Nicht ganz ohne inneren Widerstand machte ich mich in diesen hochsommerlichen Tagen vom Land in die Stadt auf. Ein geplanter, notwendiger Arzttermin liess sich nicht umgehen. Genauer: Ich musste von den Hügeln der Toskana, wo in den vergangenen Tagen ein sanfter Luftzug Menschen, Blumenhecken, Sträucher, Bäume und Rebstöcke umspielte, mit dem Zug ins bleierne Zürich fahren.
Am Bahnhof Stadelhofen erwartete mich eine riesige Baustelle. Sie zu umgehen, trieb mir sogleich den Schweiss auf die Stirn. Unversehens stand ich mitten im prallen urbanen Leben: Tausende, so schien es mir, eilten von den Zügen weg oder auf sie zu, andere strebten schnellen Schrittes dem See entgegen. Und ich mittendrin.
Zu meiner eigenen Überraschung schoss mir ein völlig unvertrauter Gedanke durch den Kopf: «Wie schön wird es in der Stadt wieder sein, wenn sich die Menschen wieder normal kleiden.» Wenn also nicht mehr angespannte T-Shirts über Männerbäuche gespannt sind, spindeldürre Beine, entblösste Hinterbacken, kaum verhüllte Brüste und grellfarbene Minikleider das Strassenbild prägen.
Noch jetzt, da ich davon erzähle, erschrecke ich über diesen Gedanken. Was bin ich für ein Banause, dass ich mich daran stosse, wenn Menschen sich auf ein Minimum entkleiden, um diese Hitzetage irgendwie zu überstehen?
Oder gehört es in Zeiten des Aussergewöhnlichen beinahe schon zum Normalen, dass uns befremdliche Gedanken streifen, sich festsetzen und plötzlich Gewicht gewinnen? Etwa Donald Trumps Überzeugung, es gebe keinen Klimawandel – während gerade jetzt, verglichen mit gewöhnlichen Wetterlagen, auffallend viele ältere Menschen sterben. Nicht allein wegen der Hitze. Aber sie verstärkt, was alte Menschen ohnehin belastet: ein schwaches Herz, mühsames Atmen, den schweren Gang.
Besonders trifft sie jene, die ohnehin nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Statistiken zeigen, dass Menschen, die hart arbeiten und wenig verdienen, im Durchschnitt früher sterben als andere. Und eine neue Umfrage hält fest, dass 23 Prozent der AHV-Neurentnerinnen und -Neurentner in finanziell angespannter Lage noch nie von Ergänzungsleistungen gehört haben. Und das in der reichen Schweiz.
Um diese reiche Schweiz sorgt sich auch Georg Häsler, einer der profiliertesten Militärexperten des Landes. Er schreibt in der NZZ: «Wenn die Luftverteidigung nicht in nützlicher Frist aufgebaut wird, stellt sich die Frage, weshalb der Bundesrat überhaupt so viel Geld für die Armee ausgeben soll – und weshalb jedes Jahr 20’000 junge Menschen in die Rekrutenschule einrücken sollen?»
Ist die bürgerliche NZZ auf dem Weg zur «Schweiz ohne Armee»? Wohl kaum. Oder noch nicht. Eher handelt es sich um einen sommerlichen Druckversuch, ausgesendet von der Zürcher Falkenstrasse ins Bundeshaus – direkt an Martin Pfister im Bundesrat.
Lionel Sebastián Scaloni, der argentinische Fussballtrainer, sagte vor dem Halbfinalspiel seiner Mannschaft gegen England, es sei «ja nur ein Spiel». Was er seinem Team jedoch verordnet hatte, grenzte an Krieg. In der ersten Halbzeit grätschten die Argentinier den Engländern immer wieder in die Beine, oft gleich zu zweit. Als England nach der Pause sogar 1:0 führte, waren die Engländer derart mürbe gespielt, dass sie sich immer weiter in die eigene Hälfte zurückzogen und Argentinien das Feld überliessen. Gegen Schluss erzielten die Südamerikaner zwei Tore. Genauso hatte es Scaloni offenbar geplant.
So hätte es auch ausgehen können. Bild KI gneriert
Anders die Schweiz. Nach dem 1:1 im Viertelfinal gegen eben dieses Argentinien spielte sie beherzt weiter nach vorne und drängte den Weltmeister in die Defensive. Wie wäre das Spiel ausgegangen, wenn Breel Embolo nicht mit einer Schwalbe davongeflogen wäre? Ja, was wäre gewesen?
Sogar das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel widmete sich dieser Schweizer Schicksalsfrage und entwarf ein alternatives Ende: «Diese Schwalbe an der Mittellinie, im Zeitalter des Videobeweises – wäre wirklich Unsinn gewesen. Der Unparteiische versteht die Angst vor dem möglichen Kontakt. Es geht mit Schiedsrichterball weiter. Die Schweiz nutzt das Momentum. Granit Xhaka trifft, Argentinien scheidet aus, die Schweiz steht im Halbfinale und ist die Sensation der WM. Embolo jubelt nach dem Schweizer Weiterkommen nicht. Er geht zu Lionel Messi und tröstet ihn. Einige Zeit später erhält Embolo den Friedenspreis der Fifa.» So nimmt selbst Deutschland Anteil am Ausscheiden der Schweiz im Viertelfinal.
Ja, wir leben in Zeiten des Aussergewöhnlichen.
Nachtrag zur Fussball-WM: Am Schluss setzte sich durch, was den Fussball auszeichnet: Eleganz, Klasse und Geschlossenheit. Auf der Strecke blieben Härte, eine destruktive Taktik und die Hoffnung auf den einen: Messi wirds alleine richten. Spanien schlug hochverdient Argentinien 1:0 und ist Fussball-Weltmeister 2026.
Titel nach dem Final der Fussball-WM geändert und mit dem Nachtrag am 20.07.2026 ergänzt.

