StartseiteMagazinKulturGyörgy Kurtág, der Meister der Miniatur

György Kurtág, der Meister der Miniatur

György Kurtág, geboren 1926, gehört zu den bedeutendsten Komponisten unserer Zeit. Erst vor kurzem konnte er in Budapest seinen 100. Geburtstag feiern. Aus diesem Anlass würdigt das Theater Basel den Meister mit der Schweizer Erstaufführung seiner einzigen Oper «Fin de partie». Dazu wird im Foyer eine Ausstellung präsentiert.

Zu Basel hat György Kurtág eine enge Beziehung. Sein Nachlass, der Skizzen, Notizen und Bilder umfasst, wird in der Paul Sacher Stiftung aufbewahrt. Eine kleine Auswahl davon wird in der Ausstellung gezeigt. Es gab aber auch mehrere Aufführungen seiner Musik, Heinz Holliger vom Musik Forum Basel hat sich besonders dafür engagiert.

Kurtág war für diese Konzerte öfter selbst anwesend und überwachte die Proben. Auch trat er als Pianist auf. Mit seiner Frau Marta spielte er vierhändig aus der Sammlung seiner Klavierminiaturen «Játékok» (Spiele). Diese kurzen Stücke kombinierten die beiden gerne mit den «Präludien und Fugen» von Johann Sebastian Bach.

Der Komponist György Kurtág, fotografiert von Sibylle Ehrismann.

In Rumänien geboren, wirkte Kurtág hauptsächlich in Ungarn als Pianist an der Musikhochschule in Budapest. Mit seinem Kollegen, dem weltbekannten ungarischen Komponisten György Ligeti, war er eng befreundet. Seine Musik ist, wenn man so sagen will, langsam gewachsen, seine ureigenste Form ist die Miniatur.

Gedichte in Tönen

Wie in einem Gedicht setzt Kurtág Ton für Ton. Jeder einzelne Anschlag auf dem Klavier wird farblich und dynamisch differenziert, das kann vom vierfachen Pianissimo bis zum Piano gehen. Aber auch zum vierfachen Fortissimo. Kurtágs Musik hat keinen klaren Puls. Sie wirkt frei in der Zeit, gestisch schwungvoll, aber rhythmisch komplex und virtuos. Die neunbändige Klavier-Sammlung «Jákétok» ist über viele Jahre hinweg entstanden und ist der Leitfaden seiner künstlerischen Entwicklung.

Szene aus «Fin de partie» («Endspiel») mit Hamm (Nathan Berg) und seinem Diener Clov (Michael Borth) in der Inszenierung von David Marton im Theater Basel.

Was Kurtágs Musik von den Interpreten fordert, ist eine inspirierte Musikalität. Es geht nicht in erster Linie um eine brillante Technik, sondern um Poesie. Man soll seine Stücke achtsam und genau spielen, aber auch musikalisch empfinden. Kurtág hat ein reichhaltiges Oeuvre geschaffen, Klavierstücke, Kammermusik und Werke für Orchester. Die menschliche Stimme und ihre Botschaften interessierten ihn besonders. Doch niemand hätte gedacht, dass dieser Meister der Miniatur auch einmal eine Oper schreiben würde.

Eine Oper erst mit 85 Jahren

Erst 2010, im Alter von 85 Jahren, fasste Kurtág den Mut dazu. Als Vorlage wählte er «Fin de partie» («Endspiel»), ein absurdes Theaterstück von Samuel Beckett (1906-1989). Diesem Dichter fühlt sich Kurtág seit jeher nahe, ja seelenverwandt: «Fin de partie» ist das Ergebnis eines langen Weges,» schreibt der Komponist dazu, «der mich seit mehr als 60 Jahren mit der Welt Samuel Becketts verbindet. Für mich ist dieses Stück eine Geschichte der Aufmerksamkeit, des Hörens und des Miteinander-Seins.»

Ein schonungsloses Endspiel

Becketts «Endspiel» dreht sich um sich selbst. Vier Figuren philosophieren über das Dasein und sein Ende. Da ist Hamm, um den es hauptsächlich geht. Clov, sein Diener, kümmert sich um ihn, denn Hamm kann nicht mehr gehen und wartet auf sein Ende. Dazu kommen Nagg und Nell, die Eltern von Hamm. In deren Mono- und Dialogen reduziert sich die menschliche Existenz auf ihr Wesentliches, die Zeit löst sich auf. Becketts Sprache ist schlicht, hintersinnig und pointiert – es sitzt jedes Wort.

Das entspricht Kurtágs Musiksprache. Expressive Dichte und extreme Präzision sind charakteristisch für sie. Jede Note, jeder Ton und jede Stille sind sorgfältig gesetzt und bedeutsam. Der Komponist hält sich genau an Becketts Theatertext, den er um die Hälfte gekürzt und selbst eingerichtet hat. Diesen hintersinnigen Text hat er kammermusikalisch verinnerlicht. Das Orchester ist gross. Es sind jedoch die vielfältigen Farben, die Kurtág von den Instrumenten fordert, nicht die massive Klangballung.

Ein Kenner von Kurtágs Musik

Mit dem Dirigenten Gábor Káli konnte für diese Schweizer Erstaufführung ein ausgewiesener Kenner von Kurtág Musik gewonnen werden. Mit seiner runden, sanften Gestik führte er das Orchester von einer Phrase zur nächsten. Denn wie gesagt, dieser Musik fehlt ein regelmässiger Puls. Trotz der vielen schattierten Piani kamen die Farben schön zum Tragen, es entfaltete sich ein musikalisches Kaleidoskop, das einen zum Staunen brachte.

Eine monotone Szenerie

Die Inszenierung von David Marton spielt in einem Einheitsbühnenbild. Im Hintergrund ist eine italienische Stadt zu sehen, diffus durch den Smog. Das Meer ist nahe, obwohl man es nicht sieht. Hamm sitzt auf einem alten Sofa auf der Dachterrasse, von wo aus er seine Monologe hält. Nathan Berg singt diese Partie eines «Verlorenen» mit durchdachter Dramaturgie und nuanciertem Timbre, er hält die Spannung trotz seiner resignierten Haltung.

Clov, sein Diener, ist mit Michael Borth ideal besetzt, er schwankt zwischen devoter Hilfsbereitschaft und aufbegehrendem Widerstand. Doch er bleibt bei diesem unsäglichen Herrn, wie er selbst sagt, weil er schon lange hier ist und eh nicht weiss, was er sonst tun soll. Und so singt er auch: mit farbenreicher Stimme und lyrischer Innigkeit.

Hamms Eltern, die absurdesten Figuren

Ein dramaturgischer Höhepunkt ist der Auftritt der Eltern. Sie tauchen links und rechts von Hamm auf. Dabei werden sie langsam von unten her durch die Sofasitze hochgehievt. Man sieht nur ihre Oberkörper, wie Statuen sitzen sie ohne Beine da. Ursula Hesse von den Steinen (Nell) und Ronan Caillet (Nagg) sind die «absurdesten» Figuren, auch lachen sie als Einzige über die Vergangenheit. Auch über ihren Unfall, bei dem sie die Beine verloren haben.

Nell und Nagg singen diese Groteske mit bissiger Leichtigkeit. Und die einzige weibliche Stimme (Nell) gab dieser Szene eine willkommene Helligkeit. So diffus und marode das Bühnenbild auch wirkt, was sich sprachlich und musikalisch darin entfaltete, war hoch poetisch und farbenreich. Das Publikum war begeistert und spendete langen, intensiven Applaus.

Weitere Aufführungen: 18 / 26 April; 2/ 15/25 Mai; 1/3/ 5/14/28 Juni
www.theater-basel.ch

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