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Die Kammerfrau der Königin

Alle kennen Marie Antoinette. Aber niemand kennt Henriette Campan, Kammerfrau der Königin. Sie überlebte die Revolution und schrieb im Alter ihre Memoiren. Hans Pleschinski hat sie übersetzt und mit einem Nachwort zum Leben der Verfasserin publiziert: «Das kurze und verschwenderische Glück der Königin Marie Antoinette».

Henriette Campan begann fünfzehnjährig ihr berufliches Leben als Vorleserin der Töchter König Ludiwigs XV. im Jahr 1767. Als die vierzehnjährige Marie Antoinette (1755-1793), Tochter Kaiserin Maria Theresias von Österreich, 1770 nach Paris kam, um den künftigen König Louis XVI. zu heiraten, wurde ihr die um drei Jahre ältere Henriette als Kammerfrau empfohlen. Marie Antoinette sollte den Frieden mit Österreich gewährleisten und Frankreich einen Thronfolger schenken.

Die Kammerfrau Jeanne Louise Henriette Campan, geborene Genet (1752-1822), kam aus einem bürgerlichen Elternhaus. Der Vater Edmé Jacques Genet, der vor dem tyrannischen Grossvater nach England floh, um dort sein Studium der Rechtswissenschaft abzuschliessen, heiratete aus Liebe Henriettes Mutter, die aus bescheidenen Verhältnissen kam. Das junge Paar zog nach Versailles, und mit ihnen die ganze Schwiegerfamilie. Der Vater arbeitete als Dolmetscher im auswärtigen Dienst. Angesichts der begrenzten Mittel setzte er auf eine gute Ausbildung seiner beiden Töchter, damit diese auch ohne Ehemann einmal ihr Leben bestreiten könnten, etwa als Erzieherinnen oder Gesellschafterinnen. Beide sprachen fliessend Französisch, Englisch und Italienisch.

Porträt von Jeanne Louise Henriette Campan, 1786, Pastell von Joseph Boze (1745-1826), Sammlung Schloss Versailles. Wikimedia Commons

Von den zwanzig Kammerfrauen stand Henriette der Königin am nächsten. Sie war pflichtbewusst und kannte die Regeln bei Hof: Diskretion war oberstes Gebot. Niemals durfte sie an Mitglieder der königlichen Familie und des Hochadels als Erste das Wort richten, Plaudereien durften nie von ihr ausgehen, über Gehörtes oder Gesehenes hatte sie Stillschweigen zu bewahren.

Die Bediensteten verdienten recht gut und profitierten von den Zusatzeinnahmen: Was von den reich aufgetischten Mahlzeiten übrigblieb, durften sie an Menschen im Schloss oder ausserhalb verkaufen. Teure Kerzen wurden für den König und seine Familie nur einmal angezündet, bisweilen nur für die Passage durch einen Raum, dann galten sie als gebraucht. Das Personal sammelte sie ein und machten sie zu barer Münze. Daran störte sich niemand, diese Praxis war seit Generationen selbstverständlich. Henriette brachte es schon früh zu einem Vermögen und konnte sich ein Haus mit eigenen Bediensteten leisten.

Weniger Glück hatte sie in der Liebe. Sie heiratete Pierre Dominique Campan, oberster Garderobier des jüngeren Bruders des Königs. Er betrieb ein Lotteriebüro und galt als «schöner, wendiger und wohlhabender Mann». Das Königspaar stimmte der Vermählung zu. Doch leider erwies sich Campan als zu wendig und verschwenderisch, verreiste oft über Monate nach Italien, so dass Henriette mit ihrem Sohn immer öfter allein zurückblieb. Wegen des Kirchenrechts konnte sie sich nicht scheiden lassen. Erst 1790 war dies durch die neue Gesetzgebung der Revolution möglich.

Henriette begleitete Marie Antoinette von Beginn an am französischen Hof. Als junge, unerfahrene Königin war diese der Meinung, sie könnte sich alles leisten. Durch ihr leichtsinniges und verschwenderisches Wesen lud sie den Zorn der Franzosen auf sich, was mit zum Umsturz der Monarchie beitrug. Die Aufzeichnungen zeigen, wie sehr das Königspaar in der eigenen Blase lebte. Intrigen, die auch nach aussen wirkten, beherrschten den Hofstaat. Viel zu oft wurden fatale Entscheidungen gefällt, ohne Verständnis für die Bedürfnisse des Volks. Durch die Brutalität der Revolution wandelte sich Marie Antoinette zu einer starken, ernsthaften Persönlichkeit, die unter den schlimmsten Anfeindungen und Mordandrohungen ihre Würde behielt, bis zum Schluss.

Durch die Aufzeichnungen nehmen wir unmittelbar an den existentiellen Erschütterungen der Zeit teil, sind mittendrin. Als Königstreue war Henriette Campan den Verfolgungen der Revolution ausgesetzt: Unterwegs oder in den Schlossräumen, wo sie sich zusammen mit der Königin versteckte, um dem Gemetzel der aufgebrachten Menge zu entkommen. Viele führten ein Doppelleben oder wechselten die Seite. Als eine der Wenigen hielt sie treu zum Königspaar. Sie verliess ihre Königin erst, als Marie Antoinette und ihre Familie nach dem Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792 als Gefangene der Revolution inhaftiert wurde. Sie selbst konnte sich auf dem Land verstecken.

Nach dem Tod von Robespierre 1794 kam die neue Republik langsam zur Ruhe und Henriette wagte sich aus ihrem Unterschlupf. Das Finanzchaos hatte sie ruiniert und sie musste Geld verdienen. Durch die Aufhebung der Klöster und Schliessung der Ordensschulen entdeckte sie eine Möglichkeit für sich und eröffnete 1795 ein Mädchenpensionat. Viele bessergestellte Familien suchten für ihre Töchter eine Ausbildung. Auf dem Stundenplan standen alle klassischen Fächer und Religion. Zu den Schülerinnen gehörte auch Hortense, Tochter von Joséphine de Beauharnais, Geliebte des Generals Napoleon Bonaparte, den sie 1796 heiratete. Napoleon zeigte sich beim Besuch des Instituts beeindruckt und unterstützte es.

Napoleons Sturz bedeutete auch das Ende der Schule. Henriette Campan war nun Mitte sechzig und zog sich wieder aufs Land zurück. Elf Jahre nach dem Tod Marie Antoinettes hatte sie mit der Niederschrift ihrer Memoiren begonnen, die sie nun überarbeitete. «Ich weiss nicht, ob meine Erinnerungen es verdienen, das Licht der Welt zu erblicken. Aber sie aufzuzeichnen beschäftigt mich und vertreibt andere Gedanken», meinte sie. Und ein Besucher bemerkte: «Frei, sich ihren Erinnerungen zu überlassen, wurde sie für Augenblicke wieder zur Ersten Kammerfrau Marie Antoinettes.» Ihre ehemalige Schülerin Hortense de Beauharnais korrespondierte aus dem Exil am Bodensee mit ihr und unterstützte sie finanziell.

Jeanne Louise Henriette Campan starb am 16. März 1822. Im gleichen Jahr erschienen ihre Aufzeichnungen unter den Titel Mémoires sur la vie privée de Marie-Antoinette, reine de France et de Navarre, die zum Zeugnis einer Epoche werden sollten. Denn alle neuzeitlichen Filmproduktionen und Dokumentationen über Marie Antoinette basieren auf den Memoiren ihrer Kammerfrau, die namentlich kaum bekannt ist.

Hans Pleschinski, Das kurze und verschwenderische Glück der Königin Marie Antoinette. Aufzeichnungen ihrer Kammerfrau Henriette Campan. Verlag C.H. Beck, München 2025. ISBN 978-3-406-83715-9

 

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