mehr ins Bild.
Nach dem Zweiten Weltkrieg richteten die Nürnberger Prozesse (1945-49), bitter nötig, über grässliche faschistische Vergehen. Und mit der Gründung der UNO (1945) etablierten sich die Internationalen Völkerrechte weiter. Die Sieger- und Kolonialmächte kümmerten sich jedoch in Übersee wenig darum: im britisch besetzen Malaysia, im niederländisch besetzten Indonesien, im französisch besetzten Algerien und anderswo. Umso mehr gilt es, die tabuisierten Untaten heute zu erinnern, ohne damit andere Gräuel zu relativieren. Wer jedoch Verbrechen ignoriert, legitimiert sie und provoziert damit neue Konflikte. Wie im Nahen Osten.
Tausende von Menschen haben 2025 im Gaza-Krieg ihr Leben verloren. Trauern wir auch um sie. Ohne Doppelmoral und ohne damit vom schrecklichen Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 ablenken zu wollen. Anerkennen wir das palästinensische Existenzrecht ebenso wie das israelische. Hoffentlich ohne gleich des Antisemitismus bezichtigt zu werden. Und halten wir auch dafür, in Schulbüchern respektvoll an die Shoa (Völkermord an den Juden bis 1945) und Nakba (Vertreibung der Palästinenser aus Palästina 1948) zu erinnern. Leid verlangt Raum und Anteilnahme.
Knüpfen wir also 2026 noch mehr an das an, was uns verbindet, statt trennt. In diesem Sinne gedachten wir in Grenzach-Wyhlen von ganz unterschiedlicher Warte aus recht einvernehmlich auch an russische Gefallene. Ohne Häme. Trotz schrecklichem Überfall auf die Ukraine.
Viele kleine friedliche Zeichen erhöhen zumindest die Chance, allmählich auch im grösseren Ganzen Bedeutung zu bekommen. So etwa bei ernsthaften Verhandlungen und Versuchen, sich wirklich zu verständigen. Ehrlich gemeint, ohne sich über andere zu erheben.
Titelbild: Porträt Ueli Mäder © Foto Christian Jaeggi
Buchhinweis: Charlotte Wiedemann: Den Schmerz der andern begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis. Reihe Propyläen im Ullstein Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-549-10049-3


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Auch wie IBAN anzuwenden ist, bin ich unerfahren.
Das Erinnern an Gräueltaten in Kriegen, die Unterdrückung und der Machtmissbrauch in Familien und ganzer Gesellschaften, kann nicht oft genug angeprangert werden. Es wird sich jedoch nichts grundsätzlich ändern, wenn die Bewusstmachung und die klare Benennung der Verursacher dieses Elends auf der Welt fehlt.
Vorwiegend ist es doch die männliche Hälfte der Menschheit, die sich seit Jahrhunderten mit ihrem Machtanspruch und Dominanz, grosse Schuld auf sich geladen hat und all das Menschenunwürdige, das weltweit passiert, zu verantworten hat.
Das ist für mich der blinde Fleck und deshalb erwarte ich von gewalttätigen Männern, endlich ihr Denken und Verhalten zu ändern und damit das Töten, Zerstören und die Gewalt zu beenden und ein Zeitalter des friedlichen Miteinander möglich zu machen. Viele Frauen sind schon lange auf diesem Weg, doch es wird ihnen sehr schwer gemacht, sich auf Augenhöhe durchzusetzen. Ohne gewalttätige Männer hätten wir eine bessere Welt.