Wer kennt das Gefühl nicht: Einmal in die Ferne reisen, alle Verpflichtungen weit hinter sich lassen. Das war auch Peter Scheiners Wunsch. Uns Seniorinnen und Senioren ist Vietnam nicht ganz fern, der Krieg zwischen 1955 und 1975 nicht ganz vergessen. Wie präsentiert sich das Land heute?
In mehr als fünfzig Jahren haben Peter und Susanne Scheiner zahlreiche Filme produziert: Auftragsfilme für Institutionen und Firmen sowie Filme zur Erinnerungskultur, besonders zum Schicksal der Juden nach dem Holocaust.
Peter Scheiner hatte beschlossen, Vietnam auf dem Velo kennenzulernen. Seniorweb unterhielt sich mit ihm über seine Reiseeindrücke. Da wir uns schon lange kennen, wurde das Gespräch per Du geführt.
Peter Scheiner auf einer der Bergetappen
Was bleibt als Erinnerung?
Am meisten beeindruckt haben mich die Menschen in Vietnam: Es herrscht Aufbruchstimmung, die war überall zu spüren. Die Menschen strahlen Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus. Sie wollen vorankommen.
Für mich wirkte Vietnam wie eine andere Welt. Ich kann nicht beurteilen, warum ich Land und Leute so wahrgenommen habe und welchen Anteil die zurückgekehrten Emigranten daran haben. Ungefähr 2-3 Millionen sind in ihre Heimat zurückgekommen. Sie bringen Geld, Knowhow und Erfahrungen aus ihren Exiljahren. Nun sind viele Hotels, Fabriken und Geschäfte entstanden. Es wird billig produziert, auch Elektronik, weshalb der Präsident der USA die vietnamesische Konkurrenz fürchtet.

Es war eine grossartige Reise! Ich bin froh, dass ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen habe. Denn mit dem Fahrrad – ohne Unterstützung durch einen Elektromotor – durch ein Land in einer komplett anderen Hemisphäre zu reisen, ist etwas Aussergewöhnliches. Das war mein Wunsch gewesen. Auf dem Velo ist man den Menschen viel näher als bei einer Busreise. Das Velo ist schon lange mein liebstes Fortbewegungsmittel.
Du hast eine geführte Reise mit dem Fahrrad gebucht.
Um in ein geografisch und kulturell so weit entferntes Land zu reisen, halte ich es für vernünftiger, vom Knowhow einer Reiseorganisation zu profitieren. Ich kannte Vietnam vorher nicht. Von der Schweiz aus hätte ich diese Reise nur mit Ortskundigen planen können.

Wie war die Reise geplant? Du hast bei einem englischen Reisebüro gebucht, hast du dich in der Gruppe wohl gefühlt?
Ja, ich habe mich sehr wohl gefühlt. Grundsätzlich sind Velofahrer und -fahrerinnen praktische, unkomplizierte Menschen, besonders auf Reisen. Ich hatte keine Bedenken! Mein einziges Problem, wenn wir es so nennen wollen, bestand darin, dass die Teilnehmenden vor allem aus Irland und Schottland kamen. Da redet man nicht einfach schönes Schulenglisch, sondern regional geprägte Umgangssprache.
Wir waren sechzehn Personen, ausser mir noch ein Senior in meinem Alter, die anderen waren jünger. Ausser dem einheimischen Reiseleiter waren noch zwei Mechaniker mit einem kleinen Bus dabei, für den Fall, dass es etwas zu flicken gab.

Ihr seid in Ho-Chi-Minh-Stadt gestartet, das wir noch als Saigon kennen. Wie hast du die Atmosphäre dort wahrgenommen?
Saigon ist eine lebendige, quirlige Grossstadt. Da spürt man noch nicht viel vom Sozialismus. Viele Mofas und Motorräder sieht man, überall viele Parks und viel Grün. Ein Hauch französisches Flair schwebt immer noch durch diese Stadt.
Ist der Krieg, der nun seit gut fünfzig Jahren zu Ende ist, noch spürbar?
Ja, Spuren des Krieges sind noch sichtbar. Wir haben eine ehemalige Befestigung des Vietcong besichtigt. Bekanntlich haben sie sich in Tunnels versteckt bzw. fortbewegt. Es war eindrucksvoll, was uns gezeigt wurde: Unter einem grossen Haufen Laub befindet sich der Eingang zu einer sogenannten Underground Watermill, einer unterirdischen Tunnelanlage. Erst im allerletzten Moment sieht man, wie ein Mensch aus dem Tunnelsystem herauskommt oder darin verschwindet.
Ausserhalb der Stadt wurde ein beeindruckendes Museum über den Krieg (zwischen 1954 und 1973) eingerichtet. Die Ereignisse der Kriegsjahrzehnte werden meiner Meinung nach objektiv dargestellt, einseitige Propaganda, wie ich sie in den früheren Ostblockländern gesehen habe, war in diesem Museum nicht zu finden. Ich war erstaunt, wie viele Kinder und Jugendliche im Museum zu sehen waren. Ich weiss nicht, ob es üblich ist, dass ganze Schulklassen das Museum besuchen. – Dass die Erinnerung gepflegt wird, ist meines Erachtens ein sehr wichtiger Bestandteil, um die eigene Geschichte aufzuarbeiten.
Ein Teil des kulturellen Erbes
Zuerst hat Frankreich Vietnam als Kolonialmacht beherrscht, in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die USA einen mörderischen Krieg, dazu mit «schmutzigen Mitteln», gegen den Vietcong geführt. Wie reagieren die Menschen in Vietnam heute auf westliche Touristinnen und Touristen?
Zuerst musst du daran denken, dass nicht viele Leute Englisch sprechen. Deshalb war die Kommunikation mit Einheimischen sehr eingeschränkt. Und als Westler wirkten wir «exotisch», ganz klar. Deshalb wurden wir immer wieder gefragt, woher wir kommen. – Ich denke, wenn wir Amerikaner gewesen wären, hätten sich vielleicht einige Leute zurückgezogen.
Ich persönlich habe es sehr bedauert, dass ich zu wenig mit den Menschen sprechen konnte. Um zu erfahren, wie die Leute in einem Land leben, ist direkte Kommunikation das beste Mittel. Was die Menschen erzählen und wovon sie nicht sprechen wollen, sagt sehr viel aus.
Wie ist das Leben heute? Was hat dich beeindruckt?
Vietnam ist bekanntlich im Norden subtropisch geprägt, im Süden aber ein tropisches Land. Deshalb findet das Leben auf der Strasse statt, Geschäfte unter freiem Himmel sind normal. Leider haben die Vietnamesinnen und Vietnamesen noch keine Übung in der Abfallbeseitigung. Oft ist mir aufgefallen: In dieser wuchernden grünen Landschaft oder am Strassenrand liegt viel Schmutz und Unrat rum. – Das hat mich enttäuscht.

Dabei ist Vietnam ein sehr schönes Land. Wir haben viel gesehen, auch ein Ausflug auf dem Meer gehörte dazu. Das Land wirkt auf der Landkarte wie ein schmaler Küstenstreifen Das täuscht allerdings, die schmalste Stelle befindet sich zwischen Hué und Danang. Wegen der Distanzen haben wir nur die halbe Strecke auf dem Velo zurückgelegt, total 470 km. Oft am Meer entlang, aber Baden stand nicht auf unserem Programm. Von Hué, der alten Hauptstadt, nach Hanoi sind wir mit dem Nachtzug gefahren, mit Speisewagen – das war ein Erlebnis!
Wir haben einen Besuch in einer Behindertenwerkstatt gemacht, haben gesehen, wie Kaffee angebaut oder Kautschuk geerntet wird, und haben Musik in einem Kloster gehört.
Ausflugsschiffe in der Bucht von Halong (Nordvietnam)
Ist dir das Velofahren nie langweilig geworden?
Das hätte viel gebraucht! Ich fahre auch hier in der Schweiz Touren. Anspruchsvoll war es, zugegeben. Aber ich habe alle Etappen, auch die über den Hai-Van-Pass («Wolken»-Pass), bewältigt. Dass ich danach müde war, gehört dazu – ich war vor allem zufrieden, dass ich es geschafft hatte. – An manchen Tagen war das Wetter schwierig, es war warm und oft nass, damit hatte ich weniger gerechnet.
Mit dem Nachtzug von Hué nach Hanoi
In westlichen Augen sind Saigon und Hanoi zwei Hauptstädte in einem langgezogenen Land. – Sind die beiden Städte vergleichbar?
Wir haben wenige Unterschiede zwischen Hanoi und Ho-Chi-Min-Stadt ausmachen können. Beides sind lebendige Grossstädte, das frühere Saigon ist noch grösser und moderner als Hanoi und zweifellos das Wirtschaftszentrum des Landes.
Was mir aufgefallen ist: In Vietnam hängen so viele Fahnen wie in der Schweiz. Mir scheint, dass Vietnam auch auf Tourismus als Einnahmequelle setzt: Es gibt im Norden riesige Tropfsteinhöhlen mit feinen Stalaktiten in fantastischen Farben. In der Halong-Bucht wimmelte es nur so von Touristenschiffen, in der Nebensaison! Und der pittoreske Ort Hoi An, am Meer gelegen, schien mir sehr touristisch geprägt, erinnerte mich an Interlaken oder Luzern.
Da hast Du sogar in Südostasien an unsere schöne Schweiz gedacht! Danke für das Gespräch!
Alle Fotos: Peter Scheiner
