Die Schatzkammer der Zentralbibliothek Zürich zeigt Werke von Robert S. Gessner, dem «zürcherischsten der Zürcher Konkreten», wie er genannt wurde. Aufgezeigt wird, wie Gessner die wichtigsten Strömungen der Avantgarde reflektierte und eine eigenständige Bildsprache entwickelte.
Robert S. Gessner (1908-1982), Maler, Grafiker und Kunstlehrer, war ein Zeitgenosse von Max Bill und Verena Loewensberg. Wie sie war er Mitglied der von Richard Lohse 1937 gegründeten Künstlervereinigung Allianz, deren Mitglieder im Gegensatz zu den Konstruktivisten grösseres Gewicht auf die Farben legten. Die aktuelle Ausstellung in der Schatzkammer der Zürcher Zentralbibliothek würdigt den Künstler mit der ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz anhand von Gemälden, Zeichnungen, Plexiglasskulpturen und Dokumenten aus dem Nachlass.
Ohne Titel (Spiral-Komposition), 1939. Gouache und Tusche auf Pavatex, 27 x 35 cm. Der Goldene Schnitt beschäftigt Robert Gessner zeitlebens. In diesem Bild gedenkt er mit der Initiale G auch der grossen Namen Gutenberg oder seiner Vorfahren, des Naturforschers Conrad Gessner und des Dichters und Malers Salomon Gessner.
Robert Salomon Gessner – der zweite Vorname erinnert an den Zürcher Dichter und Maler Salomon Gessner (1730-1788) – signierte seine Werke Rob S Gessner. Seit 1924 beschäftigt er sich mit abstrakter und ungegenständlicher Malerei. Nach einer Schaufensterdekorateur-Lehre besucht er die Kunstgewerbeschule in Zürich und arbeitet von 1932 an als selbständiger Werbegrafiker und freischaffender Künstler. Ab 1940 ist er Lehrer und von 1957 bis 1963 zudem Prorektor an der Kunstgewerbeschule Zürich. Danach folgen längere Aufenthalte auf Ibiza.
Entwurf für das Wandbild im Café Select in Zürich, 1935. Die Initialen «CBS» stehen für «Café Bösiger Select». Gouache auf Malkarton, 23 x 27,5 cm
Auf seiner Suche nach einer eigenständigen Formensprache setzt sich Gessner mit Wassily Kandinsky, der Bauhaus-Theorie, auch mit Le Corbusier auseinander, und verarbeitet Einflüsse des Kubismus von Georges Braque, wie der Entwurf für das Wandbild von 1935 für das Zürcher Café Select zeigt. Besonders beeindruckt ist Gessner von Johannes Ittens Farbtheorie, die dieser 1944 erstmals in Zürich präsentiert. Am meisten bewegt ihn jedoch Paul Klee, der «intim und unkämpferisch», so Gessner, die Früchte langsam reifen lässt, wie der Kurator Bernhard von Waldkirch schreibt. Auf die Behauptung, er sei ein «Konkreter», entgegnet Gessner, «stimmt wohl auch. Aber bin ich nicht ein ‘romantischer Konstruktivist’?»
Die Studienhefte (1963-1975) zeigen Gessners Suche nach Form, Farbe und Bewegung.
Die Schau stellt den Weg des Künstlers in zwölf Kapiteln vor. Der Besucherin scheint, dass er von den 1960er Jahren an so richtig angekommen ist. Nun berühren uns seine Arbeiten. Als Erstes fällt das kleine Bild Zwei Richtungen von 1964 auf, das sich zu bewegen scheint: Die vertikalen schwarz-weissen Rechtecke drehen sich in einer Rundung nach links und nach rechts, sogar das Mittelstück könnte wie ein Lift hinauf- und hinunterfahren. Vielleicht erklingt sogar Klaviermusik, zumindest erinnern die Formen an Klaviertasten. Gegenüber diesem Bild hängt eine Freihandzeichnung Crescendo e diminuendo von 1954. Hier erinnern die feinen Linien an eine Partitur, die Gessners Bezug zur Musik herstellen, denn von Kind an spielte er Cello und gab zusammen mit seiner Mutter am Klavier Hauskonzerte.
«Zwei Richtungen», 1964. Öl mit Sand auf Pavatex, 31 x 50 cm
Gessner setzte sich früh mit der Wirkung optischer Phänomene und der kinetischen Wirkung in der Kunst auseinander, etwa mit Arbeiten von Le Corbusier, Karl Gerstner oder der OP-Art. Bewegung auf der Bildfläche wollte er stets ohne Zuhilfenahme eines Apparates mit elementaren bildnerischen Mitteln darstellen. So gestaltete er in Zusammenarbeit mit Warja Honegger-Lavater abstrakte Faltbücher. Ein Quadrat wandert und verändert sich lautet der Titel seines ersten Leporellos von 1960.
«Hombre y Mujer (Zürich/Ibiza)», 1966. Relief, Öl bemalt, mit Silberrahmen, 72 x 48 cm
Robert Gessners Bilder werden intensiver, bunter und erzeugen mitunter eine Sogwirkung. Dazu schreibt der Künstler: «Die Leere, der Rhythmus, die Intervalle sind die wichtigsten Mittel zur Erzeugung von Tiefendimensionen des Denkens und Fühlens». Er schöpfte aus vielerlei Quellen, auch aus dem Jazz oder der aussereuropäischen Volkskunst. Die streng geometrische Komposition auf dem Relief Hombre y Mujer (Mann und Frau) ist vielschichtig und scheint energetisch aufgeladen zu vibrieren.
«Sol Negro II (Ibiza)», 1965. Öl mit Sand auf Pavatex, 50 x 31 cm
Auf vielen seiner in Ibiza entstandenen Werke mischt Gessner der Ölfarbe Sand bei oder kombiniert sie mit anderen Materialien. «Mit Sand aus meinem Garten in Ibiza», schreibt er, male er Landschaften, die Erde, Sonne, Mond und Himmel. Die materielle Wirkung dieser Bilder ist sinnlich fassbar, der Süden scheint mitzuschwingen. Dazu schreibt Gessner, er wolle «räumliche Denk- und Fühl-Dimensionen» für den täglichen Gebrauch, für die eigenen vier Wände herstellen, erschwinglich auch für kleinere Einkommen. Ein Bild ist für ihn ein Mitbewohner der Wohnung, «ein Gebrauchsgegenstand für die Seele».
In den 1970er Jahren betritt der Künstler nochmals Neuland. Im Sinne seines Weggefährten Gottfried Honegger «die Kunst muss zurück zur Ur-Kraft: zur Form, zur Farbe finden» werden Gessners Farben kompakter, die Formen suggerieren weder Tiefe noch Raum. Und Bernhard von Waldkirch schreibt im Katalog: «Der letzte Rest an Illusionismus und Komposition ist von diesen Bildern gewichen». In seinem Spätwerk lässt Gessner alte Vorbilder hinter sich, vertraut auf sich selbst und nimmt sich seine künstlerische Freiheit.
«Anstieg II A (Ibiza)», 1972, Öl auf Leiwand, 50 x 50 cm
Gessner nahm zu Lebzeiten an über hundert Einzel- und Gruppenausstellungen teil. Er vermied bewusst kommerziell orientierte Kunstgalerien sowie Ausstellungen in renommierten Museen. «Das würde meine Freiheit beschneiden», schrieb er 1971 in sein Tagebuch. Seit seinem Tod ist das nun die erste institutionelle Einzelausstellung, ein Grund, sich an ihn und sein Werk zu erinnern.
Titelbild: «Grosses Omega II» (Zürich), 1971, Öl auf Leinwand, 70 x 70 cm
Bilder: © Robert S. Gessner Kunststiftung, Peter Schälchli und rv
Bis 13. Juni 2026
«Robert S. Gessner – romantisch und konstruktiv», Ausstellung in der Schatzkammer der Zentralbibliothek Zürich
Publikation: Bernhard von Waldkirch, «romantisch und konstruktiv. Robert S. Gessner 1908-1982», Hrsg. Robert S. Gessner Kunststiftung, NZZ Libro, Schwabe Verlag, Basel 2026
