StartseiteMagazinKulturShakespeares Liebesverwirrung auf der Pfauenbühne

Shakespeares Liebesverwirrung auf der Pfauenbühne

Nach «Il Gattopardo» inszeniert Co-Intendantin Pinar Karabulut am Schauspielhaus Zürich Shakespeares Komödienklassiker «Ein Sommernachtstraum». Geboten wird ein amüsantes Verwirrspiel ohne Tiefgang.

Nur noch wenige Tage trennen Theseus, den Herrscher von Athen, und Hippolyta, die Amazonenkönigin, die er im Kampf bezwungen hat, von ihrer Hochzeit. Am selben Tag soll Hermia Demetrius heiraten, wie es ihr Vater befiehlt. Doch sie flieht in ihrer Verzweiflung mit ihrem Geliebten Lysander des Nachts in den nahegelegenen Wald, gefolgt von Demetrius und Helena. Dort geraten die vier bald in die magische Welt der Elfen und finden sich mitten im erbitterten Ehestreit des Elfenkönigspaares Titania und Oberon wieder. Mit Hilfe einer Zauberblume und des Kobolds Puck sinnt Oberon auf Rache an Titania: Ein absurdes Verwirrspiel mit mehrfachem Partnerwechsel durch den Wald nimmt seinen Lauf.

Grotesk überzeichnet

Shakespeare hat diese vielfache Liebesverwirrung in eine zauberhafte Komödie verwandelt, in der Humor und sehnsuchtsvoller Traum magisch verschmelzen. Doch davon ist in Pınar Karabuluts Zürcher Inszenierung wenig zu spüren. Geboten wird vielmehr ein grotesk überzeichneter «Sommernachtstraum», wo die Macht der Liebe als wundersame Kraft allen Zufällen zum Trotz eher in Zweifel gezogen wird. Haften bleibt ein verworrenes Spiel menschlicher Triebe, das die Welt der Menschen bestimmt.

Verliebte Blickkontakte zwischen Hermia (Hilke Altefrohne) und Lysander (Mike Müller).

Gespielt wird in einem grossartigen Bühnenbild (Michaela Flück) mit hängenden Baumstämmen und riesigen Pilzen und Blumen vor dunkel schimmerndem Hintergrund. Die Spielenden agieren in kunterbunten Kostümen und mit aufgetürmten Haarfrisuren (Teresa Vergho). Zu Beginn versammeln sich poppig-grün gekleidete Handwerker zu einer Casting-Show, bereit, für die Hochzeit des Herrschers Theseus ein Liebestück aufzuführen. In einer turbulent-komischen Szene werden die Rollen verteilt, wobei Klaus Zettel (grandios exaltiert gespielt von Henri Mertens) alle Rollen für sich beanspruchen will. Dazwischen tauchen Hermia (Hilke Altefrohne) und Lysander (Mike Müller) auf, er in aufgeblasenen Pumphosen, sie mit aufgepumptem Doppelherz vorne und hinten, vollführen umwerfend komödiantisch gespielte verliebte Blickkontakte. Ein gelungener Auftakt mit grandios überzeichneten Figuren.

Pittoreske Albtraumatmosphäre

Alle verschwinden im dunklen Wald, die Laiendarsteller zur Probe, das Liebespaar Hermia und Lysander, um der Hochzeitsfeier zu entfliehen. Verfolgt werden sie von Demetrius und Helena, die in Demetrius verknallt ist. Beäugt und belästigt werden sie von den rot gekleideten Waldgeistern Oberon (Lorena Handschin), seiner Gemahlin Titania (Laina Schwarz) und ihrem Gefolge, die das wirre Liebesspiel im nebulösen Wald mit allerlei Schabernack auf die Spitze treiben und ihre archaischen Triebe voll ausleben. Da wird (nicht entkleidet) gerammelt, masturbiert, penetriert und gestöhnt, was das Zeug hält. Oberons Diener Puck (Lena Schwarz) beträufelt aus Rache die schlafende Titania mit einem Blumengift, die aufgewacht sich in einen Esel verliebt, verzaubert irrtümlich mit dem Gift Lysander, der sich von Hermia abwendet und Helena begehrt. Gesungen und getanzt wird «Lady in Red» aus Lady Gagas «Abracadabra». Sexualität, Groteske, Spuk und Grauen beherrschen die Szenerie im Wald, vermitteln eine pittoreske Albtraumatmosphäre,  die amüsant anzusehen ist, aber wenig inspirierend wirkt.

Die Handwerker proben ein Theaterstück: In der Bildmitte Henri Mertens als Klaus Zettel, der alle Rollen spielen will.

Überraschend endet das knapp zweistündige Verwirrspiel mit einem an Klageweibern erinnernden rituellen Tanz der Handwerker in schlichten schwarzen Kleidern. Ihr ambitioniertes Ziel, eine Liebesgeschichte für den Herrscher Theseus zu inszenieren, erweist sich als Illusion. Aus der Traum einer wundersamen Liebe. Zum Trost, die Liebenden finden ganz am Schluss doch noch zueinander. Geboten wird rundum ein engagiertes Spiel aus Magie, Zauber und Märchen mit lustvoll aufspielenden Darstellerinnen und Darstellern, die ihre Rollen mit spielerischer Leichtigkeit meistern. Doch die grossen Gefühle, die den «Sommernachtstraum» so beliebt machen, sind nicht auszumachen.

Weitere Spieldaten: 25., 30. März, 2., 4., 8., 9., 14., 24., 25. April

Die knallbunte Spieltruppe vereint im Spukwald. Fotos: Elke Walkenhorst

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