StartseiteMagazinLebensartEin Garten – Paradies im Leben und im Tod

Ein Garten – Paradies im Leben und im Tod

Der Tod der Eltern – Mutter oder Vater – bedeutet für die Töchter und Söhne einen tiefen, schmerzhaften Einschnitt. Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov schreibt in «Der Gärtner und der Tod» ein ebenso liebevolles wie lebensvolles Buch über seinen Vater.

«Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten.» So beginnt der Autor seine Erzählung über die letzten gemeinsamen Wochen der beiden und über das Leben der ganzen Familie in wechselvollen Zeiten. Der Autor erzählt uns diese Geschichte in einer Sprache, die genau den angemessenen Ton trifft, sie berührt uns, ist nie rührselig. So erwähnt Gospodinov schon im ersten der 92 Kapitel, dass er als Kind am liebsten die Bücher las, die in der ersten Person geschrieben waren, denn da konnte der Held nicht sterben.

Nun schreibt er selbst in der ersten Person, aber der Held, sein Vater, stirbt schon vor der Hälfte des Buches. Gospodinov besitzt die Kraft und die Kunst, ohne Pathos zu schreiben, ganz nah bei seinem Vater. Und er bezieht persönliche Erinnerungen, Überlieferungen aus der Familie und historische Bräuche mit ein. So erweitert er den Horizont, so als würde er einen vielfältigen Garten ins Auge fassen, nicht nur ein kleines Blumenbeet.

Krankheiten in der Familie hatte er schon zuvor «üben» müssen: Seine Mutter erkrankte an Leukämie, seine Tochter hatte eine Covid-Infektion. Dabei hatte die Familie schon 2007 eine dramatische Zeit zu überstehen: die erste Krebserkrankung des Vaters, die er damals überlebte. Die heiteren Episoden aus der Zeit danach, als der Vater die einzige Auslandsreise seines Lebens unternahm, nach Finnland, setzt Gospodinov klug zwischen die Abschnitte, in denen er nichts anderes als über die Schmerzen des Vaters zu berichten weiss.

Auf seiner Suche, die letzten Wochen so zu gestalten, dass der Vater nicht zu sehr leidet, begegnen dem Autor auch Szenen, die uns schmunzeln lassen. Im Krankenhaus besorgt er Schmerzmittel und wird von der Krankenschwester erkannt, denn als Schriftsteller ist er bekannt und mit Preisen geehrt. Auf seine Frage, ob er für die Packung extra bezahlen müsse, antwortet die Krankenschwester, es koste nichts, aber wenn er doch bitte sein Buch signieren wolle.

Ganz am Schluss vermag der Vater nicht mehr zu sprechen, «es schmerzt so stark», seufzt er nur noch. Das folgende Kapitel beginnt mit der Notiz des Autors aus seinem Notizbuch: «Die kurzweiligen Geschichten meines Vaters für alle Fälle . . . « – denn neben seiner Leidenschaft für den Garten war sein Vater der beste und witzigste Geschichtenerzähler weitherum. Mit diesem Erbe ist Georgi Gospodinov zum schreibenden Erzähler geworden.

Georgi Gospodinov in Wien (2025)
© C.Stadler/Bwag / wikimedia.org

1968 in Jambol (Bulgarien) geboren, wurde er schon mit seinem ersten Roman international bekannt, dem »Natürlichen Roman« und anschliessend mit »Physik der Schwermut«, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Inzwischen wurde Gospodinov mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweifach mit dem bulgarischen Buchpreis. Für seinen Roman »Zeitzuflucht« erhielt er 2023 den International Booker Prize. Gospodinov lebt und arbeitet in Sofia.

Nach langem Suchen findet der Autor eher zufällig das «Familienepistolarium», des Vaters einzige Hinterlassenschaft. In diesem Notizbuch notierte der Vater alles für ihn Wichtige, vor allem Notizen zum Garten. – Die kleinen Szenen, die der Autor selbst erlebt hat, bewegen ihn am meisten. Auch die Träume sind wichtig. Auch die Vergleiche mit anderen Vaterfiguren – Josef und Jesus, der Vater von Odysseus – beleuchten das Bild seines Vaters.

Mit jedem Kapitel lesen wir von anderen Facetten dieses grossen, kräftigen schwarzlockigen Vaters. Eine, die zeigt, wieviel Witz es im letzten Jahrhundert brauchte, um zu überleben, sei hier erwähnt: Um nicht an die langweiligen jährlichen Märsche der damaligen kommunistischen Partei gehen zu müssen, hatte sich der Vater für diese Pflichtanlässe jeweils einen Termin beim Zahnarzt besorgt. Der Organisationsleiter zog die Augenbrauen hoch, aber verbieten konnte er es nicht.

Lange erfüllt den Autor zuerst Schmerz, dann Trauer – auch darüber denkt er nach, liest dazu Montaigne und Dostojewski -, er erinnert sich, dass ihm ein Freund einmal gesagt hatte, er habe nach dem Tod seines Vaters lange nicht schreiben können. «Mich wiederum rettet nur das Schreiben», erkennt Gospodinov. Sein Buch ist vielschichtig geworden wie ein grosser Garten, anregend und leicht lesbar. Die kurzen Kapitel erlauben wichtige Pausen, um über das Gelesene nachzudenken.

Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod. Roman. Übersetzt von Alexander Sitzmann. Aufbau Verlage 2025. 240 Seiten. ISBN 978-3-351-04261-5

Alle Bilder (wenn nicht anders erwähnt): pixabay.com


Das Buch ist auch als Hörbuch erhältlich.
Wer mehr über Georgi Gospodinov erfahren möchte, kann hier ein Gespräch lesen.

 

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