Wenn die Ballettdirektorin des Zürcher Opernhauses, Cathy Marston, ruft, dann kommt ihr Publikum. Selbst am heissen Samstag vor einem langen Pfingstwochenende. Die Premiere von «Romeo und Julia» erfüllte alle Erwartungen: Das Ensemble des Zürcher Balletts begeisterte, und die Musik von Sergej Prokofjew mit Gianandrea Noseda am Pult war wie ein tönender Bilderbogen auf Veronas sonnendurchglühten Arkaden auf der Bühne.
Shakespeares «Romeo und Julia» mit der Musik von Sergej Prokofjiew ist einer der Klassiker, die auf allen grossen Bühnen nicht fehlen dürfen. Letztmals inszenierte Christian Spuck 2019 das Ballett für die Zürcher Bühne.
Getanzte Lebensfreude: Mercutio (Charles-Louis Yoshiyama) Romeos bester Freund. (Opernhaus Zürich/ Carlos Quezada)
Und jetzt Cathy Marston. Sie erzählt die Geschichte einer jungen Liebe, ihr Aufblühen und Verglühen im Tod in ihrer eigenen, sehr bildhaften Tanzsprache. Und das Zürcher Ballett folgt der Choreografin, zeichnet die Figuren nach ihren Eingebungen nach, ganz ohne Kämpfe mit Waffen, leider auch ohne Gift und Schlafmittel. Doch dazu später.
Der erste Akt – Marston reduziert das Stück auf zwei Aufzüge – beginnt mit der Jungengruppe der Familie Montagues, die akrobatisch, manchmal auch ziemlich derb, auf dem blumengeschmückten Dorfplatz von Verona ihre Spässe treiben. Mercutio, (Charles-Louis Yoshiyama) Romeos bester Freund sticht besonders hervor, ist witzig und unbeschwert, wie es Jungen halt so sind.
Verfeindete Familien
Der Jungschar in Jeansblau (Bühnenbild und Kostüme David Fleischer) folgt das anmutige Freundinnenpaar Julia und Angelica aus der Familie der Capulets, die das Heu so ganz und gar nicht auf der gleichen Bühne haben wie die übermütigen Montagues. In Marstons Choreografie ist die Begleiterin Julias keine behäbige Amme, sondern eine lebenslustige Begleiterin, der die jungen Männer durchaus auch gefallen.
Julia (Ayaha Tsunaki) und ihre Freundin Angelica (Inna Bilash) auf dem Dorfplatz in Verona.
Während die quirligen Montaguesjungen sowohl tänzerisch wie auch in der Musik das Leben feiern, tritt die Capuletfamilie gesetzt, mit einer üppig in Rot changierenden Tänzerinnenparade menuettartig auf. Sie wissen, was sich gehört und haben ihre Tochter Julia, an der Premiere getanzt von Ayaha Tsunaki, bereits dem reichen Adligen Paris (Sean Bates) versprochen.
Liebe wie ein Vulkan
Wenn da nur nicht die Liebe wäre! Romeo, getanzt von Karen Azatyan, und die ätherisch zarte Julia verlieben sich ineinander, schüchtern erst – Julias Verlobter funkt noch dazwischen –, dann aber in einem berührenden, so poetischen Pas de deux, wie man ihn selten sieht auf der Bühne. Der Mönch Lorenzo (Brandon Lawrence) kann nicht anders, als dem jungen Paar seinen Segen zu erteilen. Und das Zürcher Publikum liess sich, eine Seltenheit, zu einem begeisterten Szenenapplaus hinreissen.
Familienbild der Capulets. Ganz rechts Paris, Julias von den Eltern gewählter Zukünftiger.
Wie es so ist in einem Drama – dieser Idylle folgt der grosse Knall. Romeo tötet in einer Auseinandersetzung der beiden verfeindeten Familien Tybalt, den Cousin von Julia und muss fliehen.
Zweiter Akt: Die verzweifelte Julia erwägt, in der Hand eine Scherbe von demselben Spiegel, der auch Tybalt den Tod gebracht hat, sich umzubringen. Auf der rabenschwarzen Bühne legt sie sich zum Sterben nieder, bedeckt mit weissen Lilien, gefunden und betrauert von Familie und Freunden. Hier hätte man sich das Schlafmittel aus der Originalfassung gewünscht. Denn wie man an einer Spiegelscherbe sterben kann, ohne einen Blutstropfen zu verlieren und letztlich auch nur zum Schein, das erschliesst sich in dieser Zürcher Fassung nicht. Ausser man denkt an Selbsthypnose!
Der Liebe folgt der Tod
Denn auch der Schmerz des herbeigerufenen Romeo ist irgendwie überzeichnet. Es grenzt an den Tatbestand «Störung der Totenruhe», wie er da seine Julia über die Bühne schleift, sie hochhebt, ihre Arme um den eigenen Körper drapiert und sie wieder niederlegt und sich dazu, mit der Spiegelscherbe in der Hand. Julia erwacht, als ihr Geliebter schon tot ist – der Rest ist Geschichte. Trotz dieses Schlusses, der doch Fragen aufwirft, war der Applaus gross, wurden die Tänzerinnen und Tänzer begeistert gefeiert – sie haben es sich auch verdient.
Weitere Aufführungen 29./30. Mai/ 2./ 4./ 6./ 7./10./12./ 14./ 23. 26./ Juni
