Lisa schaut kurz in den Spiegel. Das grelle Neonlicht hebt jeden einzelnen Pickel in ihrem Gesicht hervor. «Wie durchschnittlich scheisse ich aussehe», stellt sie fest. Und, etwas später: «Niemand würde um mich trauern». Kurz vor Ende der Volksschule. Aller Zauber sei «futsch»; das Leben nur noch eine Abfolge von Erwartungen und Enttäuschungen: Abschlusszeugnis, Lehrstelle, Erwachsenwerden und sich anstrengen. Aber wofür?
«Warum ich ihm eine reingehauen habe, weiss ich selbst nicht, sinniert Mitschüler Max auf dem Pausenplatz. «Vielleicht gegen die Langeweile. Oder damit die andern sehen, wer hier das Sagen hat.» Binh schaut aus Distanz zu, wie sich Max aufspielt. Und fragt sich: «Weshalb muss er andere leiden sehen?» Zu Binh hat Max auch schon «Fuck your mother» gesagt. Ahnungslos, wie krank sie ist. Binh pflegt und schützt seine Ma. Er achtet auch darauf, dass die Zimmertüre zu ihr geschlossen ist, wenn sein Pa ihn schlägt. Und was Max betrifft, denkt Binh wohl daran, dass «Schmerz besser schmeckt als Leere».
Auf Alma wirkt ihre erst 35jährige Mutter schon abschreckend «verbraucht». Und Elifs Eltern, die vermutlich ebenfalls über die Handy-Kids schimpfen, sitzen stets «vor der Glotze». Ihr Leben gleiche einer «To-do-Liste». Sie vermitteln, wie man funktioniert, ohne Schwäche zu zeigen oder zu merken, selbst im Käfig zu sein. Elif weitet indes das Einmachglas, in dem sie Kakerlaken und Schaben züchtet, zu einem Aquarium aus. Im Sinne der Befreiung. Im Alltag, wie im Theater, das die Schülerinnen und Schüler miteinander proben und fragen lässt, ob sie «mehr Mut zum Leben oder Sterben» benötigen.
Im Theater spielt der angepasste Leo einen Psycho, überraschend echt. Er scheint es gut zu haben. Seine wohlhabenden Eltern sind doch so cool und nett. Das diskreditiert ihn etwas bei den andern Kids. Sie stammen überwiegend aus der Unteren (Mittel-)Schicht. Und wer von ihnen bemerkt schon den (Erwartungs-)Druck, der auf dem «Wunderkind» lastet. So treibt denn sein realer Suizid alle um.
Der Lehrer will die Aufführung absagen. Anders die zuvor etwas gleichgültig und wenig interessiert wirkenden Jugendlichen. Sie halten nun am Theater fest und streifen ihre alltäglichen Macker- und Tussi-Rollen ab. Sie entscheiden sich «für das Leben und die Liebe».
Und so verändert Alma am Schluss des Theaters auch spontan die Szene auf der Brücke. Sie fragt schon: Soll ich springen oder nicht? Und wendet sich dann direkt an alle im Saal sitzenden Eltern. Nämlich mit den Worten: «Ihre Gleichgültigkeit hat Leo getötet.» Darauf folgen zunächst laut dröhnende Musik, dann ein leiser werdender Song mit feinen Zwischentönen und dem Zusatz: «Sie können jetzt nach Hause gehen. Das Stück ist vorbei, das Leben nicht. Wir bleiben, weil es uns nicht egal ist.»
Einmachglas (2026), so nennt Demian Cornu, geboren 1981, seinen zweiten Roman. Transite kleiner Welten heisst sein Debut (2022). Und Einmachglas handelt von der Ambivalenz einer Generation. Von Jugendlichen, die weder Opfer noch Heldinnen oder Helden sein wollen. Verletzlich und rebellisch, suchen sie nach Freiheit, Identität und Zugehörigkeit oder einfach nach «einem Platz in der Welt».
Cornu ist Religionswissenschaftler und Historiker, Vater zweier Kinder, Co-Präsident des DeutschSchweizer PEN Zentrums und Torwart der Schweizer Literatur Nati. Er war schon Rapper, Pizza-Verkäufer, Kader in der Bundesverwaltung, Moderator, Ticketdealer, Lagerist, Reisebegleiter und Darsteller im Dokumentarfilm Die Anhörung von Lisa Gerig. Als (Aushilfs-)Lehrer probte Cornu einmal mit Schülerinnen und Schülern ein Theaterstück. Und mich berührt, wie die Kids uns Erwachsene wahrnehmen. Sie fordern unsere Konformität heraus und fragen, wie normal unsere Normalität ist. In einer «Realität voller Risse». Durch sie dringt immerhin da und dort «neues Leben». Aber was wissen wir eigentlich von unseren Kids?
Titelbild: © Christian Jaeggi
Buch
Demian Cornu: Einmachglas. Roman, Zeitkind, Meilen 2026, ISBN 978-3-907724-07-1
