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Braucht mich noch jemand?

Ich hatte mich wie ein Kind auf Weihnachten auf die Pensionierung gefreut, die ich ein Jahr «zu früh» (wie das Neider jeweils nennen) antreten durfte, respektive musste. Nach so vielen Jahren im Journalismus mit allen Höhen und Tiefen war ich ausgebrannt, müde und teilweise auch sehr realistisch (man darf es gerne auch sarkastisch nennen) geworden.

Etliche Jahre meines Berufslebens war ich als Redaktorin und Chefredaktorin von Lokalzeitungen tätig, einem der zündensten Genres, auch wenn man das so nicht vermuten würde. Fabian Muster, Studienleiter Lokaljournalismus am MAZ Institut für Journalismus und Kommunikation, formulierte im vergangenen Herbst den Wert einer funktionierenden kommunalen Kommunikation: «Der Lokaljournalismus ist der Watchdog der lokalen Politik, schaut den dortigen Politikerinnen und Politikern auf die Finger», sagte er gegenüber SRG in einem Interview. Journalismus aus der direkten Lebensumgebung fördere die Demokratie: «Dort, wo es lokale Medien gibt, nehmen die Leute mehr an Wahlen und Abstimmungen teil.» Das Angebot sei zudem identitätsstiftend und fördere das Gefühl für Zusammenhalt, so Muster weiter.

Einerseits muss man also alles daransetzen, dass sich die Leserschaft (also eigentlich jeder in der Gemeinde) öffnet und man so immer und immer wieder an gute, informative Geschichten kommt. Es entstehen somit im Lauf der Zeit auch Vertrauensverhältnisse zur Bevölkerung und den erwähnten Politikern (denn nein, jemand bewusst in die Pfanne hauen geht gar nicht). Bei manchen kann man fast schon von «sehr guten Bekanntschaften» sprechen. Aber: Die Unterscheidung zwischen erwünschter Nähe und nötiger Distanz ist eine sehr grosse Herausforderung. Denn zu nah an den Menschen geht nicht, nicht im lokalen Umfeld, wo Missgunst und Neid eben auch ihren Platz haben. Neuigkeiten, die man «off the record» erfährt, dürfen keinesfalls im falschen Moment an die Öffentlichkeit gelangen.

Und dann sind da noch die vielen Ansprüche, die an eine kleine Zeitung gestellt werden. Einer will unbedingt in die Zeitung, um sein neu geschriebenes Buch zu bewerben, diese versteht nicht, weshalb sie nicht für ein Portrait in Frage kommt, politische Parteien machen sich ständig Luft, dass sie keinen Gratisplatz zur Publikation ihrer Anliegen erhalten. Und so weiter. Damit nicht genug, Platz für Text kostet auch – und wer bitte schön wäre bereit, diesen zu zahlen? Ich befand mich also häufig mitten im Sandwich, zwischen Wunsch der Leserschaft und Möglichkeit des Verlags. Ich war also – ganz krass ausgedrückt – auch jahrelang eine «Problemlöserin» der betreffenden Zeitungen. Manchmal mit ungewöhnlichen Lösungen, die mussten jedoch legal, stimmig und einigermassen «salomonisch» für alle Betroffenen sein. Denn man bedenke: Eine kleine Zeitung kann es sich nicht leisten, dass sich jemand beim Presserat beschwert.

Nun also bin ich seit vier Monaten in Pension. Ich stellte mir vor, wie schön das sein wird, weil ich dann aufstehen kann, wann ich will. Weil ich lesen und Sprachen lernen oder im besten Fall verbessern kann, wann und soviel ich will. Weil ich mit meinem Mann schöne Reisen unternehmen kann und niemanden mehr fragen muss, wann und ob ich zwei, drei oder vier Wochen Ferien nehmen kann.

Und hier begann schon die erste Erkenntnis: Ich, die sich jahrelang journalistisch mit den Themen des Alltags, der Politik, Gesellschaft und des Alters beschäftigt hatte, hatte keine wirkliche Ahnung, was dieser erste Schritt in den Ruhestand bedeutet. Zunächst muss man nämlich einmal ankommen in diesem neuen Leben. Das geht nicht von heute auf morgen. Jahrelange Gewohnheiten und Routinen fallen weg, sich neue angewöhnen dauert. Dass diverse Ämter auch noch Ansprüche stellen, war mir klar (AHV-Beiträge für Nichterwerbstätige zum Beispiel). Dass ich mir eine neue Fitnessroutine angewöhnen muss ebenso (auch wenn ich vorher gar keine hatte). Mein Liebster plante Reise um Reise und ich fürchtete schon um die so sehr herbei gesehnte Langeweile. Dabei war ich zugegebenermassen trotzdem immer mehr als nur glücklich, nicht mehr als Problemlöserin und Lösungsfinderin für andere wirken zu müssen.

Eines Tages musste ich aber zugeben, dass mir die täglich vielen Mails, auch nette, fordernde, kritische Anrufe, Vorschläge, Kritiken und Lob fehlten. Niemand wollte mehr etwas von mir. Ich war sozusagen einfach verschwunden von der Bildfläche. Keine Anfrage für Texte, kein Austausch beim Kaffee, keine «Internas», die man ja trotzdem immer gerne hört.

Dann begann sich in mir plötzlich wieder die frühere Freude und Lust am Schreiben, Erzählen, Festhalten, Beschreiben zu melden, ganz sanft und doch fordernd. Und da bin ich nun, mit Freude sitze ich als Geschichtensammlerin wieder vor dem Bildschirm oder dem Papier und erzähle oder beschreibe. Ohne drohenden Abgabetermin und ohne Druck. Der wahre Luxus, das habe ich jetzt verstanden, ist gemäss Aussage meines Mannes: «Wir müssen nicht mehr hetzen, wir haben jetzt Zeit.»

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8 Kommentare

  1. Liebe Annamaria Ress
    Ich freue mich auf die kommenden Artikel von Ihnen. Ja, es ist ein »Sich neu finden». Älter werden fordert uns Mut und Kraft ab.

  2. guten Tag Frau Preuss
    ja, auch leidenschaftliches Engagement fordert Energie! Jetz dürfen wir Ungelebtes ausprobieren und das nach dem eigenen Lebensrhythmus! Ichbwünsche Ihnen und Ihren Mann viel SPASS IM NEUEN Lebensabschnitt.

    • Vielen Dank Verena Darwiche. Tatsächlich haben wir viel Spass! Auch wenn ich mich noch immer massregeln muss, wenn es um das Tempo geht. Nicht alles muss sofort erledigt werden…

    • Herzlich Danke, Peter Kalberer. ich habs mir notiert und überlege, was ich überhaupt beitragen könnte. Wir hören voneinander. Herzliche Grüsse, Annamaria

  3. Liebe Annemarie, du hast erkannt, was viele von uns schon erlebt haben oder noch erleben werden.
    Man freut sich über die neuen Freiheiten und langweilt sich plötzlich, weil niemand mehr nachfragt. Der fordernde Chef ist nun endlich weg. Doch Vorsicht: Diese Rolle wird oft schneller als erwartet wieder neu besetzt – durch den Partner oder die Partnerin :-).
    Termine für das Hüten der Enkelkinder, die Katze der Nachbarn und das Fitnessprogramm füllen schnell den Terminkalender. Bleibt da noch Freiheit?
    «Für immer Sonntag» Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=PNSIszUro_o&t=59s / Film: https://www.filmingo.ch/de/films/1450-fur-immer-sonntag
    Mein Hobby, das Coachen von Jungsenior:Innen

  4. Vielen Dank, liebe Rena Schwarz. Ja tatsächlich, es fordert uns. Aber – mindestens für mich – öffnet es auch neue Möglichkeiten. 🙂

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