2 KommentareSenioren im Laufgitter - Seniorweb Schweiz
StartseiteMagazinKolumnenSenioren im Laufgitter

Senioren im Laufgitter

Alte Leute benötigen Rücksicht, Nachsicht und Schutz. Alle? Wirklich alle? Manche wollen bei so viel Fürsorge raus aus dem Laufgitter. Wir illustrieren dies mit drei Beispielen.

Beispiel eins: Den Gärtnern Pflanzen mitbringen. Wir nennen ihn Roger Graf (alle Namen geändert). Gärtnermeister Graf ist seit einigen Jahren Rentner. Mit ebenfalls pensionierten Berufskollegen betreut er als Ausbildungscoach Gärtnerlehrlinge. Die engagierten Fachleute besuchen regelmässig Weiterbildungskurse, Maschinenkunde, Ökologie oder Betriebswirtschaft. Letzthin hatten sie einen Dozenten, der ihnen die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz (KI) auf ihre Branche nahebringen sollte.

Der Vortragende beginnt damit, dass er die Gartenfachleute mahnt, die Pflanzen in der Hitze nicht über Mittag zu giessen. Einige Teilnehmer werden unruhig, andere lachen. Dann fragt der Referent, ob die Zuhörer wissen, dass moderne Bewässerungsanlagen durch KI gesteuert würden. Jetzt wird es Roger Graf zu bunt. Er kritisiert lautstark, dass man jemanden geschickt habe, der ihnen, den Fachleuten, Primarschulstoff vermitteln wolle. «Wir sind zwar pensioniert, aber ausgewiesene Experten», ärgerte er sich.

Beispiel zwei: Frau Gmür als Primarschulkind behandeln. Lea (9) muss zur Dentalhygienikerin. Alles wie gehabt. Anschliessend lobt die Fachfrau die Neunjährige. «Du hast deine Zähne super gepflegt. Ich bin stolz auf dich.» Gerda Gmür (70) muss ebenfalls zur Dentalhygienikerin. Alles wie gehabt, Ultraschall, Handinstrumente, Politur. Anschliessend lobt die Fachfrau die Siebzigjährige. «Sie haben Ihre Zähne super gepflegt. In Ihrem Alter machen das nur wenige so gut. Ich bin ganz stolz auf Sie.»

Beispiel drei: Einem IT-Spezialisten die Tastatur erklären. Gregor Wahl ist Treuhänder. Seit er pensioniert ist, betreut er noch seine Lieblingskunden. Buchhaltung, Mehrwertsteuern. Was halt so anliegt. Kurz nach der Pensionierung hat er die Buchhaltungs-Software Infoniqa One 50 installiert. Ein ziemlicher Brocken, aber er hats geschafft. Letzthin musste er zur Bank, irgend so ein Identitätskram. «Haben Sie einen Computer», fragte der junge Angestellte. Und: «Trauen Sie sich zu, ein Formular auszufüllen?»

«Ja, ich habe einen Computer», sagte Wahl. Was er nicht sagte, sondern dachte können wir als anständiges Medium nur unvollständig wiedergeben. Hier die gesäuberte Version: «Ich habe gefühlt zwanzig Computer gehabt, neun Betriebssysteme überlebt, unzählige Totalabstürze verdaut.» All das dachte Wahl. Und sagte: «Ja, ich habe einen Computer.»

Senioren und Seniorinnen sind so unterschiedlich wie Blauäugige. Sie zu unterschätzen, kann peinlich sein. Bild: Freepik, Peter Steiger

So. Das waren drei Beispiele. Jetzt kommt der nachdenkliche Teil. Was haben wir gelernt? Vom Marketing-Experten, der den Gärtnern sagt, wann man giessen muss? Von der Dentalhygienikerin, die stolz ist, dass ihre 70-jährige Kundin die Zähne putzt? Vom Bank-Jüngling, der dem IT-Mann fragt ob er weiss, was ein Computer ist? Wir haben aus diesen drei Fällen gelernt, dass es schweinegefährlich ist, wenn Jüngere die Alten unbesehen in den Dummie-Kübel werfen.

Wir sind Senioren, holt uns hier raus. Senioren brauchen Nachsicht – ja, aber nicht alle. Seniorinnen brauchen Fürsorge – ja, aber nicht alle. Die Medien sind voll mit Berichten über Alte, die gedemütigt, mit Fällen, bei denen Seniorinnen abgezockt werden. Wir lesen von Unfällen, bei denen der 90-jährige das Gas- mit dem Bremspedal verwechselt hat. Wir hören vom Grosi, das vergisst, die Herdplatte abzustellen, vom Opa, der das Diesel-Auto mit Benzin betankt.

All diesen Senioren soll man mit Rücksicht und Nachsicht begegnen. Zu recht reagieren Präventionsorganisationen mit Kampagnen. Richtigerweise engagiert sich die Polizei mit Infoveranstaltungen. Gut, dass die Behörden aufklärende Broschüren versenden, noch besser in Einfacher Sprache. Vielen herzlichen Dank. Aber Gopffriedstutz mit dieser Flut von Wohlgemeintem setzt man auch jene Alten ins Laufgitter, die sich ganz gut selbständig bewegen können.

Möglichst viel Hilfe für die Unterstützungsbedürftigen. Möglichst vieles unterlassen, das jene beleidigen könnte, die die Schwierigkeiten selbständig meistern. Die Lösung für dieses Problem:

Es gibt keine.

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH71 0028 7287 1801 7101 L

2 Kommentare

  1. Doch, es gibt eine Lösung:
    Bei den Jungen, bitte etwas mehr Einfühlungsvermögen und nicht alle Weisshaarigen über einen Kamm scheren.
    Bei den Alten, bitte etwas mehr Mut zu sagen was ist; z.B. ich habe schon mit Computern gearbeitet, da haben Sie noch im Sandkasten gespielt, oder ja, ich verstehe nicht viel von Computern, bitte erklären Sie mir die Sache, so dass ich sie verstehe.
    Sollte doch nicht so schwer sein und würde die Situation auf beiden Seiten klären.

  2. Lieber Peter Steiger, locker bleiben! Das gab es schon vor dreissig Jahren, als der junge Akademiker uns Generalisten ein neues System erklärte, bis wir ihn darauf aufmerksam machten, das gerade dieses vor Jahren wegen Untauglichkeit beerdigt wurde.
    Die Verkäuferin, die mit mir laut und deutlich spricht, weiss nicht dass ich zwei modernste, diskrete Hörhilfen trage. Oder wenn der eifrige Lehrling meine Frage nach einem ordinateur mit der Rückfrage nach «le compiutär» korrigiert, soll mich das nicht stören. Die Welt dreht sich eben, ungefragt. Wir Alten wissen das oder haben es längst bemerkt.
    Erfreulich ist, «die Alten» werden immerhin und gerne als wertvolle Konsumenten wahrgenommen. Ja, wir Alten kriegen, wenn’s gut geht, Ende 26 eine zusätzliche Rente, weil auch die älteren SVPler gemerkt haben, dass da was zu holen ist. Und auch wenn manche Journalist*innen uns nur noch als Kostentreiber beschreiben. Wenigstens hier hat sich nichts verändert. Diese Berufsgattung scheint noch immer vom Zeilenhonorar zu leben und produziert Artikel, in ständiger Wiederholungen der längst bekannten Vorgeschichte, um irgendwann mit einer völlig banalen Schlussfolgerung zu enden.
    Lieber Peter Steiger, ich liebe es nicht sehr, die ganze Zeit von den Alten zu reden. Seit langer Zeit lebe ich in einem Land, in dem unsere Jahrgänge mit Zuneigung, Respekt und auch Verständnis als wichtiger Teil des Bevölkerung begriffen werden.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-