Daniela Keisers Installation „Oregano“ im Bündner Kunstmuseum Chur ist die Verwandlung eines banalen Raums in ein begehbares Sinnesfeld, das südindische Hauszeichen von Frauen mit Naturlandschaft und Gebärdensprache vereint.
Seit ihren Anfängen setzt sich die Schweizer Konzeptkünstlerin Daniela Keiser (*1963) in ihren Arbeiten mit Kommunikation im sozialen Raum auseinander. Wir erinnern uns einer ihrer frühesten Arbeiten, die sie während eines Stipendiums in Paris 1995 weiterführte: Sie bat andere Stipendiaten um ein Taschentuch oder ein anderes Textil, welches sie mit Nähen in eine kompakte Form brachte, woraus sich zwischen den Spendern und der Künstlerin Gespräche über Wahrnehmung ergaben. Das zur Kugel vernähte rote Glarner-Taschentuch liegt noch immer bei einem Schweizer Autor im Bücherregal. Die Aktion Ihr Wickel ist bei Ihnen zu Hause oder im Büro hat Daniela Keiser noch jahrelang weitergeführt, später als Serie Nachfrage an Ort aufgesucht und fotografiert.
Betretbares Kunstwerk
Heute ist Daniela Keiser mit vielen Preisen, darunter dem Prix-Meret-Oppenheim des Bundesamts für Kultur (2017) geehrt und eine international bekannte Künstlerin. In ihrem Schaffen geht es um die Verhältnisse von Bild, Sprache und Text zueinander. Das zeigt ihre Installation im Labor des Bündner Kunstmuseums in Chur, ein Gesamtkunstwerk, das beim Eintreten vielfältig erlebbar wird, sofern man sich die Zeit nimmt, einzutauchen und wahrzunehmen, was hier zu sehen, zu lesen, zu interpretieren ist.
Auf die Einladung des Bündner Kunstmuseums, das Labor zu bespielen, hat Daniela Keiser mit dem Projekt Oregano reagiert. Die Rauminstallation besteht aus grossformatigen Fotos an den Wänden des Raums und einer Bodenmalerei, die sich wiederum auf die Fotos von Hauseingängen in Südindien bezieht und als zusätzliche Dimension die Gebärdensprache thematisiert. Dieselbe spielt als fünfte Landessprache eine Rolle, wer sie nicht aktiv nutzt, kennt sie zumindest aus den Fernsehnachrichten. Ein integrativer Teil der Installation sind auch die Geräusche der Menschen im Raum.
Universale Muster der Menschen
Oregano von Daniela Keiser ist eine Arbeit, die Kommunikation mit allen Sinnen versteht. Die Fotos, die sie in südindischen Städten aufgenommen hat, zeigen Türschwellen mit einer feinen Zeichnung und Fragmenten von Füssen und Kleidern – indische Sari, auch einmal Jeans –, die wohl zu den Frauen als Urheberinnen der Zeichnungen gehören: Täglich neu zeichnen oder streuen sie kunstvolle Muster aus Reismehl auf den Stein der Schwelle oder des Hauseingangs. Die Figuren ähneln einem einfachen Mandala oder auch einer Bündner Kerbholzschnitzerei, Muster der Menschen und Geschichte. Die Bedeutung dieser traditionellen Kunst in Südindien bleibt für uns offen.
Hauseingang mit Reismehlzeichnung in Südindien. Foto © Daniela Keiser
Die Fotos der Böden mit den Bildelementen kommunizieren wiederum mit dem grossflächigen, von Wand zu Wand bemalten Bild am Labor-Boden. Die Malerei in Weiss und Grau eröffnet eine Naturlandschaft mit Bäumen und Wasserläufen, wer darübergeht oder -steht fühlt sich leicht wie über den Wipfeln schwebend. Auf einer Art Weg ungefähr durch die Raummitte führen weiche Linien von der einen dichter strukturierten Seite der Bodenmalerei auf die andere. Es sind einzelne Wörter erkennbar, unter anderem das titelgebende Oregano. Damit führt uns die Künstlerin in eine weitere Dimension ihres Kunstwerks: In die Rolle der Sprache als Vermittlerin zwischen Kulturen und Menschen. Sprache ist wandelbar und entwickelt sich mit der Veränderung der Welt, die sie darzustellen hat. Oregano verweist auf die Gebärdensprache, die eingängig und leicht verständlich zeigt, was Sprachwandel sein kann.
Mit dem Newsletter vom Schweizerischen Gehörlosenbund bekommt Daniela Keiser nämlich monatlich die neuesten in die Gebärdensprache aufgenommenen Begriffe und Wörter. Anhand dieser Listen ist die Entwicklung leichter ablesbar als in komplexen Studien, denn neue Dinge, Prozesse und Ideen müssen benannt und übersetzt werden, damit weltweit alle wissen, worum es bei dem Neuen geht. Die Wörter werden dann in die Gebärdensprache aufgenommen.
Singen in Gebärdensprache
Kann sogar Klang, also Musik für Gehörlose angezeigt werden? Dass tiefe Bässe vor allem in der elektronischen Musik Vibrationen in unserem Körper erzeugen, ist bekannt, aber andere Töne? Ein Abend mit musikalischen Sinnesreisen in der Ausstellung mit Lisa Arter (Gesang), Viviane Gloor (Piano), Barbara Rossier und Corinne Leemann (Gebärdensprachdolmetscherinnen) werden den Versuch morgen Donnerstag, 5. März wagen.
Daniela Keiser: Oregano 2026. Im Hintergrund die Künstlerin (links) im Gespräch mit Lisa Arter
Beim Eingang zum Labor empfängt uns als Videoarbeit von Daniela Keiser die Sängerin und Gebärdensprachdolmetscherin Lisa Arter, während beim Ausgang Keisers Lexikon der Gebärdensprache als kleine Begleitpublikation auf einer Ruhebank liegt. Der QR-Code auf dem Umschlag führt zum Gebärdensprachenlexikon, wo dann beispielsweise der Begriff Oregano sowie dessen Verwendung in der Küche umgesetzt in Mund- und Handzeichen im Video nachgeschaut werden kann.
Bilder: Daniela Keiser, Oregano, 2026 (Ausstellungsansichten Bündner Kunstmuseum Chur)
Bis 5. Juli
Informationen für Ihren Besuch der Ausstellung
Gebärdensprachen-Lexikon


