Seit ihrer Pensionierung ist die Australierin Rita Shaw Wildtierfotografin, Autorin und Sammlerin von Nashorn-Kopien jeder Art. Sie hält Vorträge über ihre Reisen und hat ein Buch über afrikanische Nashörner geschrieben. Seniorweb hat die Expertin in Sydney besucht.
Man nennt sie «Rhino Lady». Wenn Rita Shaw über Nashörner spricht, tut sie das mit der Ruhe einer Wissenschaftlerin und der Leidenschaft einer Kämpferin. Ihr Wissen hat sie sich im Selbststudium angeeignet, ihr inneres Feuer für Nashörner in der Savanne geholt. Die australische Wildtierfotografin mit tschechischen Wurzeln gilt als eine wichtige Stimme im internationalen Nashornschutz.
Die Wildtierexpertin vor dem Nashorn-Gehege im Taronga-Zoo von Sydney.
«Ich flüstere ihnen zu», sagt sie, und meint damit mehr als nur die Analogie zum Buch-Bestseller «The Elephant Whisperer» von Lawrence Anthony, erschienen im Jahr 2009. Ihre Liebe zu den Tieren hat sie über Jahre aufgebaut: auf ihren sechzehn Reisen in der Wildnis Afrikas als auch nach Indien, in die Arktis und Antarktis, auf ihren Ausflügen in die Zoos rund um den Globus sowie durch viele Stunden des Beobachtens und Lesens.
Fotoarchiv und Rhino-Sammlung
Rita Shaws Fotoarchiv umfasst unzählige Bilder von wilden Tieren, von Nashörnern, Walen bis zu Pinguinen und anderen Exoten. Zudem besitzt sie die wohl grösste private Nashorn-Sammlung der Welt: Rita sammelt Nashörner-Darstellungen aus Stahl, Blech, Holz, Kristall, Porzellan, aber auch gestrickte und gehäkelte. «Rund 2500 Exemplare dürften es sein», schätzt sie.
Ihre Kamera sei nur ein Werkzeug, ergänzt die Rentnerin: «Wichtiger ist mir, dass meine Bilder etwas bewirken, dass sie die Schönheit der Natur zeigen und belegen, was wir verlieren könnten.» Denn die Lage der Nashörner ist dramatisch. Von den fünf existierenden Arten gelten drei als akut vom Aussterben bedroht. Wilderer jagen sie wegen ihrer Hörner, die auf dem Schwarzmarkt teurer gehandelt werden als Gold.
Zusammen mit Rangern bei der Behandlung eines betäubten Nashorns in Afrika. Foto ZVG
Shaw engagiert sich seit 2009 in ihren Netzwerken, leistet Aufklärungs- und Erziehungsarbeit. Mehrfach war sie in Afrika mit Rangern unterwegs, hat geholfen betäubte Nashörner zu markieren und vor Wilderern zu schützen.
Vorträge über ihre Reisen
«Was wir hier sehen, ist ein Wettrennen gegen die Zeit», sagt Shaw. Ihre Fachvorträge, die sie regelmässig vor interessierten Publika hält, verbinden spektakuläre Aufnahmen mit einer klaren Botschaft: Artenschutz ist kein Nischenthema, sondern eine globale Verpflichtung. «Fotografieren reicht nicht. Wir müssen verstehen, wie eng unser eigenes Überleben mit dem dieser Tiere verwoben ist.»
Ihr Fotoarchiv umfasst zahllose Bilder von Nashörnern, aufgenommen in Zoologischen Gärten und in der Wildnis.
In der Savanne lernte sie, Geduld zu haben. Sie spricht von den Nashörnern wie von alten Vertrauten. Ihre Stimme wird weich, wenn sie erzählt, wie sie stundenlang durch den Busch fuhr, um die Tiere zu beobachten. «Sie sind sanftmütiger, als man glaubt. Wenn du sie respektierst, bekommst du Vertrauen zurück. Ich habe keine Angst vor ihnen.»
Geboren wurde Rita Shaw kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Prag. Als Zweijährige reiste sie mit ihren Eltern nach Sydney. Dort wuchs sie auf, besuchte sie Schulen und die Universität. Dann gründete sie eine Familie und zog zwei Kinder gross. Beruflich arbeitete sie in der IT-Branche, in der Geräteindustrie und später als Webmasterin. Technik blieb für sie ein Werkzeug, Natur ihre Leidenschaft.
Zwei ihrer rund 2500 Nashorn-Exemplare.
Autorin eines Afrika-Buchs
Neben dem Fotografieren schreibt Rita Kurzgeschichten und betätigt sich als Gegenleserin / Beraterin. Über ihre Afrikareisen hat sie ein spannendes Buch geschrieben. Im Mittelpunkt von «A Rhino Lady to Africa, Crashing into the unknown» stehen ihre Lieblingstiere, die Nashörner. Doch auch Mitreisende und Ranger werden liebevoll beschrieben und zitiert.
In einer «Frauen-Schreibgesellschaft», deren Webseite sie betreut, verarbeitet Rita ihre Erfahrungen in literarischer Form. Meist handeln ihre Werke von Nähe, Vertrauen und der Frage, wie Menschen lernen können zuzuhören, «nicht untereinander, sondern auch der Natur», sagt sie.
Demnächst wird Rita Shaw in die USA reisen, um ihre Enkelin sowie die Urgrosskinder zu besuchen. Doch auch Afrika ruft wieder. Denn für die «Rhino Lady» endet Engagement nicht am Objektivrand. «Wer einmal in die Augen eines Nashorns geblickt hat, der weiss, dass jedes Foto auch ein Versprechen enthält: nicht wegzusehen», sagt sie.
Zusammen mit Rita haben wir in Sydney den Städtischen Zoo, den Taronga-Zoo und den «Symbio Wildlife Park» besucht. Doch ihr Blick bleibt auf die Wildnis, auf die Savannen gerichtet. «Afrika lässt mich nicht mehr los, schon gar nicht, solange dort Nashörner leben.»
Titelbild: Rita Shaw vor einer Abbildung ihres Lieblingstiers im Taronga-Zoo von Sydney. Fotos PS.
Buchhinweis
Rita Shaw, A Rhino Lady to Africa, Crashing into the unknown, Jann Kingsley, Hartley’s Safaris, Sydney, 2020.
