Unter den vielen Sommertheatern sticht heuer eines besonders heraus: Der Verein «Freilichtspiele Tellenburg» zeigt in Frutigen die wahre Geschichte der am Ende des zweiten Weltkriegs in Adelboden internierten US-Piloten. Die Inszenierung macht deutlich, wie sehr die Fremden das Dorf veränderten.
Im Berner Oberland ist die Geschichte bekannt, im Rest der Schweiz eher weniger: Zwischen 1943 und 1945 warteten in Adelboden zeitweise rund 600 US-Luftwaffenangehörige, alles Offiziere und Unteroffiziere, sowie 700 britische Armeeangehörige auf das Ende des Kriegs. Die Bordbesatzungen waren nach Flabbeschuss über Deutschland oder technischen Problemen mit ihren Flugzeugen in der Schweiz notgelandet und wurden hier interniert. Die Haager Konvention sah vor, dass neutrale Staaten wie die Schweiz Militärangehörige von Kriegsparteien nicht in ihre Heimatstaaten zurücküberstellten, weil man nicht wollte, dass diese wieder in den Krieg ziehen mussten.
Historische Aufnahme des 1996 abgebrannten Hotels Nevada Palace. Foto ZVG
Die mehrheitlich jungen, attraktiven Fremden wohnten in Adelboden in grossen Hotels, unter anderem im Nevada Palace. Für die Kosten kamen die Regierungen in Washington und London auf. Tagsüber spielten die Gäste Eishockey, lernten Skifahren oder vergnügten sich beim Kartenspiel. Abends tanzten sie in den Hotels zu neuer Musik (Jazz) und vergnügten sich mit gleichaltrigen Einheimischen. Sie brachten Coca Cola, Kaugummi, das Koffergrammophon sowie den Slip ins Tal.
Mit Kartenspielen verkürzten die singenden Piloten ihren Tag.
Liebschaften mit grossen Gefühlen
Adelbodner Mädchen sollen von den Fremden und deren feschen Uniformen fasziniert gewesen sein. Da es im Krieg an jungen Einheimischen fehlte, entstanden Liebesbeziehungen zwischen den Auswärtigen und Adelbodnerinnen. Während das lokale Gewerbe über die Anwesenheit zahlender Gäste erfreut war, reagierten Traditionalisten sowie gläubige Kreise ablehnend auf das Treiben im Dorf. Mit einem Ausgangsreglement sowie einer Verpflichtung zur Arbeitsleistung wollte man die Situation unter Kontrolle behalten.
Dorflehrerin Susanne findet Gefallen an Ken aus Nebraska.
Über diesen Kulturclash hat der Berner Autor, Theater- und Musicalproduzent Ueli Bichsel unter dem Titel «The Singing Pilots – und ein Dorf steht Kopf» ein ebenso unterhaltendes wie lehrreiches Volksstück geschrieben. Dabei kombinierte er historische Fakten, bekannte Lokale sowie Charaktere von Adelbodner Persönlichkeiten mit fiktiven Erzählungen und entwickelte neue, fantasievolle Geschichten sowie Episoden. Das Freilicht-Singspiel, begleitet von einer dreiköpfigen Band, ist verpackt in eine Direktreportage von Radio Beromünster aus Adelboden, die von einem Reporter kommentiert wird. Regie führte Mitja Staub.
Heile Welt….
Der erste Teil beginnt mit der Ankunft eine Gruppe von US-Piloten, die von der Dorfbevölkerung neugierig beschnuppert werden. Auf der Bühne wird ein Extra-Blatt verteilt, das in der Pause auch vom Publikum gekauft werden kann. Der Gemeinderat tritt zusammen und diskutiert die für das Dorf neue Situation. Viele Adelbodner Männer stehen an der Grenze, die Hoteliers sind erfreut, die leerstehenden Zimmer füllen zu können. Der Sporthändler wittert das grosse Geschäft mit Skivermietungen, während andere Gemeinderatsmitglieder vor einem Sittenzerfall warnen.
Die Dorfbevölkerung weiss anfänglich nicht recht, wie den Fremden zu begegnen.
Nach der Pause werden die Folgen des Kriegs auf Adelboden thematisiert: Gewissensbisse plagen die Piloten. Während sie im Lohnerdorf Vergnügen sowie Sicherheit geniessen, kämpfen anderswo ihre Kameraden gegen die Nationalsozialisten, schlimmer noch: Brüder und Cousins sterben im Kampf.
Das schlechte Gewissen veranlasst einen der Piloten zur Flucht. Mit Hilfe des Hotelportiers Virgino und des Bahnhofvorstands von Frutigen reist er nach Genf, um sich in Frankreich den Alliierten anzuschliessen. Doch der Amerikaner wird erwischt und ins berüchtigte Gefangenenlager im luzernischen Wauwilermoos gebracht. Ernüchtert kehrt er von dort nach Adelboden zurück.
Hotelportier Virginio verhilft einem der Piloten zur Flucht.
Tolle Massenszenen
Höhepunkt des Singspiels ist das grandiose Finale: Der Krieg ist zu Ende. Die Internierten werden abgeholt, um in ihre Heimatländer zu reisen. Zurück bleibt die junge Lehrerin Susanne, die erfahren muss, dass der Vater ihres neugeborenen Kindes in Nebraska verheiratet ist und sie nun für immer verlässt. Anders Farmer Robert aus Wyoming: Er steht zu seiner Adelbodner Freundin Barbara, nimmt das Jobangebot des Dorfbäckers an und bleibt. Die Bevölkerung ist dank den Internierten um eine Erfahrung reicher, die bis heute nachwirkt.
Witzige Kinderszenen beleben die Inzenierung.
Bichsels Freilichtinszenierung lebt von toller Musik, inspirierenden Texten im «Adelbodner Diitsch» sowie vielen effektvollen Details: Während auf der Bühne das Spiel seinen Lauf nimmt, wird hinten im Saal des Nevada Palace getanzt. Vor der Sitzung hängen die Gemeinderäte ihre Hüte nach einer klaren Hackordnung an die Wand. Während die Dorflehrerin den Piloten dreimal pro Woche eine Stunde Deutschunterricht gibt, fällt die Bemerkung, dass auch die Adelbodnerinnen und Adebodner endlich richtiges Deutsch lernen sollten.
Adelbodner Eigenheiten
Eine Augenweide sind die «historischen» Kostüme der über fünfzig Darstellerinnen und Darsteller, darunter sechs Kinder. Authentisch, weil lokal verankert, sind viele Eigenheiten und Stimmungen aus der Talschaft: Die verbreitete Skepsis gegen kantonale und eidgenössische Erlasse aus Bern, der tief verwurzelte Wille zur Selbstbestimmung, der Einfluss der Glaubensgemeinschaften (Freikirchen), aber auch der Zusammenhalt und die Solidarität im Dorf. In Adelboden funktioniert das Mit- und Gegeneinander anders als in Bern, Zürich oder Basel.
«Spiritus Rector» Faustus konnte an der Premiere auch alt Bundesrat Dölf Ogi und dessen Ehefrau begrüssen.
Geplant, umgesetzt, getragen und begleitet wird die Freilichtaufführung von einem rund dreissigköpfigen Produktionsteam. Das halbe Dorf Frutigen ist engagiert. An der Premiere konnte der Produktionsleiter und ehemalige Gemeindepräsident Faustus Furrer zahlreiche prominente Gäste begrüssen, darunter den Kandersteger alt Bundesrat Adolf Ogi mit Gattin. Aus den USA angereist waren Lori Gallo mit Ehemann, Tochter Pamela und sechs weitere Verwandten.
Die 69-Jährige ist die Tochter von John Scott, der Bordingenieur des B-17-Bombers der US-Luftwaffe war. Sein Flugzeug musste am 17. August 1943 bei Utzenstorf auf einem Kartoffelacker notlanden. Die Besatzung blieb unverletzt und wurde in Adelboden interniert. Die Familie von Lori Gallo hat deshalb eine spezielle Beziehung zum Lohnerdorf.
Historisches Foto des bei Utzensdorf 1943 notgelandeten US-Bombers. ZVG
Titelbild: Die zwischen 1943 und 1945 internierten Piloten brachen Schwung, aber auch Unruhe ins Dorf Adelboden. Fotos: ZVG / Martin Wenger / Martin Dängeli
Aufführungen noch bis zum 8. August 2026. Das Freilichttheater spielt nur unweit vom Bahnhof Frutigen, weshalb nach Vorstellungsende die Züge nach Spiez, Interlaken, Thun, Bern, ja sogar nach Zürich und Basel problemlos zu erreichen sind.
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Freilichtspiele Tellenburg Frutigen

Ein Dorf steht Kopf.

