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Geschichten ändern das Bewusstsein

Jedes Kind wird in eine Welt hineingeboren, in der es einen Berg von Geschichten* erbt. Vielerlei Geschichten werden ihm erzählt und sie bilden je nach dem Milieu der Eltern, des Dorfes, des Berufes und der religiösen Umgebung die Sprache des Kindes. Diese prägt seine Lebenswelt. Erwachsen dann kommt es zu neuen Geschichten. Mit ihnen verändert und entwickelt sich die Sprache weiter und damit auch das Denken.

Rückblickend erinnere ich mich an eine Geschichte. Ich habe mich während der Sekundarschul-Zeit in ein Mädchen verliebt. Es war nicht eine Schülerin, sondern eine junge Frau, die bei einer benachbarten Familie Kinder betreute. Sie gefiel mir sehr. Sie war hübsch und unternehmenslustig. Wir trafen uns zu Velofahrten und längeren Wanderungen. Wir verstanden uns.

Dann begann meine Ausbildung im Lehrerseminar und die Sprache änderte sich. Neue Themen tauchten auf und bei vielen rückten Fremdwörter vor. Als ich sie während den Schulferien wieder traf, bemerkte ich, dass sie mich oft nicht verstand. Wovon redest du? Beim längeren Zusammensein, spürte ich, dass wir in zwei unterschiedlichen Sprachwelten lebten und diese junge Liebe nahm ein Ende. Gleichzeitig spürte ich, dass auch die Distanz zu meinem Vater, der die Tischgespräche dominierte, wuchs.

Goethe sagte einmal, er habe in seinem Leben verschiedene Pubertäten durchgemacht. Das hing mit seiner Biographie zusammen. Mit 26 Jahren wurde er Erzieher von Carl August am Hof des Herzogtums Weimar. Mit dem Prinzen erlebte er wilde Jahre. Es war die Zeit von «Sturm und Drang» und diese spiegelte sich in seinen grossen Hymnen. Später wurde er Hofrat. Damit änderten sich Stil und Inhalt des Schreibens.

In jeder Biographie geschieht Ähnliches, denn mit neuen Geschichten ändert sich Sprache. Als ich mein Studium in Basel aufnahm und Psychologie und Philosophie studierte, geriet mein früheres Denken ins Wanken. Der Zweifel, an dem was wahr ist und was ich Wirklichkeit nannte, begann mich zu foltern, bis ich mich leichter in der akademisch geübten Redeweise unterhalten konnte. Als Politiker konnte ich in der Mundart meiner Herkunft sprechen und, wenn es nötig wurde, in der Sprache der Gesetze. Das Reden hing davon ab, wo ich gerade aufzutreten hatte. Ich passte es flexibel der jeweiligen Situation an.

Wer plötzlich sehr reich wird, findet oft eine neue Art zu sprechen. Man bemerkt nicht nur an seiner äusseren Haltung, dass er sich nun anders sieht. Zudem sucht er eine Wohngegend aus, wo er seinesgleichen mit ähnlichen Themen trifft. Er ist nun oben auf der Vertikale angekommen. Die früheren Freunde sagen: «Er nimmt sich sehr wichtig.» Mit seiner Sprache und seinem Gehabe schürt er bei jenen, die unten geblieben sind, nicht selten Groll und Ressentiments

Das Denken passt sich also Geschichten an. Keine Philosophie, keine Religion, kein Streit, kein Krieg entsteht, ohne in Geschichte verstrickt zu sein. Das Böse ist so wenig wie das Gute angeboren. Vielmehr gleicht es sich den Geschichten an, in denen man Mitspieler geworden ist. Der Krieg in der Ukraine wurde mit langen Geschichten begründet. Das Christentum stützt sich auf die Evangelien und immer noch finden wir Leute, die den Freiheitswillen mit Wilhelm Tell verbinden.

*Wilhelm Schapp: Philosophie der Geschichten. Frankfurt 2. Auflage 1981

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