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Schätze aus sechs Jahrhunderten

Das Kunstmuseum Bern besitzt einen gewichtigen Bestand an älterer Kunst. Daraus werden nun selten ausgestellte Werke vom 13. bis 18. Jahrhundert gezeigt: «Das volle Leben. Alte Meister von Duccio bis Liotard». Frühe italienische Malerei, barocke Meisterwerke und Berner Künstler – eine Augenweide.

«Das volle Leben» wird in dieser hochkarätigen Ausstellung vor dem Publikum ausgebreitet – Themen voller Kontraste, die vor Jahrhunderten schon und bis heute bewegen, begeistern oder erschrecken: Das Leben des Heiligen Antonius, Portraits damals geschätzter Personen – oft Männer – und Stillleben, die uns vor Augen führen, dass, wer wohlhabend genug war, auf gute Ernährung achten konnte. Nicht zuletzt sehen wir Darstellungen von Wollust und Sexualität, die heute schrillen Protest hervorrufen würden, und im nächsten Saal werden Moral und Tugend verherrlicht.

Im oberen Stock des Kunstmuseums, im historischen, 1879 eröffneten Teil, werden die Besucherinnen und Besucher von einer Reihe würdevoller Portraits empfangen. Anne-Christine Strobel, Kuratorin dieser Ausstellung, weist darauf hin, dass im Stadtstaat Bern konservative Vorschriften das Leben bestimmten.

Joseph Heintz d. Ä.: Bildnis einer Dame, 1598, Öl auf Leinwand, 87 × 70 cm. Kunstmuseum Bern, Depositum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Gottfried Keller-Stiftung, Bern. Foto: Kunstmuseum Bern

An Haltung und Kleidung der portraitierten Damen und Herren erkennt man, dass im 17. Jahrhundert noch der steife spanische Stil gefordert war. Das änderte sich langsam: Das jüngste ausgestellte Portrait des Genfer Malers Jean-Etienne Liotard (1702-1789) zeigt einen selbstbewussten jungen Mann in orientalisch anmutender Ausstattung.

Jean-Etienne Liotard: Simon Luttrell, futur Earl of Carhampton, 1753–1754. Öl auf Leinwand, 83 × 63 cm. Kunstmuseum Bern, Leihgabe. Kunstsammlung der Stadt Bern Foto: Kunstmuseum Bern

Repräsentation von Mensch und Besitz

Gegenüber sind zwei bemerkenswerte Stillleben platziert: Auf den ersten Blick zeigen sie, wie wohlhabend Berner Bürgerfamilien sein konnten. Es ist wohl nur ein Teil der Herbsternte mit Fischen, Gemüsesorten, Früchten u.a., sorgfältig arrangiert. Beachten Sie, dass die Äpfel jeder von einer anderen Seite gemalt wurden – ein Zeichen der guten Ernte. Denn solche Darstellungen dienten auch dem Zweck zu zeigen, über welche Ressourcen eine Familie verfügte. Ebenso wurden die in strengen Kleidern gemalten Honoratioren zuweilen mit Symbolen ihres Reichtums gemalt.

Vom Goldhintergrund zur Perspektive

Duccio di Buoninsegna: Maestà, um 1290–1295. Tempera auf Pappelholz, mit Leinwand überzogen, Originalrahmen 31,5 × 23,2 × 2,5 cm. Kunstmuseum Bern, Legat Adolf von Stürler, Versailles. Foto: Kunstmuseum Bern

Ein kostbares Kleinod ist die Maestà von Duccio di Buoninsegna (1255-1318), das älteste Werk in der Sammlung des Kunstmuseums. Der Künstler und Kunstsammler Adolf von Stürler (1802-1881), dessen Vater aus einer alten Berner Familie stammte, hatte es erworben. Im Jahre 1902 kam es in einem Legat von 170 Werken ins Kunstmuseum. Das kleine Kunstwerk steht noch ganz in der Tradition der mittelalterlichen Heiligenbilder mit Goldhintergrund.

Als Gegensatz sehen wir Madonna col Bambino von Fra Angelico (ca. 1395-1455). Die mütterliche Haltung der Madonna und die lebendige Geste des Jesuskindes berühren heute noch. Ein kleines Werk aus der Werkstatt von Botticelli zeigt, dass der Goldhintergrund überwunden war, eine Landschaft erzeugte nun Tiefenwirkung.

Fra Angelico: Madonna col Bambino, um 1445–1450, Tempera auf Pappelholz, 46,6 × 35,1 cm. Kunstmuseum Bern, Legat Adolf von Stürler, Versailles Foto: Kunstmuseum Bern

Die Nelkenmeister und Niklaus Manuel

Die geheimnisvollen Nelkenmeister und Niklaus Manuel füllen den grössten Saal der Ausstellung. Die Nelkenmeister, deren Namen nur vermutet werden, wirkten zwischen 1480 und 1510 in Bern, eine andere Gruppe in Basel, eine weitere ist aus Zürich bekannt. Es müssen Gruppen von Malern gewesen sein, die alle ihre Werke mit zwei Nelken signierten. – Mit dem eigenen Namen zu signieren, kam kurze Zeit später auf. Grossformatige Altarbilder der Nelkenmeister sehen wir, noch traditionell auf Goldhintergrund und die Personen in etwas steifer Haltung gemalt. Auch die Perspektive meistern sie noch nicht ganz, «wie in einer Schuhschachtel» wirken die Szenen, erklärt die Kuratorin.

Niklaus Manuel (I.): Die Versuchung des heiligen Antonius, 1518–1520. Mischtechnik auf Fichtenholz, 101 × 126 cm. Kunstmuseum Bern, Depositum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, Gottfried Keller-Stiftung, Bern Ankauf mit Beiträgen von Kanton Bern, Burgergemeinde Bern, Gemeinde Bern und Verein der Freunde Kunstmuseum Bern. Foto: Kunstmuseum Bern

Daneben hängen Werke von Niklaus Manuel (1484-1530), der in Bern vieles bewegte und bestimmte. Als junger Mann hatte er sich als Söldner bei italienischen Fürsten verdingt, damals eine nicht ungewöhnliche Methode, um sich ein gewisses Vermögen zu verschaffen. Zurück in Bern lebte er nicht nur als Maler, Grafiker und Dichter, sondern wirkte auch als Ratsherr und Reformator.

Die Reformation in Bern

Das entscheidende Jahr 1528 verlief in Bern weniger zerstörerisch als anderswo. Niklaus Manuel und sein Freund waren beauftragt, die religiösen Bilder zu sichern. Die Stifterfamilien durften ihre Gemälde zurückholen. Zu kleinen Zerstörungen kam es trotzdem: Eine Holztafelbild, der «Allerseelenaltar», weist eine Menge Messerstiche auf, vor allem Augen wurden zerstochen.

Ausschnitt aus «Allerseelenaltar»: Hier sind die alten Messerstiche zu erkennen. (Foto mp)

Niklaus Manuels Bilder – ebenfalls mit religiösem Inhalt – zeigen, wie stark sich sein Malstil von dem der Nelkenmeister unterscheidet: lebendige Szenen, detailreich ausgestaltet und mit perspektivischem Hintergrund, wie wir es aus späteren Epochen kennen. Besonders deutlich wird das in seinen Bildern des Heiligen Antonius.

Ein seltenes Kuriosum sei noch erwähnt: In seinem Gemälde des Apostels Lucas stellt Niklaus Manuel sich selbst als Maler dar, ebenfalls seinen Freund den Goldschmied. Die beiden hatten übrigens nach der Reformation die Aufgabe, die goldenen liturgischen Gefässe zu sammeln und einschmelzen zu lassen.

Zügellose Sitten und strenge Regeln: Im Barock nebeneinander

Nach der Reformation erweiterte sich die Auswahl der Motive immens. Szenen aus der griechischen und römischen Mythologie waren sehr beliebt. Das sind aus heutiger Sicht oft brutale Themen: Die Gewalt der Götter, ihre Wollust, ihre Dominanz über Feen und Nymphen scheinen grenzenlos. Die Betrachter – vielleicht waren es vor allem Männer – werden zu Voyeuren. Als Besonderheit sind dort Miniaturen von Joseph Werner (1637-1710) zu entdecken, feine Malereien auf Pergament, die wegen ihrer Lichtempfindlichkeit selten gezeigt werden können.

Joseph Werner d. J.: Flora vor einem Brunnen, 1666, Gouache auf Pergament über Kupferplatte. 14 × 10,5 cm. Kunstmuseum Bern, Staat Bern. Foto: Kunstmuseum Bern

Als Kontrapunkt zur Zügellosigkeit der Götter werden im letzten Saal Gemälde präsentiert, die Moral und Tugend der Berner Gesellschaft im 17. Jahrhundert stärken sollten. Allegorische Darstellungen von Joseph Werner, etwa die Gerechtigkeit, waren damals sehr beliebt. Dieses Gemälde zierte lange das Berner Rathaus. Auch die Vergänglichkeit abzubilden, war nicht ungewöhnlich. Ein grosses Werk, die berühmte Kebes-Tafel von Joseph Plepp (1595-1642), drei Meter breit, darf in dieser Ausstellung nicht fehlen. Dargestellt wird mit über 200 Figuren, welche Irrungen und Wirrungen ein Mensch zu überwinden hat, um seinen Weg bis zu seinem (Seelen-) Heil meistern zu können.

«Das volle Leben. Alte Meister von Duccio bis Liotard» im Kunstmuseum Bern.
Anzuschauen bis 27. September 2026.
Zahlreiche Veranstaltungen auf der Webseite.

Titelbild: Blick in den grössten Saal (Foto mp)

 

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