2 KommentareHebed eu Sorg! - Seniorweb Schweiz

Hebed eu Sorg!

Was meint die Schriftstellerin Claudia Storz (77), wenn sie auf ihrer Website unter der Rubrik Aktuelles «Hebed eu Sorg!» schreibt und dies gleich noch ins Hochdeutsche übersetzt: «Tragt euch bitte Sorge!»?

Nach der Veröffentlichung ihres ersten Romans «Jessica mit Konstruktionsfehlern» (1977) wurde die damals 29-jährige Anglistikstudentin Claudia Storz vom Schweizer Fernsehen interviewt und sagte: «Ich schreibe als Sonntagshobby, wie andere Leute Briefmarken sammeln. Deshalb weiss ich auch nicht, ob ich noch ein weiteres Buch schreiben werde. Ich habe eigentlich immer schon geschrieben, aber ich habe keine bestimmten Pläne.»

Nun wissen wir es. Claudia Storz hat weitergeschrieben: Es folgten vier Romane, zwei Kurzgeschichtensammlungen, ein literarisches Porträt des Dichters Hermann Burger, zwei Lyrikbände und das Buch über die damals kindlichen Zeitzeugen des 2. Weltkriegs „Verborgene Kinder“. Zudem hat sie einige Theaterstücke verfasst, wirkte mit an fünf Theaterproduktionen und arbeitet öfters interdisziplinär mit Bildenden Kunstschaffenden und Musikerinnen und Musikern zusammen. Für ihr Schaffen wurde sie mit mehreren Literaturpreisen und Werkjahren geehrt.

Claudia Storz zu begegnen, ist gar nicht so einfach, da sie drei Wohnsitze hat, in Aarau, Salzburg und La Napoule (Frankreich). Also trafen wir uns für ein Gespräch am Treffpunkt des Bahnhofs Aarau, als sie wieder mal in unserer Gegend auftauchte.

Seniorweb: Sie sprechen relativ langsam. Was ist das Problem?

Claudia Storz: Ich leide an einer Neuropathie. Das ist bei mir die Folge einer chronischen Darmerkrankung, genannt Morbus Crohn, an der ich seit meinem 15. Lebensjahr leide. Nun sterben bei mir kapillare Nervenzellen zunehmend ab … an den Stimmbändern, an den Füssen und Händen.

Wie gehen Sie damit um?

Wenn man jahrelang krank ist, lernt man wohl oder übel damit umzugehen. Als ich 15 war, wurde ich aus der Kantonsschule Aarau ausgeschlossen, weil ich 120 Absenzen hatte. Das machte mich wütend und verzweifelt. Ich kam dann an die Ecole d’Humanité auf dem Hasliberg, wo ich nur zwei normale Schulstunden pro Tag besuchen musste. Den Rest des Tages hatte ich für mich, es gab viele Kunstfächer am Nachmittag, die ich besuchen durfte. Eine tolle Schule, wo es mir bald besser ging.  

Claudia Storz, Schriftstellerin (Foto bs)

Jessica leidet in Ihrem Erstlingsroman auch unter Morbus Crohn – ein autobiographischer Roman?

Jessica und Claudia stimmen nicht eins zu eins miteinander überein. Jessica im Buch ist einsam, hat nur einen einzigen Bruder, ich stamme aus einer Grossfamilie. Aber für mich war das Thema von unsichtbaren Krankheiten als Jugendliche brennend wichtig. Im Schulhaus hatten wir Kinder mit Kinderlähmung. Das sind sichtbare Behinderungen. Jessicas Krankheit ist unsichtbar… und das beschäftigte mich damals sehr.

Haben die Personen, die von Ihrer unsichtbaren Krankheit wussten, Ihnen immer wieder mal «Heb der Sorg» gesagt?

Nein, es war ganz anders. Meine Eltern sagten eher «Machs guet!» Als ich etwa 14 war, sagte ich meiner Mutter: Ich habe den Satz «Machs guet» nicht gern. Ich gebe mir ja ohnehin Mühe. Und wenn mein jetziger Partner Alexander mal sagt «Mach´s gut», erwidere ich: Ich mach, was ich kann. Das «Machs guet» hat mich eher geärgert, obwohl es immer fürsorglich gemeint war. Meinen Kindern sagte ich deshalb immer «Heb der Sorg» oder „Hebed eu Sorg» oder „heb`s guet!“.

Wenn Sie sagen «Heb der Sorg», rufen Sie ja zunächst zur Selbstsorge auf. Wie geht das?

Naja, wer Morbus Crohn hat, kann sich künstlich ernähren lassen, wie jemand aus meinem Bekanntenkreis, der nächtliche Infusionen akzeptierte und sogenannte «Astronautennahrung» durch die Halsvene zu sich nahm. Ich sagte mir, entweder kann ich mich selbst ernähren oder nicht, aber ich will mich doch nicht ein Leben lang künstlich ernähren lassen.

Wie haben Sie es bis zum heutigen Tag geschafft?

Ich war 2022 im Spital der Barmherzigen Brüder in Salzburg, weil ich ein multiples Organversagen hatte. Da gaben sie mir drei Wochen lang Infusionen, bis es mir wieder gut ging. Als ich ihnen sagte, dass ich schon 60 Jahre unter Morbus Crohn leide, staunten sie nicht schlecht. Aber ich esse viel zwischendurch – kleine Portionen, immer wieder mal einen «Arbeitslunch». Bei mir verläuft Morbus Crohn nicht schubweise, sondern die Krankheit begleitet mich immer. Ich werde vermutlich eines Tages stumm werden und im Rollstuhl sitzen, weil äussere Kapillarnerven zunehmend absterben. Die Diagnose der Polyneuropathie als Folgeerkrankung von Morbus Crohn erhielt ich mit 62. Man sagte mir, dass mein Körper sich nicht genügend selbst ernähre und ich vermutlich mit 80 nicht mehr werde gehen und reden können. Aber in gut zwei Jahren werde ich 80 und es geht mir nicht schlecht.

Wie praktizieren Sie Selbstsorge konkret?

Ich meditiere in der Zen-Tradition, eine Zeitlang war ich auch montags in einer Gruppe. Zurzeit bin ich in einer Qigong-Gruppe. Schmerzen aushalten kann ich durch jahrelange Meditation. Jetzt meditiere ich nicht mehr ganz regelmässig, sondern kann durch achtsames Atmen zwischendurch leer werden.

Ich habe auch gelernt mich abzugrenzen von dem, was mir nicht gut tut. Gegen akute Schmerzen hilft mir Wasser, kaltes Wasser an den Beinen und Armen, kalte Wickel … oder noch besser Eintauchen ins Meer oder in Bergseen. So muss ich nicht regelmässig Schmerzmittel nehmen.

Zudem habe ich auf dem WC einen Rahmen mit Sprüchen von Meister Eckhart über die Stille und das Vertrauen aufgehängt, die mir mein Vater handgeschrieben überliess, als er bereits über 80 war. Dadurch kann ich meine kleinen Sorgen in einen grösseren Zusammenhang stellen.

Brauchen Sie Unterstützung von aussen?

Ja, beispielsweise medizinische Unterstützung. Ich hatte im Laufe der Zeit sechs Operationen, in denen mir jeweils ein Stück Darm herausgeschnitten wurde. Zudem hatte ich immer einen sehr guten Hausarzt. Da bei chronischen Krankheiten die Arzt-Patientenbeziehungen oft lange dauern, entwickeln sich Freundschaften zu Ärzten, bei mir waren es deren drei in meiner gut 60-jährigen Krankheitsgeschichte.

Meine Eltern zeigten kaum, dass sie sich Sorgen um mich machten, ermunterten mich zu allen Wagnissen, was mir sehr angenehm war. Meine drei Geschwister litten sicher darunter, dass sich viel um mich drehte, sie nahmen Rücksicht und schonten mich, obwohl ich die älteste war.

Haben Sie neben Ihrem schriftstellerischen Schaffen auch «ordentlich» gearbeitet?

Ja, ich arbeitete früh vom Studium an mit einem Drittelpensum bis 62 als Englisch- und Deutschlehrerin, die letzten 17 Jahre an der Aargauischen Maturitätsschule für Erwachsene, was mir passte, da ich oft samstags oder abends unterrichten konnte. Mein Mann, Rolf Bürli, war Musiker, hatte eine Jazz- und eine Tangoband und hat in einem Teilpensum Klarinette und Saxophon unterrichtet. Er hat viel mit unseren Kindern und im Haushalt geholfen. Wir wechselten uns in allem ab und traten manchmal auch gemeinsam auf. Er litt nach der Pensionierung an einem winzigen, unsichtbaren bösartigen Tumor in der Wirbelsäule, der ihm zunehmend die Arme lähmte. Er wurde lang gegen starkes Rheuma behandelt und starb, nachdem man erst ein Jahr vor dem Tod den Krebs diagnostizierte, an diesem Tumor.

Als meine beiden Adoptivkinder erwachsen waren, zog ich zu Alexander Müllenbach nach Salzburg, der auch Musiker und Komponist ist, und der mich jetzt zu Lesungen begleitet und – seit meine Stimme so brüchig ist – mit seiner schönen Stimme meine Texte liest.

Claudia Storz mit ihrem Partner Alexander Müllenbach (Foto zVg.)

Sie wohnen an drei Wohnorten. Ist das nicht zu viel Stress?

Es muss klappen. Die drei Orte sind mit dem Zug erreichbar und einfach eingerichtet. In Aarau ist mein Familienhaus, da wohnt meine Tochter Carolina mit ihrer Familie und ich habe da eine Absteige. Zudem lebt hier auch meine 99-jährige Mutter in einem Pflegeheim und sie ist sehr dankbar, wenn ich da bin. In La Napoule am Meer hat Alexander eine kleine Wohnung von seinen Eltern, wo alle unsere Kinder Ferien machen. In Salzburg haben wir mehr Platz, da wohnen wir in der Nähe der Universität Mozarteum, wo Alexander früher Professor war. Reisen wird mühsamer und es kann sein, dass wir die Wohnungen in Aarau und La Napoule bald ganz unseren Kindern übergeben müssen. Wir bleiben wohl in Salzburg.

Wenn Sie sagen, «Hebed eu Sorg», wer ist ausserhalb der Angehörigen noch mitgemeint?

Es sind zum Beispiel die Menschen angesprochen, die meine Texte lesen – aber selbstverständlich auch alle Menschen, die eines sorgenden Umgangs miteinander bedürfen – und das sind wir alle. Nicht «Macheds guet» und leistet viel bis zur Erschöpfung, sondern «Hebed eu Sorg» ist meine Devise.

Was freut Sie im Moment?

Mich freut, dass ich immer noch aktiv sein kann und sogar manchmal bezahlte Aufträge erhalte, in diesem Winter von Oktober bis April trete ich grad fünfmal auf: Zweimal hinter den Kulissen als Jurorin in einem Jandl-Gedenkwettbewerb in Salzburg und in einem Literaturwettkampf zwischen Salzburg und Norditalien (ich als Schweizerin!). Dann organisierte ich in Salzburg eine Asia-Night mit Haikus und Lyrik (von Michael Burgholzer und mir), mit Biwamusik von Silvain Guignard. Dann wurde ich ausgewählt, einen Text zur Kaffeehausliteratur zu schreiben und vorzulesen in Österreich. Im Literaturhaus Lenzburg wurden meine Bildbeschreibungen zu Kunstwerken von jungen Frauen vorgelesen. Und am Palmsonntag, dem 29. März, steht noch ein Auftritt im Rahmen der Ausstellung Pleats.Plissee.Falten im KKThun bevor, wo Instrumente mit Falten (Handharmonika und Schwyzerörgeli) spielen, Sabine Kaipainen Kleiderkunst mit Plissee zeigt und Alexander drei neue passende Texte von mir lesen wird.

Nun darf ich ein neues Buch vorbereiten, das mit dem Titel „Grüne Tiger“ im Herbst 2027 hoffentlich herauskommen kann, ich schreibe pro Woche ungefähr 12 Stunden, am liebsten jeweils von 9 bis 12 Uhr. Wissenschaftlich bin ich gern manchmal am Literaturhaus in Salzburg tätig. Seit ich pensioniert bin, arbeite ich dort ohne Verdienst, aber mit grosser Freude.

Ganz herzlichen Dank, Claudia Storz, für Ihren Einblick in Ihren Umgang mit einer chronischen Krankheit, von der Sie sich nicht unterkriegen lassen und mit der Sie gelernt haben, kreativ und gut zu leben.

Website von Claudia Storz

Titelbild: Claudia Storz in Aarau im Februar 2026 

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2 Kommentare

  1. was für ein wunderbares Vorbild, auch unter widrigen Umständen ein kreatives gelingendes Leben gestalten, danke!

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