«Wie wir sprechen» – unter diesem Titel beleuchten die aktuellen Ringvorlesungen des Collegium Generale der Universität Bern verschiedene Aspekte von Sprechen und Sprache, beginnend mit den Schweizer Dialekten. Die Vorträge sind wie immer offen für alle und im Internet nachhörbar.
Wer in der Schweiz lebt, weiss: Das Postauto fährt ins letzte Bergdorf. Wer aus Deutschland oder Österreich kommt, wundert sich: Er sieht einen modernen Autobus und kein Postauto. Und je nach Region sagen die Benutzerinnen und Benutzer liebevoll Poschi zu ihrem Transportmittel. – Wie vielfältig gesprochene Sprache sein kann, zeigt sich in der Schweiz mit ihren vielen ausgeprägten Dialekten besonders deutlich.
Den Einführungsvortrag unter dem Titel «Wie und warum sich Schweizerdeutsch verändert» hielt der Berner Germanist und Soziolinguist Adrian Leemann. Er leitet das Projekt Dialektatlas, entstanden in der Nachfolge des Sprachatlas der deutschen Schweiz (SDS), einer epochalen Pionierarbeit in der Schweizer Dialektforschung, entstanden in den Jahren 1939 bis 1958. Grundlage dafür bildeten damals wie heute mündliche Befragungen, damals in über 600 Orten.
Aus dem Dialektatlas: Gesamtbild der Dialekte bzw. der Dialektregionen
Für das neue Projekt Dialektatlas standen bedeutend weniger finanzielle Ressourcen zur Verfügung und weniger Zeit: vier bis fünf Jahre mussten genügen für die Befragungen, die mit dem Handy durchgeführt wurden. Interviewt wurden gleich viele Frauen wie Männer, je zur Hälfte aus der älteren (60+) und aus der jüngeren Generation. Den Auskunftspersonen – es waren ortsfeste Personen – wurden stets die gleichen Begriffe in Bildern vorgelegt. Es waren zu gleichen Teilen Fragen, die Wortschatz, Grammatik und Phonetik betrafen. Daraus ist eine umfangreiche Datenbank entstanden. Diese Metadaten stehen für weitere Forschungen zur Verfügung.
Ein Beispiel aus dem Dialektatlas: Für «Schaukeln» gibt es viele Wörter.
«Je mehr wir miteinander sprechen, desto mehr gleicht sich die Sprache an», erklärt Professor Leemann. In Gesprächen passen wir uns unwillkürlich an – ein sozialpsychologisches Phänomen -, denn das fördert das gegenseitige Verständnis. Ebenso versuchen wir uns sprachlich anzugleichen, wenn wir uns um Anerkennung bemühen. Auch das lässt sich psychologisch begründen: Ähnlichkeit, d.h. eine ähnliche Sprache, wirkt anziehend. Zuweilen treffen wir auf einen Menschen, der sich, sei es bewusst oder unbewusst, distanzieren möchte: Er wird das eventuell durch seine spezielle Art der Sprache signalisieren. Grundsätzlich sind wir jedoch bestrebt, verstanden zu werden. Wer länger an einem Ort lebt, passt sich an.
Duzen – Siezen (gegenüber Vorgesetzten) Befragte der älteren Generation
Wie genau die Verbreitung eines «neuen» Wortes vor sich geht, ist wissenschaftlich noch nicht vollkommen geklärt. Adrian Leemann vermutet, dass sich neue Begriffe zuerst in den Städten durchsetzen, denn es bestehen trotz der Distanzen starke kulturelle Verbindungen zwischen städtischen Zentren, ehe neue Ausdrücke sich in ländlichen Gebieten ausbreiten.
Gewisse Begriffe scheinen untrennbar mit einer Landschaft verbunden zu sein: Einen Berner oder eine Bernerin erkennt man bei einer Wanderung daran, dass sie oder er bei einer Begegnung «Grüessech» sagt, während sich «Grüezi» weit über das Zürcher Sprachgebiet ausgedehnt hat. Ähnlich verhält es sich mit Honig, heutzutage in der gesamten deutschen Schweiz weit verbreitet, aber die Bernerinnen und Berner halten an Hung fest.
Duzen – Siezen (gegenüber Vorgesetzten) Befragte der jüngeren Generation
Aus dem Hochdeutschen haben sich einige Begriffe ausgebreitet, neben Honig etwa auch Pfütze. Daneben gibt es «stabile» Begriffe, erklärt Leemann, Stäge gehört dazu, Pferd und Schmetterling. Die Sprache und damit auch die Dialekte sind ein Abbild unseres Medienkonsums. Verglichen mit den Forschungen des Sprachatlas der deutschen Schweiz wurde die Sprache in den Jahrzehnten seit dem 2. Weltkrieg durch Radio und Fernsehen beeinflusst und ungleich stärker noch durch die digitalen Medien seit gut dreissig Jahren. Die Migration innerhalb der Schweiz und aus dem Ausland hat selbstverständlich ebenfalls auf die Alltagssprache eingewirkt.
Zwiebel. Befragte der jüngeren Generation
Merkwürdig, dass sich in einigen Fällen auch ein typischer Helvetismus wie Rande für Rote Bete durchsetzt. Hier waren wohl die Marktinformationen entscheidend. Die Bezeichnung für ein Gemüse wie der Rande sollte in der ganzen Deutschschweiz gleich lauten. Ein Kuriosum, das aus der Schweiz in andere Länder übergesprungen ist, sei hier genannt: das Birchermüesli. – Auch wenn es dort zu Müsli geworden ist.
Inwieweit sich die Sprache verändert, wird immer von der persönlichen Einstellung, der Offenheit und Neugier der Sprecherinnen und Sprecher abhängen, ebenfalls von der lokalen Verwurzelung. Es scheint, dass das Geschlecht der Sprechenden oder ein hoher bzw. geringer Bildungsabschluss den Sprachwandel nur wenig beeinflusst. Friedfertige Charaktere scheinen eher bereit, «in der Luft» liegende Wörter zu übernehmen. – Wenn Sie mit dem Postauto in ein abgelegenes Bergdorf fahren, werden Sie dort vielleicht noch alte Sprachformen finden – es sei denn, Sie fahren in einen angesagten Ferienort.
Ringvorlesung Frühjahr 2026: Wie wir sprechen
Wir reden Bärndütsch oder verwenden Jugendslang. Manche gendern, andere nicht. Wir drücken uns vorsichtig aus oder unterstreichen unsere Worte mit einer grossen Geste. Und wie wir es sagen, sagt etwas über uns. Aber was?
Die Ringvorlesung des Collegium Generale spürt im Frühjahrssemester dem heutigen Sprachgebrauch nach. Wie reden wir? Welche aktuellen Trends prägen Dialekt und Hochsprache? Wie wirkt sich KI auf unsere Sprache aus? Und wie wird mit Sprache Politik gemacht? Die Vorträge präsentieren aktuelle Forschung über Sprechen und Sprache.
Die Vortragsreihe dauert bis 27. Mai 2026, mittwochs 18:15 Universität Bern, Hauptgebäude.
Als Video herunterzuladen anschliessend an den Vortrag (mit Ausnahmen).
Dialektatlas. Er ist voll umfänglich als Download verfügbar.
Titelbild: pixabay.com
Alle anderen Abbildungen sind dem Dialektatlas entnommen: Adrian Leemann, Corina Steiner, Melanie Studerus et alii: Dialäktatlas. 1950 bis heute. vdf Hochschulverlag.

Ein Fehler: «… das Birchermuesli. – Auch wenn es dort zu Müsli geworden ist.» In diesem Muesli fehlt etwas, nämlich die ü-Pünktchen!
Ganz interessanter Artikel ! Sprache/Dialekt. Von den «Migranten» besser «Zuzügern», stelle ich fest, dass auf dem Bau das miteinander Sprechen, voneinander lernen, am ehesten zu hören ist. Wir Schweizer fordern grösstenteils; die anderen sollen sich integrieren! Wir jedoch grenzen uns ab. Meine Erfahrung ist, im einfachen Spiel UNO SKIPO ergibt sich Geselligkeit zur Sprachentfaltung gegenseitig.
Danke, Herr Koller, für die aufmerksame Lektüre. Ich habe die ü-Pünktchen eingefügt.