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Die Zeit mit Max Frisch

Es ist ein heiterer, mitunter auch wütender und melancholischer Abgesang auf eine literarische Epoche: Dieter Bachmann hat mit „Blues for Max. Das Vergehen verstehen“ einen Essay über den Architekten, Autor und Freund Max Frisch verfasst.

Bei der Buchvernissage verriet Dieter Bachmann (*1940), der als brillianter Journalist, Rezensent, Chefredaktor des Du bekannt worden ist, was ihn dazu gebracht hat, seinen Blues for Max in sieben Kapiteln niederzuschreiben: Es war die Landung auf dem Max-Frisch-Platz in Örlikon, gleich hinter den Gleisen, auf einer Art Brache, die einst von Fabrikgebäuden der Bührleschen Waffenschmiede besetzt gewesen war.

Dieter Bachmann stellt sein Buch «Blues for Max» in der Dauerausstellung des Max-Frisch-Archivs im Letzibad vor.

Bachmanns Wut gilt dem „Zürcher Schurkenstück“, veranstaltet von der Strassenbenennungskommission im Einklang mit der Stadtbehörde, die in diesem kontaminierten Raum „die einmalige Gelegenheit, eine Menge alter Benennungsschulden“ begleichen konnte. Alle blauen Schilder werden zitiert, von Elias Canetti über Kurt Hirschfeld bis zu Mascha Kaléko und Gertrud Kurz, mehr als ein Dutzend Antifaschistinnen, Emigranten, Schriftsteller, Fluchthelferinnen undsoweiter.

Proben zur Uraufführung von «Andorra» mit Peter Brogle, Kurt Hirschfeld, Max Frisch

Links „Am Schild der Therese-Giehse-Strasse bleibt unerwähnt, dass sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen 1940 eine Ein-Millionen-Spende von Bührle ans Schauspielhaus zurückgewiesen hatte.“ Das habe sich gerächt: Bührle zahlte in der Folge die Defizite der Luzerner Internationalen Musikfestwochen.

Bachmann, ein Rufer in der Wüste oder ein tief enttäuschter Kulturpessimist? Ganz sicher aber ein brillianter Texter beim Umsetzen seiner umfangreichen Recherchen, mit denen er seine Erinnerung an Max Frisch und Zeitgenossen unterfüttert. Peter Bichsel, dem er eine respekt- und liebevolle Hommage widmet, schon tot, und auch die anderen Dichterfreundinnen und -Freunde vom Jurasüdfuss sitzen längst nicht mehr im Solothurner Kreuz: „Wer erinnert sich, wer liest auch nur ein paar wenige Jahre nach ihrem Tod noch ihre Bücher?“

Andorra-Premierenfeier: Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch seien „zwei Rücken an Rücken zusammengewachsene asymmetrische Zwillinge,» schreibt Dieter Bachmann.

Bachmann selbst war in jenen Jahrzehnten als Publizist ein erfolgreicher Multiplikator. Seinen Werdegang im Dunstkreis von Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt, den Ikonen von damals, nutzt er als Pfad mit Wegmarken. Und startet in den Blues for Max mit einem Motto aus Dürrenmatts Winterkrieg im Tibet:

„Je älter man wird, desto stärker wird der Wunsch, Bilanz zu ziehen. Der Tod rückt häher; das Leben verflüchtigt sich. Indem es sich verflüchtigt, will man es gestalten; indem man es gestaltet, verfälscht man es.“

Glückliche Tage in Rom: Max und Marianne. Foto: © Pia Zanetti

Sieben Teile sind es, alle sehr durchlässig. Und immer wieder das Thema vom Architekten und Dichter, das sich durchs Leben von Max Frisch zieht, auch wenn er zunächst nur Pläne zeichnet, später nur noch auf die Schreibmaschine hämmert und die Öffentlichkeit mit unvergessenen Reden bedient. Frisch war ein eminent politischer und staatskritischer Eidgenosse, der trotz Fluchten nach Rom, Berlin, New York nie von Zürich und der Schweiz los kam. Das alles ist bekannt, genau wie die Frauengeschichten, die Abfolge seiner Werke, die Daten der Uraufführungen samt den Rezensionen. Und doch ist es in Dieter Bachmanns Neuordnung – ja was denn? – neu.

Zweimal Letzibad: Schwimmbecken und Pavillon

Das Gartenbad am Letzigraben, Max-Frisch-Bad genannt, ist auch Jahrzehnte nach dem Bau eine Ikone: Klare Linien bei Schwimmbecken und Garderoben, ein luftig-leichter Pavillon mit Restaurant und ein Naturparadies, das rund ums Jahr als Erholungsraum geöffnet ist. Frisch baue „einen Ort moderner Technik, der nicht Natur sein kann – der Gartengestalter gibt dem Ort, dem geometrisch-künstlichen, die Natur zurück,“ schreibt Bachmann und erinnert das Foto vom Baustellen-Spaziergang bei dem Frisch dem Grossschriftsteller Bert Brecht den 10-Meter-Sprungturm als geometrische Rauminstallation nahebringen wollte.

Sie seien auf dem Turm gestanden, ist ein unausrottbares On-dit, schon deshalb unmöglich, weil Brecht absolut nicht schwindelfrei gewesen war. Bachmann schreibt: „Die Begeisterung des Architekten ist so greifbar wie seine Leidenschaft, den Entwurf in Sprache umzusetzen. Hier sind sie eins, die beiden Hälften: der Architekt und der Schriftsteller.“ Auch wenn Frisch nicht mehr baute, das „Interesse am gesellschaftlich-politischen Teil der Architektur“ habe ihn nie verlassen, lesen wir.

An diesem Steintisch in Berzona saß, wer den Dichter besuchen durfte.

Das Tessiner Haus im Onsernonetal hat Max Frisch nicht selbst umgebaut, aber nach der schwierigen Zeit in Rom wurde es zum Refugium, das turmartige Studio zum Ort der Einkehr und der Inspiration.

Bachmanns war Reporter beim Schweizer Fernsehen und schlug 1968 im Zusammenhang mit den Studentenunruhen vor, ein Statement von Max Frisch in Berzona einzuholen. Ein scheuer Reporter samt Filmequipe wird empfangen, bekommt das Statement und ärgert sich heute noch, dass es wegen fehlender Gegenposition nie gesendet und offenbar später gelöscht wurde: „Das Mantra des Schweizer Staatssenders hiess immer schon Ausgewogenheit.“ Den Text konnte er dank Entwürfen im Frischarchiv nun veröffentlichen.

Buchcover

Bachmann und Frisch kamen sich näher, der jüngere besuchte den Sterbenden noch in seiner letzten Wohnung am Stadelhofen und er beschreibt auch den bei den meisten der noch lebenden 100 Geburtstagsgästen in Erinnerung gebliebene 75. Geburtstag, wie manches in dem Essay humorvoll und heiter und eine spannende Lektüre für Wundernasen.

Berührendste Sätze sind dem wohl auch berührendsten Buch von Max Frisch gewidmet, der Holozän-Geschichte vom alten Herrn Geiser im Dauerregen. Schon 1979 war die Klimakatastrophe Thema. Aber bis heute sei das „Geschäftsziel“ wichtiger, „die Börsen sind im Höhenflug. Es ist Weltausverkauf, Schnäppchenzeit; wer will, der kann nochmal, bevor die Erde unbewohnbar wird, die Menschheit verbrennt,“ schreibt Bachmann und erwähnt den visionären Sturz in die Sonne, den Charles F. Ramuz 1922 verfasst hatte.

Herr Geisers Blick ins Onsernonetal bei Regenwetter

Blues for Max ist ein stimmiger Titel für einen gescheiten Text, der heiter und humorvoll eine Zeit ins Gedächtnis bringt, aber auch von Wut, Schmerz und Trauer erzählt – wie es eben zu einem Blues per definitionem passt. Nebst dem reichhaltig servierten Menü aus der Küche des Dichters, Architekten und politischen Denkers Max Frisch sowie seiner Zeitgenossen ist der Essay auch eine kritische Abrechnung mit einem Jetzt, in dem das Ich wichtiger ist als der Rest der Welt.

Titelbild: Max Frisch, Comet Foto, Bildarchiv ETH
Fotos: Bildarchiv ETH, Wikimedia Commons, E.C.

Dieter Bachmann: Blues for Max. Atlantis, Zürich 2026. ISBN 978-3-7152-5060-1

Ein Filmdokument aus dem SRF-Archiv zeigt das Letzibad bei der Eröffnung 1949

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