Wenn Behinderte sowohl mit den SBB wie mit dem Eile-mit-Weile-Unternehmen DB reisen, muss man ihnen den Songtext von Peter Maffay zurufen: «Über sieben Brücken musst du gehn». So umständlich kann Bahn sein.
Die SBB gewähren Behinderten grosszügige Vergünstigungen. Die DB gewähren Behinderten ebenfalls grosszügige Vergünstigungen. Die Krux ist, dass die beiden Ticketsysteme nicht übereinstimmen. Nicht vorne. Nicht hinten. Dieses Billett-Tohuwabohu besteht, weil die Schweiz und Deutschland konsequent auf zwei verschiedenen büokratischen Gleisen fahren. Weichen gibt es keine.
SBB-Ansage: «Das Zugteam der SBB begrüsst Sie und wünscht eine angenehme Reise.»
So haben Behinderte bei der Deutschen Bahn einen Ausweis, der den Grad der Beeinträchtigung dokumentiert. Die Bescheinigung gilt unabhängig vom Alter. Bei uns haben nur IV-Rentnerinnen und -Rentner eine solche Bestätigung. Kommen sie ins AHV-Alter, erlischt dieser Ausweis. Warum das so ist, wissen nur der Amtsschimmel und der Bürohengst. Pferde haben grosse Köpfe, sind aber nicht besonders schlau. Deshalb haben Schweizer Seniorinnen und Senioren mit Behinderungen in Deutschland ein Problem.
DB-Ansage: «Hier spricht der Lokführer. Wir haben uns verfahren.
Wir kriegen das wieder hin.»
In der Schweiz und in Deutschland brauchen Behinderte mit einer Begleitperson statt zwei Tickets nur einen einzigen Fahrausweis. Den Schweizer Bähnlern ist es schnurz, ob der/die Behinderte oder die Begleitperson den Fahrausweis hat. In Deutschland profitiert nur die behinderte Person von der Gratisfahrt, die Begleitperson muss zahlen.
Sie können einander nicht finden. SBB und DB gewähren Behinderten
Vergünstigungen. Aber eben nicht die gleichen.
Jetzt lassen sich bereits einige Verwicklungen erahnen: Schweizer Behinderte im AHV-Alter haben keinen Ausweis, der ihre Beeinträchtigung belegt. Sie und ihre Begleitperson müssten also in Deutschland zwei Mal den Vollpreis blechen.
«Wir bitten Sie, nur bei der mit B gekennzeichneten Türe auszusteigen.»
Nun hats in der Trickkiste Hilfsmittel, um die Bürokratenbarriere wegzuräumen. Behinderten-Billette für deutsche Verbindungen kann man auch in der Schweiz kaufen. Früher konnten die nette Bähnlerin, der nette Bähnler deutsche Behindertentickets vor Ort am Schalter ausdrucken. Damit ist jetzt Schluss. Herr und Frau Bähnler notieren die Billetbestellung und kassieren den Ticketpreis. Dann übermitteln sie eine Bestellung ans Contact Center Handicap nach Brig. Diese Zentrale schickt das Null-Franken-Ticket per Post den Behinderten zu.
«Im Zug wurde ein technischer Alarm ausgelöst. Bitte bleiben Sie ruhig.»
Jetzt kommt der Erlebnisteil. Der Autor ging mit der freudigen Erwartung in den Berner Bahnhof, um hier ein Bezahlticket und ein Gratis Behindertenticket zu erstehen. Nix da. Die Bestellung ging nach neuer Weisung ans Handicap Center in Brig. Von dieser Servicestelle kam das Telefon, dass der Autor zuerst sein Begleiterticket bezahlen müsse, am besten am Schalter im Bahnhof. Die zweite Bahnhofvisite und die Bezahlung erfolgte in freundlicher Harmonie. Trump würde von einem grossartigen Deal sprechen.
«Auf der Strecke nach Hannover hat sich ein Baum aufs Geleise gelegt.»
Nach wenigen Tagen kam der Gratisfahrschein. Allerdings ausgestellt auf den Begleiter. Der findige Autor, Selbstlob stinkt nur ein bisschen, verirrte sich in den Tiefen der DB-Reglemente. Mit der Hilfe von KI fand er heraus, dass das Billett übers Kreuz falsch war. Ausgerüstet mit dieser Erkenntnis ging er zum dritten Mal zum Berner Bahnhof.
«Die Mitarbeiter der Forstbetriebsgemeinschaft Südhannover
haben den Baum entfernt. Wir können weiterfahren.»
Mit düsteren Worten schilderte er das Problem der hilfsbereiten Bähnlerin. Unterstützt von Kollegen fand sie die Lösung. Auf einem Begleitpapier platzierte sie einen fetten Stempel.und beglaubigte per Unterschrift, dass ich nicht ich und dass die Behinderte behindert sei. Der Autor hofft, dass die DB-Leute drauskommen.
Das alles tönt ziemlich unspannend und langweilig.
«Dieser Zug endet hier. Wir bitten Sie, auszusteigen.»
Drum die Kurzfassung: Wer als Behinderter so frivol ist, eine Reise mit DB nach Deutschland zu wagen, sollte sich vorher ausführlich beim SBB-Contact Center Handicap erkundigen, 0800 007 102.
Bilder: Pixabay, Freepik, SBB, DB, Peter Steiger

Danke mein Schatz, dass du das alles auf dich genommen hast, um unsere Ferienreise nach Deutschland sicher zu planen. Die Rollstuhlfahrerin bin ja ich und nicht du!