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Chronische Einsamkeit kann krank machen

Sind Sie ab und zu, oft oder gar chronisch einsam? Seit Corona wird Einsamkeit wieder häufiger thematisiert. Was sind die Ursachen, was kann man dagegen tun? Dr. Tobias Krieger, Privatdozent am Institut für Psychologie der Universität Bern, gab an der Seniorenuni einen Überblick.

Einsamkeit ist ein verbreitetes Phänomen und betrifft Menschen in allen Lebensphasen – von Kindern und Jugendlichen bis Menschen im hohen Alter. Einsamkeit entsteht, wenn soziale Kontakte als zu wenig oder nicht ausreichend erfüllend erlebt werden. Während vorübergehende Einsamkeitsgefühle eine wichtige Signalfunktion haben, ist chronische Einsamkeit mit einer Vielzahl körperlicher und psychischer Beschwerden verbunden und stellt ein erhöhtes Gesundheitsrisiko dar.

Der Referent im Auditorium der Uni Bern: «Einsamkeit ist ein komplexes Phänomen. Entsprechend vielfältig sind die Behandlungsmöglichkeiten.»

In seinem Vortrag an der Seniorenuniversität Bern ging Tobias Krieger auf verschiedene Arten von Einsamkeit ein. Er stellte die zentralen Faktoren vor, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Einsamkeit beitragen, darunter sowohl strukturelle Bedingungen wie Lebensübergänge oder gesellschaftliche Veränderungen als auch psychologische Mechanismen.

Darauf aufbauend erläuterte der Privatdozent, der sowohl in der Forschung, in der Lehre als auch in der therapeutischen Praxis tätig ist, aktuelle Erkenntnisse zu wirksamen Interventionsansätzen, die Betroffenen helfen können, Einsamkeit zu vermeiden, zu verringern und die soziale Verbundenheit zu stärken.

PD Dr. Tobias Krieger: «Einsamkeit zu vermeiden ist oft einfacher, als etwas gegen eine bestehende Einsamkeit zu tun.»

Soziale Beziehungen, Zugehörigkeit, Anerkennung, Selbstwertschätzung, Geborgenheit, und Sicherheit seien menschliche Bedürfnisse, unabhängig von Geschlecht und Ethnie, rund um den Globus, erläuterte Krieger. Im Gegensatz zum Wunsch nach Alleinsein sei Einsamkeit nicht selbstgewählt.

Jeder Mensch kenne die kurzfristige, vorübergehende Einsamkeit. Eine situative Einsamkeit habe ihre Ursache meist in einem Ereignis, beispielsweise in einer Trennung, Scheidung, in einem Todesfall oder Arbeitsplatzverlust. Besonders problematisch sei die anhaltende, chronische Einsamkeit, die behandelt werden müsse, da sie sonst zu gesundheitlichen Schäden führe.

Trennung, Scheidung, ein Todesfall oder ein Arbeitsplatzverlust können Einsamkeit zur Folge haben.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass Einsamkeit seit der Corona-Epidemie in Deutschland wie in der Schweiz zugenommen hat. Laut einer neueren Umfrage fühlten sich 2023 6 % der Befragten «sehr häufig» einsam (2017 waren es 2 %). 9 % gaben an, sich «häufig» einsam zu führen (2017: 3 %), 42 % «manchmal» (2017: 34 %), 44 % «nie» (2017: 69 %).

Zugenommen hat seit Corona der Anteil der sich einsam fühlenden Jugendlichen. Diese Entwicklung deckt sich mit der Beobachtung, dass seit rund drei Jahren mehr Jugendliche professionelle psychologische Unterstützung suchen als vor Corona.

Eine geringe Selbstwertschätzung gilt als eine Ursache für Einsamkeit.

Laut Krieger hat Einsamkeit nie eine einzige, sondern immer mehrere Ursachen. Dazu gehören fünf Kategorien: eine geringe Selbstwertschätzung, negative Beziehungen (bsp. Mobbing), der unerfüllte Wunsch nach einer Partnerschaft, Folgen eines Todesfalls sowie Erfahrungen sozialer Marginalisierung.

Eine erhöhte Einsamkeit geht mit einem erhöhten Risiko für einen Herzinfarkt, Schlaganfall, Demenz, Übergewicht und Diabetes einher, unabhängig von Therapie oder Begleitmassnahmen. Als psychische Folgen von Einsamkeit nannte Krieger Depression, Angstzustände sowie chronische Schlaflosigkeit.

LINK

Online-Studie zur psychischen Gesundheit und Resilienz von Menschen ab 55 Jahren, die sich einsam fühlen.

Statt sich zu isolieren, helfen oft soziale Kontakte und Teilnahme an Nachbarschaftsprogramm gegen Einsamkeit.

Gesellschaftliche sowie therapeutische Massnahmen

Vielfältig sind die staatlichen Massnahmen, die im Aufbau begriffen sind: Grossbritannien besitzt ein Ministerium gegen Einsamkeit. Verschiedene Länder, darunter Deutschland, Kanada, Japan, sind dabei, beschlossene Strategien umzusetzen. Kriegers Anliegen ist es, Einsamkeit nicht per se zu pathologisieren. Es ist ihm wichtig, zwischen Einsamkeit als grundsätzlich hilfreiches Signalgefühl und chronischer Einsamkeit zu unterscheiden. Nicht jede Form von Einsamkeit sei behandlungsbedürftig.

Abschliessend widmete sich der Referent drei möglichen Interventionsebenen: Auf der individuellen Ebene empfahl er als Erstes ein Gespräch mit einer vertrauten Person. Eine Therapie durch eine spezialisierte Psychologin / einen Psychologen sei nicht zwingend der erste Schritt. Auf der lokalen Bezugsebene nannte Krieger Programme oder Institutionen, welche eine Integration sowie die Förderung sozialer Kontakte durch ein Engagement der betroffenen Person in ihrem persönlichen Umfeld ermöglichten.

Als Beispiele erwähnte Krieger den Tandem-Besuch in Museen, den regelmässigen Besuch eines Erzählkaffees, die Aktivitäten von Organisationen wie Malreden,  Tavolata sowie der Nachbarschaftshilfe Schweiz. Mit Freundlichkeit, Mitgefühl und der Vermittlung «ich bin nicht allein» könnte schon viel erreicht werden. Alle Angebote sind im Internet zu finden. Oft brauche es eine Kombination von Massnahmen.

In der vollbesetzten Aula der Universität Bern war während des einstündigen Vortrags (vermutlich) niemand einsam. 

Fotos: PS, Freepik, Pixabay, ZVG. 

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Selbsthilfeprogramm SOLUS

PD Dr. Tobias Krieger machte in seinem Referat auch auf das internetbasierte Selbsthilfeprogramm SOLUS aufmerksam:

SOLUS – Was ist das?

Die Universität Bern untersucht im Rahmen dieser Studie eine internetbasierte Selbsthilfeintervention (SOLUS), die darauf abzielt, ein besseres Verständnis für das Erleben von und den Umgang mit Einsamkeitsgefühlen zu fördern. Dadurch sollen Einsamkeitsgefühle reduziert und das Wohlbefinden gesteigert werden.

SOLUS ist eine internetbasierte Selbsthilfeintervention bestehend aus neun Modulen. Die Inhalte der Intervention bestehen aus verschiedenen Infotexten, Audiodateien und Übungen. Sie behandeln wissenschaftlich fundierte Ansätze, um mit Einsamkeitsgefühlen besser umgehen zu können, diese zu reduzieren und dadurch mehr Lebensqualität zu erfahren. Die Informationen sollen anhand von Übungen und kleinen Experimenten gleich selbst ausprobiert und angewendet werden. Durch die Übungen wird das Wissen gefestigt und die Wirkung der Intervention maximiert. Die Bearbeitungsdauer beträgt etwa 10 Wochen. Sie können jedoch selbst entscheiden, ob Sie die Intervention länger und intensiver nutzen möchten, als von uns vorgeschlagen.

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SOLUS

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2 Kommentare

  1. Guten Tag. Gutes Thema vor allem weil es soviele Menschen betrifft. (Es wird eher zunehmen bei dieser schnell Entwicklung digitaler Medien.
    Viele tragen etwas «Selbstschuld» – weil sie (die Einsamen) ein Gespräch oder ein Blick verweigern. Fazit: Auf – sich auf ein Plauderbänklein zu setzen

  2. Ja, es stimmt. Je älter ich werde desto öfter sucht mich die Einsamkeit heim. Doch liegt es auch oft an fehlender Spontaneität in den sozialen Kontakten. Paare treffen sich am liebsten mit anderen Paaren, machen Ausflüge und besuchen sich gegenseitig. Als alleinstehende Frau fällt das alles schon weg. Kinder und Enkel sind voll gefordert in ihren Leben, alle müssen arbeiten und haben sehr wenig Zeit für sich selbst oder die Beziehung. Das ist voll verständlich und ich lebe ja gerne mein eigenes Leben. Trotzdem fühlte ich mich immer öfter einsam.
    Ein weiterer Grund für die fehlende Spontaneität ist das «abmachen müssen auf zum Teil Monate hinaus». Wenn Freunde oder Bekannte nur noch in 4 Wochen oder gar noch länger Zeit haben, löst das in mir ein ungutes Gefühl aus. Die haben so viel los und ich nicht?
    Ich rede gerne mit Menschen, die ich im Alltag spontan treffe und die ich nicht kenne, sei es beim Einkaufen oder spontan im Tram oder Bus, kurze, freundliche Begegnungen, die meinen Tag verschönern. Es ist wichtig, die Menschen um sich herum wahrzunehmen und es wagen, etwas zu sagen. Sehr oft kommt auch etwas zurück.
    Kürzlich war ich in Norddeutschland auf einer Nordseeinsel in den Ferien, allein. Ich reservierte Abends einen Tisch zum essen in einem Restaurant und bekam einen 2er Tisch. Abstand zum nächsten Tisch höchstens 20cm. Und jedes Mal wurde mir ein Ehepaar an den Nebentisch gesetzt. Ich hatte ein Buch dabei, mir war es als Schweizerin fast peinlich, weil bei uns würde man nur in Ausnahmefällen als alleinstehende Frau mit einem Ehepaar so schnell ins Gespräch kommen. Nicht so im Norden. 5 Minuten und schon waren wir in wirklich angeregte, kluge, interessante und persönliche Gespräche vertieft. Den ganzen Abend. Zum Teil haben wir gleich Telefonnummern ausgetauscht. Ich war so positiv überrascht darüber, weil das eben hier in der Schweiz oder zumindest in Bern kaum passiert. Zumindest nicht mit Ehepaaren. Ich möchte jetzt nicht hypothetisch darüber sinnieren, weshalb das so ist.
    Man muss wirklich mutiger werden und nicht – wie Frau van Ligten richtig sagt, ein Gespräch oder den Blick verweigern.
    Letzten Sommer fühlte ich mich sehr einsam, aus verschiedenen Gründen. Und da habe ich mir gesagt: ok, jetzt gehe ich da mal in diese Einsamkeit und schaue, was da los ist, warum und was es mir allenfalls bringen könnte. Und ich merkte, dass es gar nicht so schlimm ist. Und das hat mich so gestärkt und ermutigt. Die Einsamkeit kann mich nicht mehr herunterziehen. Ich denke dann jeweils, es müsse wahrscheinlich jetzt gerade so sein.
    Vielleicht machen meine Worte nicht glücklicher oder weniger einsam. Es hilft nicht allen dasselbe. Ich wünsche einfach guten Mut und die Möglichkeit, auch aus der Einsamkeit Kraft zu schöpfen.

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