Es war ein wunderbarer Frühlingstag, der 1. Mai 2026. Während Jahrzehnten beobachtete ich das Geschehen aus professioneller Sicht, aktuell als Zaungast. Und ich sah mich dabei mit zwei Welten konfrontiert. Ich sah einen langen, einen äusserst farbigen, lauten, gar schrillen, einen reich gemischten Zug von Älteren, Jungen, von Familien, auch Vermummten, von 15‘000 Menschen, die mit Fahnen, Transparenten durch die Stadt Zürich zogen.
Auf dem Heimweg, dem See entlang, begegnete mir eine völlig andere Schweiz. Bunte Gruppen, die sich am Ufer im Bikini oder Badehosen der Sonne hingaben. Ganze Familienclans wohl, die sich um einen mitgebrachten Grill zum Picknick versammelten. Ukrainerinnen und Ukrainer, die ihr Volleyball-Netz mit ihrer Nationalfahne aufstellten und zu trainieren begannen. Sportlich-elegant gekleidete Paare, die Hand in Hand dem See entlang spazierten. Drei dynamische Jogger, so um 50, vielleicht gegen 60, Manager oder sogenannte „Selbstoptimierer“ wie sie aktuell despektierlich genannt werden, weil sie bei guten Löhnen Teilzeit arbeiten. Den Wortfetzen nach sprachen sie trotz ansehnlichem Tempo laut deutsch/englisch wild durcheinander. Eines war an beiden Orten gleich: die Internationalität, die Vielsprachigkeit.
Nicht anders der 1.Mai. Aus den USA wurde er ja importiert: der Tag der Arbeit. Vieles, was von drüben kommt, erreicht verspätet die Welt, Europa, selbst die Schweiz. Es lohnt sich, im Umfeld des diesjährigen 1. Mai daran zu erinnern. Vor allem auch deshalb, weil es der Präsident der USA ist, der mit seinem Krieg gegen den Iran an diesem 1. Mai die Welt besonders in Spannung versetzte. Tausende, abertausende Arbeitsplätze in Asien, aber auch in Europa, gar in den USA geraten durch diesen Krieg und die brutalen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft in Gefahr oder sind es schon. Gerade jetzt zum 1. Mai. Nicht verwunderlich, dass in dieser unsicheren Lage die Manifestationen zum 1.Mai einen neuen Beteiligungsrekord erfuhren.
Zwei Welten am 1.Mai 2026 in Zürich. KI generiert
Es war am Samstag, dem 1. Mai 1886, als in den USA Tausende von Arbeitern, insbesondere auf dem Haymarket in Chicago demonstrierten. Es war mit August Spiess, ein eingewanderter Journalist aus Oestereich, der auf einer Arbeiterversammlung eine Brand-Rede hielt. Wie aus damaligen Aufzeichnungen und Berichten zu entnehmen ist, kam es zu weiteren gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Bei der heftigsten Protestkundgebung stürmte die Polizei die bis dann friedliche Versammlung. Demonstranten und Polizisten starben. Acht Akteure, welche die Kundgebung organisiert hatten, wurden festgenommen und angeklagt. Vier von ihnen, darunter August Spiess, wurden am 11. November 1887 gehängt.
1889, am Gründungskongress der Zweiten Internationalen wurde zum Gedenken an die Opfer des Haymarket Riot der 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen.
Um genau zu sein: Die ursprüngliche Initialzündung für den Tag der Arbeit ging aber von Australien aus. Vor genau 170 Jahren, am 1. Mai 1856, fanden im australischen Bundesstaat Victoria Massendemonstrationen der Arbeiter statt, an denen schon damals an Stelle eines Zwölf- ein Achtstundentag gefordert wurde. Der 1. Mai war damals auch etwas ganz anderes: ein Stichtag, der moving day, bei dem vielen das Arbeitsverhältnis gekündigt wurde. Das zwang viele zur Wanderung, zum Umzug an einen anderen Ort, wo es Arbeit gab.
Und heute? Auch 170 Jahre später wandern wieder viele von Orten in dieser Welt, wo es keine Arbeit gibt, in Orte oder eben in die Schweiz, wo es Arbeit gibt. In der Pflege, in der Gastronomie, auf dem Bau, aber auch in Banken, in hochtechnologischen Berufen, an Universitäten, in der Forschung, bei US-Firmen wie Google (allein 5‘000 Arbeitsplätze in Zürich) sind sie willkommen. Sie übernehmen Stellen, die Einheimische meiden, decken den Fachkräftemangel in Spitälern, Altersheimen, in der Landwirtschaft, in KMUs, weil Pflegende, Dienstleistende, Handwerker fehlen, füllen Lücken, weil wir beispielsweise zu wenige Ärztinnen und Ärzte ausbilden. Alle tragen zu unserem Wohlstand bei. Speisen die Sozialsysteme, die Altersvorsorge wie die AHV.
Nur: Sie brauchen Wohnraum, fahren mit dem Auto, benützen Tram, Bus, die Bahn. Und fördern so auch den „Dichtestress“. Das ruft die SVP auf den Plan. Die will die Zuwanderung begrenzen und damit den Wohlstand dämpfen. Eine 10 Millionen Schweiz ist genug. Am diesjährigen 1. Mai waren es genau diese Themen, die auf die Strasse getragen wurden. Und das ist gut so. Auch wenn es oft nicht ohne Randale bleibt, wie vor 170 Jahren. Im Gegensatz zu 1887 droht selbst in den USA bei Demonstrationen kein Todesurteil mehr. Der humane Fortschritt ist offensichtlich. Mit der gleichen Vernunft liessen sich auch Kriege vermeiden, auch beenden. Auf jeden Fall konnten an diesem 1.Mai zwei Welten nebeneinander einen wunderbaren Frühlingstag erleben.

dichtestress ist das vordergründige argument der
svp. aber ein ja würde das lebensziel von christoph blocher erfüllen: weit weg von der EU, flüchtlinge und asylanten raus und milliardäre rein
Dichtestress? Blocher, Matter und all die steinreichen Oligarchen hinter der Initiative leiden in ihren abgeschotteten Villen jedenfalls nicht unter Platzmangel . . . Sie wollen auch nicht weniger ausländische Arbeitskräfte im Land, aber mit Arbeitsverhältnissen ohne die Verträge mit der EU. Das heisst ohne Lohnschutz und somit Druck auf die Löhne (und Renten) von uns allen. Zurück in die Barackenwelt der 60er und 70er Jahre?! Diese Initiative löst kein Problem, schafft aber sehr viele. Sie ist brandgefährlich.