Der Architekt Christoph Zihlmann führte während rund 25 Jahren ein eigenes Architekturatelier. Heute bezieht er als Kunstschaffender Umweltfragen fantasievoll in sein Wirken mit ein. Seniorweb besucht ihn im Industriegebiet von Adliswil im Kanton Zürich, wo er in einem Betongebäude sein Malatelier eingerichtet hat.
Christoph Zihlmann lernte ich auf einer Reise nach Frankreich kennen. Er erzählte von seinen Ideen und Kunstprojekten, die mich neugierig machten. Was mir in seinem Atelier zuerst auffällt, sind die vielen zerknautschten Papiersäckchen auf dem Tisch. Und ich frage mich, ob es sich wohl um den Abfall der letzten Znünipausen handelt?
Blick ins Atelier
Ein Blick an die Wand löst das Rätsel: Dort hängt dieser «Abfall», verwandelt in leuchtende Kunstwerke. In Öl auf Leinwand gemalte Tüten vom Bäcker mit realistisch wirkenden Knicken und Falten nicht nur im Papier, sondern auch in den durchsichtigen Zellophan- oder Plastikteilen. Faszinierende Bilder eines banalen, alltäglichen Wegwerf-Artikels, der durch meisterhafte Trompe-l’oeil-Malerei erhöht und neu bewertet wird.
Teil der Serie «Kleine Helden», Säckli- und Kunststoff-Tütenbilder, Öl auf Leinwand
Auf die Frage an den 1956 in Luzern geborenen Christoph Zihlmann, wie er Künstler geworden ist, sagt er: «Ich zögere etwas mit dem Begriff Künstler. Schon als Kind malte und zeichnete ich gerne und die Umgebung signalisierte mir, ich könne das gut. Etwa 15-jährig fragte ich mich, wie kann man ein Glas zeichnen, das wie ein Glas aussieht.» Und er probierte und lernte, genau hinzuschauen.
Eine Kunstschule besuchte er nie, nur einzelne Kurse wie Aktzeichnen. Er studierte Architektur an der ETH in Lausanne und in Zürich und arbeitete dann in verschiedenen Architekturbüros, auch auf dem Bau, in einer Zimmerei und hielt sich während eines Jahres in den USA auf. 1999 gründete er sein eigenes Architekturbüro in Zürich mit dem Schwerpunkt Erneuerung und Umbau und übergab es 2023 einer langjährigen Mitarbeiterin.
Christoph Zihlmann im Atelier, auf dem Boden stehen seine «Farbenstreifen-Bilder»
Christoph Zihlmann war neben seinem Beruf immer mehr oder weniger künstlerisch tätig und stellte seine Werke seit den 1980er Jahren regelmässig aus. Doch nun, ohne die beruflichen Verpflichtungen, kann er sich in seinem Atelier, das er seit 2013 in Adliswil mietet, vermehrt dem künstlerischen Schaffen widmen. Für ihn gab es nie eine Entscheidung «ich mache jetzt Kunst» und ergänzt, «im Zeichnen und Malen kann ich meine Gefühlswelt ausdrücken. Doch in letzter Zeit frage ich mich, wie kann ich mit künstlerischen Mitteln auch politisch aktiv sein.»
Kleine Helden
Seine Säckli- und Tüten-Bilder gehen in diese Richtung, er nennt sie Kleine Helden. Als er einmal beim Bäcker Gipfeli kaufte und vor dem Geschäft die Verpackung entfernte, realisierte er, wie kurz deren Funktion ist, Abfall wird und stirbt. Dabei haben viele Menschen daran gearbeitet: Die Verpackung muss designt, das Papier, das aus Bäumen stammt, hergestellt werden, die Plastikteile stehen in Verbindung mit Erdöl. Und der Künstler findet, «es wäre doch angemessen, dieses Papiersäckli zu würdigen, statt es nur wegzuwerfen. Klar, sollten wir weniger Verpackungsmaterial brauchen. Ich suche einen anderen Zugang, und male von diesem Säckli ein Porträt in Öl.»
Nun ist er daran, wie schon vor ein paar Jahren, von seinen Kleinen Helden wieder eine Serie von fünfzehn «Porträts» zu malen, die für eine kommende Ausstellung in Männedorf bestimmt ist. Jedes dieser Bilder erhält zudem eine Etikette mit der Aufschrift, was wann und wo gekauft wurde. «Statt etwas zu bekämpfen, suche ich einen freundlichen Umgang mit den Schwierigkeiten. Das ermöglicht Entspannung.»
Aus der Serie «Farbstreifen-Bilder», Öl auf Leinwand. Foto: © Christoph Zihlmann
Farbenstreifen-Bilder
Die Farbstreifen-Bilder gestaltet Zihlmann seit dem Einzug in sein Atelier in grösseren Formaten. Diese Bilder entstehen ohne Absicht in vertikalen Streifen, «mit Pinselstrichen hinauf und hinunter». Die Ölfarbe lässt sich gut verstreichen, dabei ergeben sich interessante Effekte. «Für mich sind meine Vorstellungen weniger wichtig. Genauso interessant ist, was beim Malen geschieht. Ich treffe zwar gewisse Entscheidungen zur Gestaltung, aber das Material spielt beim Malen mit und erweitert das, was ich bin.» Sein Ziel von 108 Farbstreifen-Bildern hat er inzwischen erreicht. Einen Teil kann er im Juni in einer Schreinerei an der Schipfe in Zürich ausstellen.
Aquarellbilder
Aquarelle
«Das Malen von Farbstreifen-Bildern kommt der Aquarellmalerei nahe», sagt der Maler. «Ich suche die Balance zwischen selber machen und geschehen lassen. Die einen Farben werden mehr gestaltet, die anderen fliessen mehr. Das ist wie im Leben, was bestimme ich, und wo ist es wichtig, offen zu bleiben. Wenn ich in einem Aquarellbild zu viel selbst bestimmt habe, zerschneide ich es und mache daraus Karten.» Um beim Aquarellieren offen zu bleiben, malt Zihlmann jeweils auf verschiedenen nebeneinanderliegenden Papierblöcken gleichzeitig und sagt dazu: «Es ist interessant zu sehen, was ohne meine Kontrolle mit den Farben geschieht, auch wenn es nur eine einzige Farbe ist.»
Radierung «Vulkanausbruch», 1987. Foto: © Christoph Zihlmann
Radierungen
In den 1980er Jahren lernte Christoph Zihlmann in einem Druckatelier, Radierungen herzustellen, ein Tiefdruckverfahren. Dabei werden auf einer Zinkplatte mittels Ätztechnik Linien und Tonflächen erzeugt. Die Zeichnung wird mit einer Nadel in eine säurefeste Lackschicht auf der Metallplatte geritzt und anschliessend durch Säureätzung vertieft. Von einem Motiv stellte er jeweils zwölf Abzüge her. Immer wieder ist der Künstler, umgeben von einer chaotischen Welt, dargestellt. In der Ausstellung an der Schipfe werden neben den Farbstreifen-Bildern auch Radierungen zu sehen sein.
«Ich war nie in Sarajevo»
Bildpaar aus dem Projekt «Sarajevo-Zürich: Unlimited», 2017. Foto: © Christoph Zihlmann
Vor neun Jahren nahm der Künstler an einem Gemeinschaftsprojekt Sarajevo-Zürich: Unlimited teil, zusammen mit einem Dutzend Kunstschaffenden aus Sarajevo und Zürich, initiiert von Transalpin-Art. Seniorweb hat darüber berichtet. Die Gruppenausstellung war im Sommer 2017 in Zürich und danach in Sarajevo zu sehen. Dafür machte Zihlmann von derselben Situation paarweise acht Zeichnungen: ein Bildschirm zu Hause, im Büro oder im Atelier. Innerhalb der Bleistiftzeichnung erscheinen einmal die digitalen Bilder auf dem Bildschirm koloriert und einmal die reale Umgebung.
Musik-Projekt
Christoph Zihlmanns neuestes, noch in Arbeit befindliches Vorhaben ist ein Musik-Projekt: Praise Petroleum, ein Song zu Ehren von Erdöl. Ähnlich wie beim Verpackungsmaterial ist die Beziehung zum Erdöl zwiespältig. Einerseits brauchen wir es existentiell, andererseits müssen wir wegen der Klimakrise davon wegkommen. Und doch verdanken wir dem Erdöl so viel: Kleider, Lebensmittel, Gewächshäuser, Verpackungen, Industrie, Transport. Der Künstler findet, «es ist an der Zeit, dem Erdöl danke zu sagen. Es ist ein Produkt der Natur. Die Erde schenkt es uns, und wir fragen nicht, ob wir es nutzen dürfen.» Praise Petroleum wird von ihm selbst gesungen unter Begleitung von professionellen Musikern und einem Chor. Erste Studioaufnahmen gibt es bereits. Ergänzend zu diesem gesellschaftlichen Projekt wird noch ein Video erstellt.
Fotos: © Christoph Zihlmann und rv
Hier geht es zur Webseite von Christoph Zihlmann
Beitrag in Seniorweb: Eva Caflisch, Sarajevo – Zürich: ein Kulturaustausch
