Im Jahre 1897 veröffentlichte der irische Schriftsteller Bram Stoker seinen Vampiroman ‘Dracula’. Das Besondere an der Form seines Erfolgsromans: Er besteht aus Briefen, Tagebucheinträgen, Zeitungsartikeln, Schiffsfahrplänen und anderen schriftlichen Dokumenten.
«Gut gegen Nordwind», der erste E-Mail- Roman von Daniel Glattauer erschien vor zwanzig Jahren. 2019 wurde die virtuelle Liebesgeschichte auch verfilmt.
Fast siebenhundert Seiten umfasst der Roman «Schlafen können wir später» von Zsuzsa Bank, 2018 erschienen. Die Schriftstellerin Márta und die Lehrerin Johanna fragen sich in langen E-Mails, was sie mit ihrem Leben noch anfangen wolle, nachdem sie die die halbe Strecke bereits gegangen sind. Und schliesslich: Als klassischer Briefroman gilt «Die Leiden des jungen Werthers», 1774 erschienen von Johann Wolfgang Goethe.
Ich will Sie nicht dazu ermuntern, einen Briefroman zu schreiben, zu lesen schon, aber ich möchte Sie unbedingt zum Briefeschreiben ermutigen. Wann haben Sie das zum letzten Mal getan? Eben! Ich meine nicht eine schnelle Message wie «ja, mir auch gut, wir sehen uns bald, tschüss», dazu mindestens ein Emoji. Nein, ganz anders: Sie wählen das Briefpapier aus, Ihren Lieblingsstift, setzen sich hin und schreiben erst mal die Anrede. Bedeutet sie bereits eine erste Klippe? Und weiter im Text. Sie wissen nicht, was schreiben. Aber Sie denken ununterbrochen an den / die Briefempfänger/in. Woran genau denken Sie? An die letzte Begegnung von vor ein paar Tagen? An die erste Begegnung vielleicht, die schon lange zurückliegt? An einen Streit, der noch immer nachhallt? An eine gemeinsame Reise oder an eine, die Sie in Ihrer Phantasie durchspielen?
Briefe sind so individuell, wie diese Briefkästen in Schweden. Photo Theres Roth-Hunkeler
Es fällt Ihnen immer noch nichts ein, aber Sie möchten diesen Brief schreiben. Warum? Vielleicht nur, weil Sie das Briefeschreiben wieder einmal ausprobieren und erfahren möchten, ob Sie es verlernt haben. Schreiben Sie genau das: Dass Sie das Briefeschreiben vielleicht verlernt hätten und das hier bloss eine Art Übung sei. Was denn üben Sie sonst noch? Gleichgewicht, Klavier, Geduld, kochen, Abgrenzung, räumen, nein zu sagen, mutiger zu sein, offener? Erzählen Sie davon in Ihrem Brief. Und stellen Sie Fragen. Ein Brief ist ein Gespräch, auch ein Gespräch mit Ihnen selbst. Und: Schauen Sie unbedingt dabei zu, wie die Buchstaben und Wörter aus Ihrer Hand in die Feder und aufs Papier fliessen. Vielleicht kommen die Buchstaben noch aus anderen Gebieten, aus der Herz- und Hirnregion, aus dem Gedächtnis, also aus der Erinnerung, die meist bearbeitete Erinnerung ist. Ist das nicht ein wundervolles Gefühl? Und, wenn der Brief eingeworfen ist, dieses lange nicht mehr erlebte Gefühl, auf einen Brief zu warten, wie ist das? Vielleicht schlägt sich der Mensch, der Ihren Brief bekommen hat, nun mit dem herum, was man früher Briefschuld genannt hat. Vertreiben Sie sich die Zeit des Wartens mit einem Briefroman, oder schreiben Sie einen zweiten Brief, damit Sie nicht aus der Übung kommen. Viel Glück.

Ich bin ganz bei Ihnen, Frau Roth-Hunkeler, es sollten viel mehr Briefe von Hand geschrieben werden. Schon so oft habe ich mir genau das vorgenommen und dann doch wieder nur eine E-Mail geschrieben. Das liegt auch daran, dass ich sehr ungeduldig bin, gerne den Augenblick der Eingebung nutze und meine Schrift jedes Jahr wüster wird. Habe mir sogar einen teuren Füllfederhalter, blaute Tinte und gutes Schreibpapier gekauft im einzigen Geschäft, das bei uns diese gediegenen Waren, die noch in Europa gefertigt werden und diese Waren noch verkauft,
Nichtdestrotrotz (woher habe ich nur dieses Wort?), bin ich Ihnen dankbar für den gedanklichen Schups, es doch einmal wieder in Angriff zu nehmen.