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Gorillas lärmen, wir prahlen mit Protzwörtern

Wir wünschen im neuen Jahr allen Leserinnen und Lesern ein paar Zeitfenster um die Seele baumeln zu lassen. PeTer SteigeR freut sich über ein nachhaltiges nach oben weisendes Minuswachstum. So ein Quatsch. Affen machen Krawall, wir Menschen protzen ergebnisoffen mit Floskeln.

Schreiberinnen und Schreiber brauchen fleissig sinnlose Worthülsen in ihren Texten. Wir hoffen, im eben angebrochenen Jahr auf Besserung, sind aber skeptisch. Schimpansenmännchen plustern ihr Fell auf um massiger zu wirken und lärmen um Eindruck, Einfluss und Sex zu ernten. Wir Menschen versuchens mit grosskotzigen Imponierfloskeln.

Ergebnisoffen. Ohne vorher bestimmtes Ziel. Gibt es ergebnisgeschlossene Diskussionen? Vielleicht in Nordkorea. Wenn alle gleicher Meinung sind, brauchts keine Diskussionen. Das Blähwort ergebnisoffen ist was für Leute, denen es nichts ausmacht, wenn ihr Text Flatulenzen hat.

Gewinnwarnung. Weniger Gewinn als versprochen, verwandt mit dem Minuswachstum. Warnt die Firma vor einem bedenklich hohen Gewinn? Nein umgekehrt ist richtig: Das Geschäft läuft so mies, dass kein Gewinn oder gar ein Verlust zu erwarten ist. Die Steigerung der Gewinnwarnung ist die Verlustfreude.

Synergien nutzen. Durch Zusammenarbeit oder Kombination ein besseres Ergebnis erreichen. Achtung Arbeitnehmer: Wenn Synergien draufsteht, ist meist Abbau gemeint. Statt der vermeintlich nützlichen Synergien kennen die Chefs noch andere gefährliche Wörter: Restrukturierung, Bündelung. Und am Schluss sagt der Boss: «Sehen Sie die Freistellung als Chance.“

Seele baumeln lassen. Im „Schloss Gripsholm“ von Kurt Tucholskiy steht: „Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.“ Ach, hätte er das doch nie geschrieben. Stattdessen zum Beispiel: „…und atmeten tiefenentspannt“ oder „…lasen wir die Börsenkurse“. Aber sowas hätte Kurt T. sicher nie verfasst. Und nun baumelt sie halt, die Seele und wirbt für Wellnesshotels und für Luftmatratzen. Auch das heimische Musikschaffen hat sich bedient. Zum Beispiel die «Sängerfreunde» mit dem Song „D`Seel echli la bambäla la“. Hier ein Ausschnitt.

Zeitfenster. Limitierte, vorgegebene Zeit. Wieder so ein aufgeblasener Begriff, mit dem einfaches verkompliziert wird. „Die Lehrerin hat ein Zeitfenster von 45 Minuten um den Zweitklässern das Lesen beizubringen.“ Immerhin gestehen wir dem Zeitfenster unfreiwillige Komik zu. „Durchs Zeitfenster erblicken wir die Unendlichkeit.“ Das ist zwar hochtoupierter Quatsch, tönt aber eindrucksvoll.

Wording Wortlaut, Schreibweise. Werberinnen und Corporate Designer glauben entdeckt zu haben, dass ein Wort einprägsamer wird, wenn man es falsch schreibt. Beispiele PayPal, SwissPass, EasyRide. Oder PeTer SteigeR.

Papi-Tag. Papi ist verwandt mit Mutti und Grosi. Er hat einen Schnuller in der Hand, sie den Nuggi, und es, das Grosi, hat einen Kuchen gebacken. Warum müssen die Medien unsere Umwelt im Jöh-Modus betrachten. Auf Papi reimt sich Lapi, auf Mutti Spaghetti, auf Grosi gar nichts.

Lecker. Schmeckt gut. Ein Wort, das uns die Expats aus D eingebrockt haben. Unterdessen auch als lecker Fondue, und lecker Bordeau gebräuchlich

Toxisch. Giftig. Hat sich in den letzten Jahren als Beschimpfung eingebürgert Es gilt für Überzeugungen. Toxisch ist zum Bespiel die Ansicht, dass es nur zwei Geschlechter gibt m/w. Toxisch ist man, wenn man gewisse Wörter braucht.. Zigeuner, Eskimo, Indianer zum Beispiel. Toxisch ist eigentlich alles, was nicht mit der eigenen Überzeugung übereinstimmt. Geschätzte Gifteler: Eure Toxikomanie kann einem ganz schön Bauchweh bereiten.

Minuswachstum. Niedergang, Verlust. Euphemismus. Schönsprech vom Feinsten. Die Steigerung heisst stark negatives Wachstum. Ein bisschen Literatur: Bei Georg Orwell gabs im Buch „1984“ ein Wahrheitsministerium. Es war damit beschäftigt, Fakes zur Wahrheit zu erklären. Das gibts jetzt, 2026, tatsächlich.

Zeitnah. Bald. „Aufstehen“ ruft die Mutter, „du musst zeitnah in die Schule.“ Zeitnah ist ein Füll- und Blödwort. Da gibt es ein elegantes Vier-Buchstaben-Wort: bald. Stattdessen glauben die vielen Zeitnah-Freunde, dass sie mit diesem Sieben-Buchstaben-Wort viel wichtiger und drängender daherkommen. Liebe Füllwortfans: Es stimmt nicht.

Nachhaltig. Dauerhaft, beständig. Ein Begriff, den Werber, Schwurblerinnen und all jene verwenden, die irgendwas schön aussehen lassen wollen. Vorkommen: überall, wirklich überall.

«Weg da, ich bin ein ganz Böser», signalisieren Elefant und Affe.
«Achtung, ich bin ein ganz Gescheiter», hochstapelt der Mensch.

1 Der Kronenkranich tanzt um das Weibchen zu beeindrucken, meist erfolgreich. Wir Männer machen nicht die gleichen Erfahrungen.
2 Der Elefant stellt die  Ohren, trompetet und brüllt. Wenn er sich bedroht fühlt, streckt er den Rüssel hoch und wirft auch mal Äste.
3 Der Gorilla ist meist ruhig und ausgeglichen. Ahnt er Gefahr, reckt er sich in die Höhe und trommelt mit den Fäusten auf die Brust.
4 Die Katze macht einen Buckel und stellt den Schwanz hoch. Hier zeigt ein kleines Büsi, dass es sich nichts gefallen lassen will.
5 Der Hund bleckt die Zähne und zieht die Lefzen hoch. Beides machen auch wir Menschen – wenn wir lächeln oder lachen.
6 Der Schwan streckt den Hals und faucht. Es sind Gebärden, die schon manchen Kindern und Erwachsenen den See-Spaziergang vermiest haben.
7 Die Kragenechse stellt bei Gefahr die Halskrause auf und öffnet das Maul. Sie wird bis zu 90 Zentimeter gross und lebt vorwiegend in Australien.
8 Der Mensch imponiert durch Muskeln (Männer). Oder durch körperliche Vorzüge (Frauen). Wir Senioren wissen es: Das Alter limitiert die Wirkung.
9 Der Eingebildete versuchts mit Protzwörtern. Dabei kann man auf die Schnauze fallen. Bei redundantem Gebrauch droht dem Renommée ein Minuswachstum.

Bilder: Wikimedia commons, Freepik. Video: offizieller Trailer der «Sängerfreunde»

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1 Kommentar

  1. Wunderbarer Artikel, herzlichen Dank. Endlich sagt es mal jemand! Diese absurden Wortschöpfungen ärgern mich seit Jahren. Text mit «Flatulenzen» – so gut!
    «Innovativ» und «proaktiv» wären auch noch ein paar Worte wert gewesen. Und über «Leistungsträger» (beliebter in Deutschland) liesse ich ganz viel sagen. Oder über «Arbeitgeber» und «Arbeitnehmer».

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