Rebekka Budmiger studiert Soziale Arbeit und hat gerade sechs Monate bei der ATD-Vierte Welt gearbeitet. Das ist eine selbst organisierte Bewegung, die sich für die Ärmsten einsetzt.
ATD steht im Englischen für «All Together in Dignity» und heisst auf deutsch: Für die Würde aller. Die ursprünglich französische Kurzformel lautete: «Aide à toute détresse». Auf Deutsch: Hilfe bei jeder Verzweiflung. Später wandelte sich das Verständnis zu: «Agir tous pour la dignité Quart monde». Und das meint eben: Lasst uns alle etwas für die Würde der Vierten Welt der Ärmsten tun.
Die ATD entstand 1957 im Sinn einer Hilfe zur Selbsthilfe. Und zwar in Notunterkünften der Pariser Vorortsgemeinde Noisy-le-Grand. Père Joseph Wresinski initiierte die Vereinigung mit. Arm aufgewachsen, regte er Mitbetroffene an, über eigene Erfahrungen zu berichten und öffentliche Räume mit zu gestalten. Die Bewegung ist in rund dreissig Ländern aktiv. Das Schweizer Zentrum befindet sich in Treyvaux FR.
Rebekka Budmiger machte bei der Basler Gruppe mit, die am Wiesendamm 14 in Kleinhüningen einen Treffpunkt führt, geöffnet am Dienstag- und Donnerstagnachmittag von halb drei bis 5 Uhr. Und die Basler ATD unterhält auch Strassenbibliotheken. Zum Beispiel an der Belforterstrasse in Richtung Frankreich. Rebekka Budmiger begab sich jeweils mit einem Koffer voller Bücher dorthin, um mit Kindern zu basteln, zu lesen, zu spielen und ihnen Geschichten zu erzählen. Der einfache Zugang draussen vor der Tür weckt Interesse. Alle sind willkommen.
So bilden sich immer wieder Ad hoc-Gruppen, die sich austauschen. Rund um die Kinder, die das Angebot gerne nutzen. Weit über Basel und Paris hinaus. Mit Begegnungen auf Augenhöhe. «So entsteht Vertrauen», bilanziert Rebekka Budmiger ihre wertvolle und hilfreiche Erfahrung.
Die Theologin Marie-Rose Blunschi Ackermann begleitet das ATD-Projekt seit Jahren. Sie hofft auch auf neue Freiwillige, die sich hier engagieren. Interessierte können sich über die Homepage der ATD Vierte Welt Basel informieren und bei Marie-Rose Blunschi persönlich melden.
Blunschi studierte ebenfalls Journalistik in Fribourg und engagierte sich schon 1979 als Radio-Redaktorin bei der ATD, für die sie seit 1987 hauptamtlich die Volontariate betreut. An der Uni entdeckte sie einst an einem Informationsstand ein Buch über «Armut in der Schweiz» und half dann gleich in den Semesterferien in einer Strassenbibliothek mit.
Blunschi will, wie sie mir erklärt hat, «Armut verstehen, als Realität anerkennen, die Handlungsmacht benachteiligter Menschen stärken und Räume gemeinsam gestalten». Strassenbibliotheken machten «das Recht auf Bildung und Teilhabe am kulturellen Leben sichtbar». Nämlich da, «wo die Menschen leben». Freiwillige müssten bereit sein, «sich auf Neues einzulassen, in einem Team mitzuarbeiten, eigene Fähigkeiten einzubringen und miteinander zu lernen». So fand vor Jahren auch Nelly Schenker, die längst eigene Bücher schreibt, zur Strassenbibliothek.
Nach einem Buch über Père Joseph Wresinski, den Begründer der ATD, beschreibt Schenker in ihrer Autobiographie «Meine Erinnerungen», wie sie dem Team der Strassenbibliothek ermöglichte, ein Verlängerungskabel über ihren Balkon zu führen, damit die Kinder, darunter auch ihre eigenen, draussen den Computer kennenlernen konnten. Heute weist sie Marie-Rose Bluntschi immer wieder auf neue Quartiere hin, die eine Strassenbibliothek benötigten.
Ich unterbreitete Schenkers biographischen Text vor einem Dutzend Jahren zwei Verlagen. Beide wollten ihn veröffentlichen, allerdings stark gekürzt. Dazu willigte Nelly nicht ein. Sie erzählt ihr Leben so, wie sie es erinnert. Das ist ihre Wahrheit. Das Buch drückt Gegen- und Ohnmacht aus. Wir publizierten es deshalb in der Edition des Vereins Gesowip (Gesellschaft für Wissenschaftspublizistik). Und zwar bereits in mehreren Auflagen. Das freut mich.
Titelbild: Porträt Ueli Mäder © Foto Christian Jaeggi
Buchtipp: Nelly Schenker: Meine Erinnerungen, Gesowip, Basel 2014, 316 S., ISBN 978-3-906129-92-1
Hier gibt es Informationen über die Basler Gruppe der ATD Vierte Welt
Wer Freiwilligenarbeit leisten möchte, meldet sich mit Mail basel@atd.ch oder Telefon 061/692‘92’05 direkt bei Marie-Rose Blunschi
