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Die Schule im Focus

Seit die Schulreform sich vom Lehren zum Lernen verschoben hat, seit es also um Kompetenzen geht, die die Schüler erwerben müssen und weniger um das Wissen, das gelehrt wird, finden heftige Diskussionen statt, was Schule sein soll. Heute wird ein Mangel von Grundwissen in Sprache und in Mathematik festgestellt. Zahlreiche Gefechte wurden bereits in den Medien ausgetragen. Es wird geklagt, dass die Disziplin in der Schule nachgelassen habe. Schuldige werden benannt. Die Politik hat dieses Thema aufgegriffen. Die FDP legte vor einem Jahr Änderungsvorschläge vor und nun aktuell die SVP. Es besteht die Gefahr, dass die Schule politisiert wird und die Fehler populistisch verzerrt werden. Darüber möchte ich hier aber nicht schreiben.

Da ich Schüler war, später Lehrer wurde und dann am Lehrerinnenseminar Menzingen Pädagogik und Psychologie unterrichtete, liesse sich ein grosser Bericht schreiben, der mein damaliges Bild von Schule mit der heutigen vergleicht. Ich teile die Ansicht von Professor Roland Reichenbach, die er in verschiedenen Medien, in der Sendung Sternstunde Philosophie und in Interviews in Zeitungen vertreten hat. Aus seinem Essay* «Die Pädagogik der Privilegierten» entnehme ich einen Satz, den ich mit eigener Erfahrung belegen möchte. Reichenbach spricht von der Unsichtbarkeit der Lernprozesse. «Es bleibt unsicher, wann und wie Lehr- und Erziehungstätigkeit tatsächlich Lernen bewirken.»                                                                                                                                                                                                                                                                              Allgemein würde man sagen, das Kind lernt, wenn es einen guten Lehrer hat. Aber ich habe erlebt, dass gute Schüler sowohl bei einem guten und als auch bei einem schlechten Lehrer vorwärtskommen. Gute Schüler vergessen, kaum sind sie in der nächsten Klasse den früheren Lehrer. Es muss also individuelle Gründe für das Lernen geben und dies kann ich persönlich bestätigen. Im Seminar Rickenbach ob Schwyz unterrichtete eine ältere Lehrerschaft, und ich würde sagen, dass sie gemessen an heute, nicht besonders gut war, und einzelne Lehrer sogar schlecht. Und nun wird die Situation paradox.

Dank der schlechten, nicht eindeutig gut lehrenden, zum Teil vielleicht überforderten Professoren, fand ich Raum, Bücher zu lesen, die den Unterricht erweiterten. So traf ich auf Rousseau, las die grossen Romane von Dostojeski. Von Faust lernte ich freiwillig grosse Stellen auswendig, die ich zum Teil heute noch zitieren kann.

Was war der Grund dieses Eifers? Zu Hause gab es ausser einer bebilderten Bibel und dem Werk des Kräuterpfarrers Künzle keine Bücher. Aber die Welt meiner Kindheit schuf ein Selbstbild, in dem Mutters Spruch galt: «Man muss im Leben auf einen grünen Zweig kommen.» Dieser Satz wirkte wie eine Erwartung. Er formte aber kein bestimmtes Ziel, keinen bestimmten Anspruch. Von einem Gymnasium und dem Studium auf der Universität durfte ich nicht träumen. Mit dem Satz liess Mutter offen, was ich tun sollte. Was war dieser grüne Zweig? Es war klar, auf den Ast zu kommen, hiess klettern. Dieser eine Satz und Mutters Haltung dahinter formten mein Selbstbild mit. Ich blieb ein Leben lang ein Lernender.

Wichtiger als alle Schulreformen, alle Kritik an der Lehrerschaft, aller Erwartungsdruck in der Familie, sei er direkt oder unausgesprochen, hilft wenig, wenn das Selbstbild durch falsche Erwartungen geschwächt wird. Bei einem gesunden Selbstbewusstsein sind die Chancen vorhanden, im Leben den Weg zu finden, der zu einem passt. Lese ich die Lebensgeschichte von Roland Reichenbach, bewundere ich sie, wie er aus einfachen Verhältnissen Karriere gemacht hat und zum Glück heute auf der Universität Zürich lehrt, dass Schule nicht Verwalten heisst, sondern Lehren, damit die Schüler lernen.

*Roland Reichenbach: Die Pädagogik der Privilegierten. Kohlhammer 2025

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