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Der Philosoph im Topf

Es lohnt sich für mich Bücher wieder zu lesen, die ich früher gekauft und dann nur angelesen ins Büchergestell versorgte. So griff ich vor Weihnachten eines aus dem Gestell, das ich 2008 in Innsbruck gekauft hatte. Da ich in jeder Stadt einen Bücherladen besuche, ähnlich wie ich kulinarische Entdeckungen mache, sprang mich der Titel des Buches: «Der Philosoph im Topf»*, an. Ich kaufte es damals, weil ich immer gerne Bücher erwarb, die mich auf der «Philosophischen Hintertreppen»** den Philosophen näherbrachten, bevor ich Werke von ihnen las. Ich stimme Ludwig Feuerbach zu, wenn er sagt, der Mensch sei, was er esse. Und da bekanntlich zwischen Weihnachten und Neujahr viel getafelt wird, schien es mir die passende Lektüre zu sein.

Fünfzehn Philosophen – von Pythagoras bis Wittgenstein – werden vorgestellt. Der griechische Historiker Thukydides schreibt: «Die Völker des Mittelmeerraums entwickelten sich aus der Barbarei zu einem zivilisierten Volk, als sie lernten, Oliven und Wein anzubauen.» Und von Pythagoras vernehme ich, dass er sich in Heiligtümern aufzuhalten pflegte und dass man ihn nie habe trinken sehen. Ich wundere mich nicht, dass ich den Satz des Pythagoras lernen musste. Er war unter anderem Mathematiker.

Als ich bei Lichtenberg lese: «Es sind wenige Dinge in der Welt, die eines Philosophen so würdig sind als die Flasche», wird mir klar, weshalb er kein grosses Werk geschaffen hatte als seine Sudelbücher, in denen man oft auf Stellen stösst, die Frucht der Flasche sind. Er, der Pfarrersohn, notiert «Er danke dem lieben Gott tausendmal, dass er ihn zum Atheisten habe werden lassen.» Als er in England am Meer stand, spottete er, wahrscheinlich an Jonas in der Bibel denkend: «Die Fische, die einen Propheten essen könnten, sind da so selten als die Propheten.»

Da geht es beim grossen Philosophen Kant eher gesittet zu und her. Er, der die Erkenntnistheorie auf den Kopf stellte, lud in seinen späten Jahren stets einen Kreis zum Mittagessen ein, um über aktuelle Fragen und über philosophische und ethische Themen zu plaudern. In den strenggeregelten Gastmählern, die drei oder vier Stunden dauern konnten, versteifte er sich manchmal in Sätzen, die man von ihm nicht erwartet hätte: «Gut Essen und Trinken ist die wahre Metaphysik des Lebens.»

Nietzsche, der in Basel, Nizza, Turin und in Sils-Maria abwechslungsweise lebte, kochte häufig selbst und bezeichnete sich gegenüber seiner Schwester als neugieriger Hobbykoch. Er war überzeugt, dass sich die Ernährung mit dem Ort verändern müsse. Er urteilte über die Kochkunst der verschiedenen Gegenden und meinte: «Die beste Küche ist diejenige Piemonts.» Über die deutsche Küche schimpfte er: «Was hat die nicht alles auf dem Gewissen!» Er verweist in diesem Zusammenhang mit Wut auf den herrschenden Antisemitismus. In Sils-Maria hingegen widerfährt ihm der grosse Rausch seines Werks «Zarathustra». Es war die Frucht der Wanderungen und des gesunden Essens.

In diesen Geschichten erfahre ich viel über das Leben und Schaffen der Philosophen. Ich möchte mit einem meiner Lieblinge, mit dem Pessimisten Schopenhauer abschliessen. Er strebt mit seinem Pudel Butz an der Leine täglich durch die Gassen Frankfurts auf den Englischen Hof zu. Er wird im teuersten Restaurant Frankfurts ein opulentes Mittagsmahl bestellen. Dabei verstehe ich seinen Pessimismus nicht. Ich möchte Schopenhauers Pessimismus demnächst etwas genauer unter die Lupe nehmen.

*Klaus Ebenhöh und Wolfgang Popp: Der Philosoph im Topf. Lesende Denker, denkende Esser. Residenz Verlag 2008.

**Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe.

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