In der neuen Ausstellung im Open Art Museum St. Gallen wird die an der Olma 2025 gezeigte riesige Bildcollage mit Werken aus der Museumssammlung wieder ausgerollt. Nun können Werke aus dem Bildteppich auch im Original betrachtet werden.
In ihrer Eröffnungsrede an der Vernissage gab die Kuratorin und Museumsleiterin des Open Art Museums Monika Jagfeld bekannt, was mit dem Bildteppich (12 m breit, 8.49 m lang) nach der Ausstellung gemacht wird. Er wird portionenweise am 3. Mai versteigert und nach dem Ende der Ausstellung (7. Juni) zerschnitten und an die Käuferschaft verteilt, wenn nicht ein Einzelner den ganzen Teppich ersteigert.
Monika Jagfeld (l) in ihrer Eröffnungsrede, Thessy Schoenholzer Nichols (r), Textilkünstlerin (Foto bs)
Der Titel der Ausstellung Stranger Than Paradise ist passend gewählt, denn viele Künstlerinnen und Künstler der naiven Kunst und von Art Brut führten alles andere als ein paradiesisches Leben. Umso verständlicher ist die Sehnsucht nach paradiesischer Harmonie von Liebespaaren, von Idealisierungen des bäuerlichen Lebens und der Natur. Aber oft wird die Idylle brüchig, Vertrautes wird fremd, Ersehntes ein blosser Traum.
Monika Jagfeld erläutert die doppelte Bedeutung des Titels Stranger Than Paradise hin: «Zum einen verweist er auf die Fremdheit, die sich im scheinbar Vertrauten verbirgt. Der üppige Garten, ein Tier, ein Menschenpaar – alles scheint bekannt und doch anders, wenn es durch den intensiven Blick einer persönlichen inneren Wahrnehmung betrachtet wird. Zum andern legt der Titel nahe, dass das Paradies selbst eine Konstruktion des Fremden ist: Ein letztlich unbekanntes Ideal, das unerreicht bleibt; eine Utopie, die gerade deshalb ihre Faszination behält.» (Aus Sonderdruck)
Zunächst zwei Werke aus dem «Paradies» mit Adam und Eva:
Samuele Giovanoli (1877–1941): Evas Wolken, Öl auf Holz, 56.7 × 62 cm (Foto © oam)
Samuele Giovanoli war ein sensibler und tiefsinniger Bergbauer, der philosophisch-literarische und naturwissenschaftliche Interessen hatte. Das Malen erlernte er autodidaktisch zehn Jahre vor seinem Tod. Er wurde erst Mitte der sechziger Jahre wieder entdeckt und wurde zum berühmten «Paradiesmaler aus dem Fextal». Die reine Eva mit dem Apfel in der Hand wird vom Schlangenkörper-Adam, der sich in Wolken halbversteckt nähert, mit ausgestreckten Armen ersehnt.
Emil Graf (1901–1980): Adam und Eva, 1969, Öl auf Pavatex, 70 × 100 cm (Foto © oam)
Emil Graf hat seinen Lebensunterhalt bis zu seiner Invalidität (1965) als Kartonagearbeiter, als Fabrikarbeiter, auf dem Bau und als Ampullenmaschinist verdient. 1967 wurde er pensioniert und begann zu malen. Sein Liebespaar, Adam und Eva, platziert er unter dem berühmten Apfelbaum im Urwald mit wilden Tieren, die aber eher dekorativ als furchteinflössend scheinen.
Mitten in der Ausstellung begegnet uns plötzlich die Muschel-Eva von Ulrich Bleiker:
Ulrich Bleiker (1914–1994): Muschel-Eva ,1988, Zement, armiert, 125 × 50 × 34 cm (Foto © Daniel Ammann)
Ulrich Bleiker war das fünfte von 18 Geschwistern einer Bergbauernfamilie. Nach der Schulzeit war er zunächst Knecht, ab 25 Bauarbeiter. Aus gesundheitlichen Gründen musste er mit 51 seinen Beruf aufgeben und wurde bis zu seiner Pensionierung (1979) Fabrikarbeiter in Herisau. 1965 baute er sich in Mogelsberg ein kleines Haus, heiratete ein Jahr später eine Spanierin und wurde Vater von zwei Töchtern, für die er Spielzeuge bastelte. Dabei entdeckte er sein künstlerisches Talent, das er nach seiner Pensionierung auszuleben begann. Die Muschel-Eva mit Kuhhaaren auf dem Kopf und Muscheln auf dem Körper durchbricht gängige Schönheitsideale radikal und löst irritierende Fragen aus.
Das Werk von Aloise Corbaz (1886- 1964) dreht sich um die Frage des Eros, des Liebens und des Scheiterns der Liebe und der Partnerschaft.
Aloïse Corbaz (1886–1964): Noël -Tango – Reine Elisabeth, 1962, Farbkreide auf Papier, 101 × 71 cm (Foto © oam)
Aloise Corbaz wuchs in Lausanne mit sieben Geschwistern auf. Der Vater war Postangestellter, alkoholkrank; sie verlor ihre herzkranke Mutter, als sie 12 Jahre alt war. Trotz schwierigen familiären Verhältnissen schaffte sie die Matura, wollte Opernsängerin werde, arbeitete aber nach der Matura ab 1911 als Gouvernante am Hof Wilhelms II und verliebte sich hoffnungslos in den Kaiser. 1913 kehrte sie in die Schweiz zurück, wurde 1918 wegen Wahnvorstellungen in die Anstalt Cery-sur-Lausanne eingewiesen und zwei Jahre später ins Asyl la Rosière in Gimel-sur-Morges verlegt. Dort blieb sie den Rest ihres Lebens und begann zu schreiben und zu zeichnen – oft historische Liebespaare: «Selbstbewusst präsentieren sie ihre sinnlichen Körper und strahlen mit ihren blauen Mandelaugen eine ungewöhnliche kühle Erotik aus.» (aus Sonderdruck).
Die Sehnsucht nach Orten, wo die Welt noch in Ordnung ist, zeigt sich in den Werken von Cornelia Simon-Bach (1941-2018) und Pya Hug (1922-2017).
Cornelia Simon-Bach (1941–2018), Ohne Titel , undatiert, Öl und Harz auf Holz, 38.5 × 50 cm (Foto © oam)
Pya Hug (1922–2017), Eingang zum Himmel, 1989, Öl auf Holz, 74.5 × 99.5 × 4 cm (Foto @ oam)
Die «geschlossenen Gärten» von Thessy Schoenholzer Nichols laden zum meditativen Verweilen ein. Angeregt durch Miniaturkunstwerke, wie sie etwa in Klöstern zum Ausschmücken von Reliquien geschaffen wurden, hat sie 2024 den Hortus gloriosus geschaffen.
Thessy Schoenholzer Nichols (*1955), Hortus Gloriosus , 2024, Seide, Silber- und Messing Draht, Perlen, Kristalle, Papier, Folie, 17 × 27 cm, Foto © Cyril Kazis
In einem abgedunkelten Raum werden einige «geschlossene Gärten» beleuchtet und sanft gedreht, die bei sanfter Musik zauberhafte Schattenbilder werfen, welche zur Betrachtung unserer inneren Gärten einladen.

Thessy Schoenholzer Nichols dazu: «Meine Gärtchen wachsen dicht gedrängt in Behältern aus Span Holz, einem Abfallprodukt einer Käsekiste mit einem Durchmesser von 17 cm. In diesem reduzierten Raum gedeihen kleine dreidimensionale Pflanzen und Blumen in ‘mixed media’ Klosterarbeiten. Jeder meiner Gärten erzählt seine eigene Geschichte, von idyllischer Natur bis hin zu Pflanzen, die in Müll und Moorlandschaften entstanden sind.» (aus dem Sonderdruck ).
Stranger Than Paradise ist eine Ausstellung, die dem Besucher ermöglicht, anhand der Werke und im abgedunkelten Raum seinen eigenen Liebessehnsüchten nachzuforschen und sich vielleicht zu erinnern, wie allzu grosse Hoffnungen sich als Illusionen entpuppten. Wer sich selbst begegnen will zwischen Sehnsucht und Realität, Idylle und Illusion, Angst vor der Welt und scheinbarem Frieden im «geschlossenen Garten», kann an der Ausstellung bestens in sich gehen.
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Hinweise zur Ausstellung Stranger Than Paradise im Open Art Museum St. Gallen finden Sie hier.
Sonderdruck zur Ausstellung: Thessy Schoenholzer Nichols, Cyril Kazis, Monika Jagfeld (Hrsg.): Hortus conclusus. Stranger Than Paradise. Wenn die Welt noch in Ordnung ist. Basel/St. Gallen 2026
Titelbild: An der Vernissage betraten die Gäste den ausgerollten Bildteppich mit einem Plastikschutz an den Schuhen. (Foto © Daniel Ammann). Die Teppich-Collage entstand für die Sonderschau des open art museum an der Olma 2025 und wurde von Studierenden und Ehemaligen der Höheren Fachschule für Gestaltung GBS St.Gallen entworfen, unter der Leitung von Markus Pawlick.
