Fussball beherrscht die Welt, ist in aller Munde. Nur hier nicht: im Fussball verrückten Land Italien. In Radda in Chianti treffe ich die Chefin des Touristikbüros und frage sie: „Warum ist von dieser riesigen Weltveranstaltung hier fast nichts zu spüren? Die Zeitungen quellen nicht über von Fussball-Geschichten, wie jeweils während der italienischen Meisterschaft der Serie A. Die Fernsehsender warten nicht mit Sonderleistungen auf, von einem Wettstreit der Sender oder von Kommentatoren untereinander, wie man diese Konkurrenzsituationen in der Schweiz oder insbesondere aus Deutschland kennt, kann keine Rede sein.“ Sie neigt den Kopf und sagt: „Du weisst, ich bin gebürtige Holländerin und etwas betrübt, weil mein Heimatland, die Niederlande, gegen Marokko im Penaltyschießen 2:3 verloren hat und ausgeschieden ist. Die Niederlande weint deswegen“. «Na ja, das kann ich nachvollziehen. Aber gibt es denn keine Fragen von Touristen nach Public Viewings, nach öffentlichen Liveübertragungen von WM-Spielen?“ „Nee, hier nicht, vielleicht in Florenz.“ Und dann fügt sie hinzu: „Italien ist ja gar nicht an diesem Spektakel beteiligt. Es ist aussen vor.“
Tatsächlich: Die italienische Fussballnationalmannschaft, die Squadra Azzurra, hat die Qualifikation für die WM 2026 nicht geschafft – zur riesigen Enttäuschung ihrer Fans, zum dritten Mal hintereinander. Das löste in Italien einmal mehr eine mehrtägige „Staatstrauer“ aus. Kein Wunder: Mit vier Weltmeistertiteln (1934, 1938, 1982, 2006), zwei Europameistertiteln (1968, 2021), zwei Erfolgen im Europapokal der Fussball-Nationalmannschaften (1927–1930, 1933–1935) sowie einem Olympiasieg (1936) gehört die Squadra Azzurra historisch zu den erfolgreichsten Nationalmannschaften der Welt. Diesmal unterlagen die Italiener bei ihrer letzten Chance in der Qualifikation Bosnien und Herzegowina dramatisch im Elfmeterschiessen. Nun schmollt Italien und hofft auf bessere Zeiten.
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Und Deutschland? Unser ebenso fussballverrücktes Nachbarland leckt nach der blamablen Niederlage gegen den Fussballzwerg Paraguay die Wunden. Der Bundestrainer Julian Nagelsmann (38), der 7-Millionen-Mann, gab bereits auf; der Druck der Medien und vieler Fans war schlicht zu gross. Jürgen Klopp (58), seit Jahren Wunschtrainer vieler Fans, brachte sich als Nachfolge gleich selbst ins Gespräch, wird mit wahrscheinlich 10 Millionen Jahresgehalt gar etwas teurer sein.
Ganz anders die Stimmung in der Schweiz. Tausende stehen frühmorgens auf, um bei Public Viewings vor Grossbildschirmen mitzuerleben, wie die Nati, wie die NZZ danach schreibt, Algerien „effizient, abgeklärt, reif und mit fast unheimlicher Souveränität schlägt“. Was für eine Einschätzung der alten Tante von der Falkenstrasse in Zürich. Sie stellt damit den Blick, der in der Nachbarstrasse geschrieben, redigiert und produziert wird, fast beiläufig in den Schatten. Die Boulevard-Leute von der Dufourstrasse sehen es nüchterner. Sie hoffen, dass Elan, Kraft und der gewachsene Teamgeist reichen, um im Achtelfinal gegen Kolumbien zu bestehen – und vielleicht noch darüber hinaus. Freude und Jubel wären grenzenlos. Gegen Algerien setzte Murat Yakin (52) 16 bewährte Kräfte ein. Eine bunte Truppe, 11 davon mit Migrationshintergrund. Eine bemerkenswerte Vielfalt, aus der Yakin eine Einheit geformt hat: robust in der Verteidigung, druckvoll im Angriff, ideenreich vor dem Tor. für Erfolg, gerade bei einer WM in Mexiko, den USA und Kanada, braucht es drei Dinge: Zuerst muss die Qualifikation gelingen – anders als bei Italien. Dann muss eine Nationalmannschaft aus Vielfalt eine Einheit formen und den Erfolg wirklich wollen. Und sie muss spüren, dass ein Land hinter ihr steht. So wie Sofie, die Holländerin in Italien, die auch nach der schmerzlichen Niederlage ihrer Nationalmannschaft gegen Marokko aus der Ferne solidarisch mit ihr „trauert“.
Die Nati repräsentiert nicht allein das Sportland Schweiz. Sie steht mit für ein Land, das längst von Vielfalt geprägt ist. Denken Sie an die Kambundji-Schwestern, an Audrey Werro, die über 800 Meter plötzlich zur Weltspitze gehört, nicht zuletzt an Roger Federer, der eine südafrikanische Mutter hat. Sie alle – und noch viele mehr – machen die Schweiz aus. Und das wird an dieser Fussball-WM mehr als deutlich.
Nachtrag: Die Schweiz kann weiter jubeln. Die Nati schlägt Kolumbien nach hartem Kampf im Penaltyschiessen. Und es geht tatsächlich darüber hinaus: Die Nati steht im Viertelfinal und trifft am frühen Sonntagmorgen auf Weltmeister Argentinien.


Kein grosses Spiel aber ein grandioses penalty-spektakel. Grandios. Freude herrscht. Weiter so!
Monstersport Fussball, den jetzt auch Frauen ausüben dürfen🤾und wie sie bewiesen haben, auch können. Trotzdem bleibt Fussball wohl noch länger eine Männerdomäne aus zwei Gründen: Einem Ball hinter her zu laufen mit der simplen Absicht, diesen ins gegnerische Tor zu kicken und dafür Beifall zu bekommen, ist für viele stellvertretendes Siegen über die anderen, die Verlierer.
Zweitens., FIFA Präsident Infantino zeigt der ganzen Welt, dass Fussball auch eine Ware ist, mit der man(n) sehr mächtig und sehr reich werden kann und Einfluss in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nehmen kann, was er auch tut.
Nebenbei: Wer bisher glaubte, Männer könnten keine Gefühle zeigen, wird eines besseren belehrt. Viel Einfühlungsvermögen und tiefe Emotionen bis zu brennendem Hass ist möglich, wenn es um Fussball geht. Doch ist dieser Riesenaufwand und die Milliarden für eine WM deshalb Frieden fördernd und Völker verbindend? Ich habe da meine Zweifel.