Der 92-jährige Peter Maurice aus Basel ist mit Maske, Fechtjacke und Degen auf der Fechtbahn aktiv unterwegs. Beim Probetraining nimmt er die Anweisungen und Ratschläge des Trainers entgegen, bis er anschliessend auf der Fechtbahn auf seinen Gegner trifft.
Da steht er an einem Montagabend im Herbst neben mir bei der Fechtbahn. Den Helm noch aufgesetzt fragt die schmächtige Person neben mir, ob ich schon lange fechten würde. Ich hatte soeben meine dritte Probeeinheit hinter mir und fragte zurück, seit wann er denn fechte? Die lapidare Antwort:» Na, nach 67 Jahren Pause habe ich das Gefühl, es jetzt nochmals zu probieren.»
Ja, der besagte Herr hat mit dem Fechten im Alter von 25 aufgehört und will es jetzt mit 92 noch einmal wissen. Geboren ist er am 15. September in1933 in London, in Hörweite der Kirche St. Mary-le-Bow. So dass er eben ein «Cockney» sei. Nicht ganz ohne Stolz fügt er an, dass die Cockneys einen ganz eigenen Slang (Sprache) pflegen, der sich vor allem durch Reime auszeichnet.
Militärisches Training
Sein Vater war indischer Filmschauspieler und seine Mutter eine Schweizer Couturière von Wil bei Etzgen in der Nähe von Laufenburg. Zur Krönung Elizabeth II habe sie drei Krönungskleider für britische Adelige kreiert. Peter Maurice wächst in Hampstead auf, wo er eine von Nonnen geführte Primarschule besucht; 1939 wird diese in der Mittagspause durch eine Bombe zerstört. Danach besucht er die City of London School.
Damals wurde das militärische Training schon früh unterrichtet, so dass er als Zwölfjähriger ein Maschinengewehr auseinandernehmen und zusammensetzten kann. Auch mit einem Sturmgewehr umgehen zu können ist Teil der Schulung. In dieser Zeit ist er sportlich in der Leichtathletik und als Querfeldeinläufer unterwegs. Als Brillenträger ist er von den Teamsportarten ausgeschlossen.
Mit Florett und Säbel
Peter Maurice aktuell im Januar 2026. Fotos: Christian Roth
Mit dem Fechten beginnt er als 15-Jähriger. Zwei Jahre später tritt er an der Universität dem King’s College Fechtclub bei und im Jahr 1953 ist er Teamcaptain.
Beim Universitätsfechtclub ficht er mit Florett, Degen und Säbel und wird Captain. Gesamthaft gewinnt er sechs Titel. Im Jahre 1957 wird er zum British Universities Team gerufen. Mit Erfolg: An der Universitäts-Olympiade in Paris erkämpft er als Säbelteam-Mitglied den 5ten Platz.
Der Säbel war und ist heute noch immer der Favorit von Peter Maurice. Wohl weil der Säbel die militärischste der Waffen ist. Als sinnlichste Waffe bezeichnet er das Florett: «Florett ist Kunst». Zum klassischen Ballett gebe es überraschend viele Parallelen: Beide erfordern extreme Körperbeherrschung, Präzision, Anmut und Disziplin.
Und der Degen? Der Degen ist aggressiv. So richtig, um draufzuhauen, meint Peter Maurice mit einem verschmitzten Lächeln. Um gleich zu präzisieren, dass es sich mit dem Degen ja um ein Stechen handelt.
Vom Säbel zum Skalpell
Aktiv gefochten hat er bis ins Jahr 1958, bis er sein Medizinstudium abschliesst. Zuerst ist er in der Notfallaufnahme als Allgemeinmediziner tätig. Dann in der pädiatrischen Chirurgie. Weil es im ganzen Land nur acht Stellen gibt, sattelt er von der Kinderchirurgie in die Kindermedizin über.
1959 arbeitet Peter Maurice auf der Notfallstation im General Spital Northampton.
Er heiratet, gründet eine Familie und wird Vater einer Tochter und zwei Söhnen. In dieser Zeit erhält er ein Angebot der CIBA für eine Stelle in Sussex oder im Stammhaus in Basel. Genauso zielstrebig wie auf der Fechtbahn verläuft seine Karriere: Er entscheidet sich für Basel. Zuerst arbeitet er in der klinischen Forschung; da ist er weltweit zuständig für die klinische Prüfung von einigen neuen Arzneimitteln. In dieser Zeit ist er massgeblich an der erfolgreichen Entwicklung von vier Präparaten beteiligt.
Nach 23 Jahren wird er dazu berufen, ein internes Humanforschungslabor zu leiten, wo die erste Verabreichung von neuen Präparaten an gesunde Menschen stattfinden. Danach baut er das klinische Forschungs-Qualitätsmanagement-System auf und erarbeitet als Vorsitzender der International Pharma Federation (IFPMA) für die WHO die entsprechenden Richtlinien.
1995 wird Peter Maurice frühpensioniert. Er gründet eine weltweit tätige Beratungs- und Inspektionsfirma für Gesundheitsbehörden, Pharmaindustrie und NGOs über die Methodik und Ethik der klinischen Humanforschung. So war er auch als Mitglied der chinesisch-medizinischen Behörden tätig. Mit 79 sagt er der Medizin adieu.
Comeback mit Stil
Trotz seiner beruflichen Karriere bleibt er sportlich aktiv. Er joggt, wandert, segelt, fährt Ski. Jeweils am Montagmorgen ist Pilates angesagt. Und Qigong praktiziert er montags, dienstags und donnerstags.
Wie kommt man auf die Idee, nach einer mehrere Jahrzehnte langen Pause erneut mit dem Fechten zu versuchen? «Ich bin an meinem Lebensabend daran, gewisse Sachen zu ordnen», erklärt Peter Maurice. So seien seine alten Fechtutensilien wieder ans Tageslicht gekommen, ebenso alte Fotoaufnahmen aus seiner aktiven Zeit. Da habe es ihn einfach wieder gepackt, sagt er. Er habe recherchiert, ob es einen Fechtklub gebe, der auch Veteranen trainiere. Fündig wurde er bei der Fechtgesellschaft Basel. Nur ein kleiner Wehrmutstropfen trübte sein Engagement: «Es wird hauptsächlich nur das Degenfechten angeboten. Deshalb habe ich mich bei einem Florettclub in St.Louis im Elsass umgeschaut.»
Vor kurzem habe ich eine WhatsApp-Nachricht mit folgendem Inhalt erhalten: «Ich habe jetzt auch mit dem Säbeltraining bei Maitre Jean-Marie Grubo im Fechtclub 1877 Basel angefangen.» Ja der Mann will es noch einmal wissen… Mit gekreuzten Klingen. Chapeau…
Ich wünschte mir und vielen anderen Mitmenschen in diesem Alter noch so aktiv und begeisterungsfähig sein zu können. Ein mögliches Geheimnis für seine Fitness hat mir Peter Maurice noch mitgegeben: «Jeden Morgen wird mit seiner Frau auf den neuen Tag angestossen. Mit frischem Ingwer und Limettensaft notabene!»
