Die zweite Ballettpremiere der Saison am Zürcher Opernhaus unter dem Titel Timeframed liest sich wie ein Streifzug durch die Ballettgeschichte der letzten 50 Jahren: William Forsythe lässt Paare tanzen, Hans van Manen geht in die Pionierzeit der Videotechnik zurück, Lucas Valente verzichtet auf die Musik und Andonis Foniadakis entführt in himmlische Sphären. Begeisterten Applaus erhielten alle vier.
So vielfältig ist ein Ballettabend selten. Wenn Ballett, diese Melange aus Musik und Bewegung, reduziert wird auf ein grosses Ensemble, das den Soundtrack zu seiner Choreografie gleich selbst liefert, ist das auf den ersten Blick etwas verstörend. In «Bare» treten Tänzerinnen und Tänzer in Unisexkleidung {Kostüme Christopher Parker) als homogene Gruppe auf, erst paarweise, später dann als ein Ganzes, das wie ein sich windender, beweglicher Körper wirkt.
Lucas Valente, im Opernhaus als Tänzer kein Unbekannter, lässt die Tanzenden, wie sonst nur in Proben möglich, sich verbal austauschen: kurze Hinweise rufen, ein bisschen schwatzen, auch schreien und jubeln. Dazu kommen Körperklänge wie klatschen und stampfen. Später gibt ein Metronom den Takt vor, diskret ist auch ein Schlagwerk zu hören.
Ohne Ton, ohne Licht, ohne Farbe – «Bare», die Choreografie von Lucas Valente ist auf den Tanz reduziert.
Dass dem Brasilianer Valente das Tanzen im Blut liegt, ist kaum zu glauben – die Töne, die Harmonien fehlen, auch wenn Rhythmus produziert wird von den Tanzenden selbst. Was zuerst faszinierend und amüsant ist, zieht sich vor allem im zweiten Teil doch etwas hin. Aber überraschend ist es allemal.
Galaktische Begegnungen
Der zweite junge Choreograf, Andonis Foniadakis, spricht eine ganz andere Tanzsprache. Er «schiesst» seine vier Tanzpaare in den «Orbit», ihre vorgezeichneten Umlaufbahnen treffen sich, streifen sich, umkreisen sich, um dann wieder in den galaktischen Weiten zu verschwinden. Bis zum nächsten Date der Sterne.
Szene aus «Orbit» von Andonis Foniadakis.
Foniadakis, der Maurice Béjart als seinen «Ziehvater» bezeichnet, hat sich stilmässig emanzipiert. Höchstens das Gefühl für Raum, das Ausloten von Grenzen, der Bühne und der Bewegungen, erinnern an seine Zeit beim Ballett in Lausanne. Das ist erfrischend, gerade weil viele junge Choreografen diesem Faktor zu wenig Beachtung schenken.
Die Liebe im Pas de deux
Zwei Choreografien der Maestri assoluti William Forsythe und des im letzten Dezember verstorbene Hans van Manen bilden den Rahmen dieses Ballettabends. Forsythe widmet seine Produktion «New Suite» der wohl intimsten und direktesten Form des Tanzes, dem Pas de deux. Acht Paare tanzen nach Musik von Georg Friedrich Händel, Luciano Berio und Johann Sebastian Bach acht Pas de deux, alle den unvergessenen Balletten des Choreografen entnommen. Es ist eine Retrospektive, mit Werkausschnitten, die 2012 für die Uraufführung in Dresden überarbeitet und zum Teil neu choreografiert wurden. Und, wie sollte es bei Forsythe anders ein, die einfach nur begeistern.
Eines der acht Paare, die alle einen ausgewählten Pas de deux aus dem Werk von William Forsythe tanzen. (Bilder Opernhaus Zürich/Admill Kuyer)
1979 fand die Uraufführung von Hans van Manens «Live» statt. Ist etwas verstaubt, heute? Ganz und gar nicht! Hans van Manens «Pas de deux» mit einer Tänzerin und einem Videojournalisten ist aktuell und frisch. Der Choreograf experimentierte bereits Ende der 60-er Jahre mit Videoaufnahmen.
Flirt mit der Kamera
Zuerst zur Aufzeichnung seiner Ballettproben, dann aber als eigenständiges Element in «Live»: Ein Videojournalist (in Zürich Karim Fawaz) filmt eine Tänzerin bei ihren Exercices, erst fast unerkannt, im Dunkeln, dann aber immer näher, intensiver. Und die Tänzerin – die ausdrucksstarke, mit ihrer Persönlichkeit die ganze Bühne dominierende Ayaha Tsunaki – spielt mit, beginnt zu flirten, mit der Kamera und dem Mann dahinter.
Bis ihr Bühnenpartner, der privat ihr Ex ist, auftaucht. Sie weist ihn ab, verlässt die Bühne. Aber auch in den Gängen des Opernhauses, in der Eingangshalle ist der Tänzer (Karen Azatyan, ein Bild von einem Mann) präsent und erinnert sie an ihre früheren Erfolge. Nähe und Distanz prägen die Elemente dieser Begegnung – bis die Tänzerin ihren Mantel nimmt und über den dunkeln Platz Richtung Bellevue im Dunkeln verschwindet.
Es ist ein intensives, manchmal verstörendes und immer intimes Werk des im letzten Dezember verstorbenen van Manen. Er wird dem Tanz, wird Zürich fehlen.
Weitere Vorstellung: 22. 25. 30. Januar, 1. 4. 6. 8. 11. 12. Februar.
