Erfolgsverwöhnt war er immer – seit 1974, seit ich ihn kenne, kampferprobt insbesondere: Roger Schawinski (81), der die Schweizer Medienszene aufzumischen verstand und nach wie vor versteht wie kein anderer. Einer, der es mit allen Konkurrenten aufnahm, der Bundesbern bis hin zum Bundesrat herausforderte und selbst ein kleines, aber ansehnliches Medienimperium rund um Radio 24 aufbaute. Und als es auf soliden Beinen stand, veräusserte er es mit Geschick. Gegen 50 Millionen sollen dabei die Hand gewechselt haben. So genau weiss es wohl nur er selbst – und die Käuferschaft.
Statt sich der Musse hinzugeben, wie so viele, die ihren beruflichen Erfolg in ein beschauliches Rentnerleben ummünzen, konnte er es nicht lassen. Selbst bei seiner Hauptgegnerin, der SRG, genauer bei SRF, verstand er es, sich einzuschmeicheln und einen Sendeplatz zu ergattern, um mit seinem aggressiven Interviewstil die Prominenz der Schweiz weiterhin öffentlich vorzuführen. Doch nicht für immer. Urs Gredig sollte ihn ablösen und erreichte mit seinem einvernehmlicheren Gesprächsstil genau das, was die SRF-Verantwortlichen wollten: höhere Zuschauerzahlen, als Schawinski vor dem Bildschirm zu versammeln vermochte.
„Selbst ist der Herr“ – das war immer Schawinskis Devise. So lancierte er 2009 wiederum einen eigenen Radiosender mit einem nicht gerade bescheidenen Namen: Radio 1. Doch nun schlägt er Alarm: Zehn Millionen hat ihn sein Radio bis heute gekostet. Vor allem die Anfangsinvestitionen hätten noch nicht erwirtschaftet werden können. Jetzt könne sich der Sender zwar mit Werbung refinanzieren, aber auch nur deshalb, weil er in den 18 Jahren seit Bestehen des Senders als Geschäftsführer und Moderator keinen Lohn bezogen habe, liess er gegenüber dem Tages-Anzeiger verlauten.
Bild KI generiert
Der Werbeeinbruch ist tatsächlich dramatisch. Seit 2015 ist das in der Schweiz verbleibende Werbevolumen von rund vier Milliarden auf etwa 1,4 Milliarden Franken geschrumpft – abgewandert in die USA zu den IT-Giganten. Im Printbereich gar von drei Milliarden auf rund 650 Millionen. Nicht anders bei den Privatradios, deren Sorgen Schawinski besonders umtreiben. Denn in derselben Zeit hätten auch die Radiosender 80 Prozent ihrer Werbeeinnahmen verloren. Insbesondere die kleineren Sender, die keinem grossen Medienhaus angehörten, fielen in der nationalen Förderpolitik zwischen Stuhl und Bank, schreibt Schawinski in der NZZ.
Für ihn ist klar: Die Medien brauchen dringend neue Einnahmequellen, da die Branche in naher Zukunft nicht auf den Bund als Förderer zählen könne. So setzt er als mögliche Retter auf die Förderung durch Kantone und Städte sowie auf Stiftungen und Mäzene. Insbesondere Stiftungsgelder könnten zu einer zweiten Einkommensquelle für Medien werden, weil die rund 130’000 Stiftungen in der Schweiz über ein Gesamtvermögen von 140 Milliarden Franken verfügten. Allerdings weisen die meisten Stiftungen einen eher eng definierten Stiftungszweck aus, der Medien und insbesondere kommerzielle Unternehmen ausschliesst.
Nicht auszuschliessen ist künftig eine Medienförderung durch grosse Städte und Kantone, die an gut informierten Bürgerinnen und Bürgern interessiert sein sollten. Spontan winken diese jedoch ab: «Uns fehlen die rechtlichen Grundlagen», heisst es etwa im Kanton Zürich.
Was ist zu tun? Zuerst ist schlicht festzuhalten: In der Medienwelt wird bereits permanent umgesetzt und weitergeführt, was uns politisch und wirtschaftlich künftig blüht – die viel geschmähte Globalisierung. Schweizer Werbemilliarden fliessen ab in US-Unternehmen. Die Schweizer Medienlandschaft blutet derweil aus. Ein besonderes Ferment, der Sauerteig der direkten Demokratie, kommt uns zusehends abhanden.
Schawinski schlägt Alarm. Noch verhallt sein Hilfeschrei. Statt aufzuhorchen, spiegeln wir uns selbstgefällig und paralysieren uns mit der Frage: Abschotten wir uns, legen wir uns Fesseln an – oder nehmen wir aktiv und mitbestimmend am europäischen Markt und an der Weltwirtschaft teil? Am 14. Juni können wir uns entscheiden. Dabei sollten wir bedenken, was Georg Häsler in der NZZ schreibt: «Abschotten ist kein Garant für Souveränität – im Gegenteil.» Und dem Unermüdlichen, dem 81-jährigen Roger Schawinski, sei für seinen Alarm herzlich gedankt.
