Die Tagebücher des Lucas Rem geben Einblick in das Leben eines Augsburger Kaufmanns der frühen Neuzeit, aufgezeichnet in Ich-Form und herausgegeben vom Historiker Christian Kiening. Das Buch «Bilanzen des Lebens 1481-1541» berichtet von Rems Geschäftsreisen quer durch Europa und seinem Lebenslauf.
Die Aufzeichnungen des Augsburger Kaufmanns Lucas Rem wurden erstmals von Benedikt Greiff im Jahr 1861 herausgegeben. Da sie vom Manuskript beträchtlich abweichen, editierte sie der Historiker Christian Kiening 2025 neu: Lucas Rem. Bilanzen des Lebens 1481-1541. Das Buch, gedacht als wissenschaftliche Grundlage, ist auch für Laien spannend und aufschlussreich zu lesen.
In der Einleitung fasst der Autor die Aufzeichnungen zusammen und bettet sie mit der Augsburger Familie Rem in die soziale und kulturelle Geschichte der Zeit ein. Die neu übersetzten Tagebücher lassen sich fliessend lesen, – auf der linken Seite im schwäbischen Idiom der Zeit um 1500, auf der rechten in der Transkription. Lucas Rem schrieb seine Einträge in der Ich-Form und gibt so ein persönliches Zeitbild von seiner Arbeit und seinem Leben wieder, das mich als Leserin unmittelbar anspricht und in das Leben jener Zeit hineinversetzt.
Die Familie Rem ist seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert in Augsburg nachweisbar. Als Erste soll sie Baumwolle aus dem Süden importiert und die süddeutsche Barchent-Industrie begründet haben. Am 14. Dezember 1481 kam der Tagebuchschreiber Lucas Rem um Mitternacht zur Welt. Mit zwölf Jahren schickte ihn der Vater zur Grundausbildung zu verschiedenen Pfarrherren.
Ausbildung zum Kaufmann
Als 13-Jähriger kommt Lucas nach Venedig, wo er während vier Jahren bei verschiedenen Geschäftsleuten im Rechnen und in der Buchhaltung ausgebildet wird. 1498 reitet er nach Mailand, wo er einem Geschäftsmann hilft, dessen Buchhaltung in Ordnung zu bringen. Danach folgt Lyon, wo er die Geschäfte der Welsergesellschaft kennenlernt und Französisch lernt. 1499 wird er vom Mutterhaus der Augsburger Gesellschaft Anton Welser und Konrad Vöhlin, – eine der grössten süddeutschen Gesellschaften im Warenhandel, Finanz- und Montanbereich – eingestellt, «für die Erstellung der Generalrechnung bei Übernahme von Kost und Kleidung durch die Gesellschaft, 3 Jahre ohne Lohn.»
Mit dem Pferd im Aussendienst unterwegs
Fortan ist er für seine Arbeitgeber ständig mit dem Pferd unterwegs: in Frankreich in Paris und anderen Städten, um Schulden einzutreiben, dann wieder in der Filiale in Lyon. Zwischendurch investiert er in «marrokanischem Safran». In Genf, Fribourg, Bern und Zürich kontrolliert er Bücher und bringt Abrechnungen in Ordnung. 1501 kommt er erstmals wieder nach Augsburg. Danach geht es erneut pausenlos weiter. Kein Wunder, dass er krank wird und immer wieder über Fieber und «der Hitze in meinem Fuss» klagt, aber trotzdem weiterarbeitet.
Für neue Aufträge reitet er 1502 nach Saragossa und Valencia. In Portugal schliesst er mit König Manuel I. einen Vertrag über die Ausrüstung von drei Schiffen nach Indien ab. Zwischen 1503 und 1508 handelt er mit allem, was ihm unterkommt: mit Gewürzen, Kupfer, Blei, Zinnober, Quecksilber, flämischen Tüchern und anderem. Drei bis sechs Gehilfen stehen ihm zur Seite. Die Geschäfte führen ihn auch nach Flandern, oder er segelt in die Bretagne und entkommt dabei Stürmen und Seeräubern. Stets setzt er sich für die Firma ein, doch «gemessen an meinen Verdiensten äusserst schlecht bezahlt und belohnt». Er will weg und auf eigene Kosten arbeiten. An Weihnachten 1517, nach 18 Jahren im Aussendienst, wird er «aus dem Dienst entlassen und einvernehmlich verabschiedet», schreibt er.
Zeitgenossen von Lucas Rem: Jakob Fugger (1459-1525), erfolgreichster Kaufmann und Bankier in Augsburg mit seinem Hauptbuchhalter Matthäus Schwarz, 1517. Gemälde von Narziss Renner (1502-1526). Wikimedia Commons
Heirat und eigene Geschäfte
Dank gutem Zureden seiner Mutter heiratet Lucas 1518 die um fast 20 Jahre jüngere Frau Anna Ehem (1500-1575). Auch sie stammt aus einer Augsburger Kaufmannsfamilie. Die Hochzeit muss etwas hergeben. Auf einem mehrseitigen detaillierten Verzeichnis sind im Tagebuch alle Ausgaben für die Hochzeit aufgelistet: Stoffe für Gewänder, nicht nur für das Paar selbst, auch für Verwandte. Weiter Schmuck, Geschenke, Kosten für Bedienstete, für Speis und Trank, auch für die Unterhaltung. Mit etwas Fantasie kann man sich dieses Fest lebhaft vorstellen.
Als Ehemann wird Lucas Rem in Augsburg sesshaft und mit dem Hausstand kommen Knechte, Mägde und Kindermägde hinzu. Er geniesst das Zusammensein mit Freunden und Verwandten. Seine eigene Gesellschaft erweitert sich um zahlreiche Handelsgehilfen. Neben dem Gewinn durch Handel und Geldanlagen spielen landwirtschaftliche Erträge und Sozialversicherungen eine Rolle: Für ihre Altersvorsorge leisten Verwandte Einlagen, um bis zum Lebensende eine Leibrente zu erhalten.
Uneheliche und eheliche Kinder
Jedem Kind widmet der Tagebuchschreiber einen Abschnitt. Dabei werden die Geburtsstunde, die entsprechende astrologische Konstellation von Sonne und Mond, besondere Eigenschaften und Aussehen und vor allem die Kinderkrankheiten erwähnt. 1514 und 1516 hatte Lucas Rem mit Margret von der Borcht in Antwerpen zwei unehelichen Kinder, die nach der Heirat in seiner Familie lebten. Jacob, der erste Sohn, war ein Problemkind, er benahm sich schlecht, war trotzig, frech und verlogen und kostete den Vater viel Geld. Die Tochter Anna lernte lesen und schreiben und wurde später Wirtschafterin der Familie. Mit seiner Ehefrau Anna Ehem kommen weitere sieben Kinder dazu. Von den vier Söhnen überlebt jedoch nur der Erstgeborene und drei Töchter.
Krankheit und Bäderkuren
Nach der Hochzeit werden die Reisen kürzer: Brüssel, Strassburg, Frankfurt und Köln. Über seine Geschäfte berichtet Lucas Rem nicht mehr viel, dafür nehmen Krankheiten mehr Raum ein: starke Schmerzen im Knie, in den Armen, Fieber. Begleitet von Mägden und Knechten unternimmt das Ehepaar gemeinsame Bäderkuren, selbst als die Frau hochschwanger ist. Brachiale Behandlungsmethoden werden beschrieben, die nicht helfen. Zunehmend ist Lucas in der Bewegung eingeschränkt und muss mit einem Sessel herumgetragen werden. 1539 wird er ins Augsburger Patriziat aufgenommen. Sein letzter Tagebuch-Eintrag endet mit den Worten «Got hab lob». Am 22. September 1541 stirbt er in Augsburg.
Titelbild: Perlachplatz in Augsburg, um 1530, Kopie von 1550 nach dem Jahreszeitengemälde Herbst/Winter von Heinrich Vogtherr d. J. (1513-1568). Wikimedia Commons
Lucas Rem, Bilanzen des Lebens 1481-1541, Hrsg. Christian Kiening, Schwabe Verlag, Basel 2025. ISBN 978-3-7965-5346-2


Sehr geschätztes seniorweb-Redaktionsteam
Seit ich Mitglied von seniorweb bin, lese ich regelmässig Ihre Kolumnen. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen an dieser Stelle für die interessanten, anregenden und informativen Beiträge herzlich zu danken.
Jeder neu erscheinende Newsletter wird mit Spannung erwartet und mit Neugierde gelesen.
Mit den besten Wünschen zum neuen Jahr und herzlichen Grüssen…